Zugegeben, Baupolitik hat derzeit leider andere Prioritäten als Denkmalschutz und Zeitreisen in die Geschichte: Verkehrswende, bezahlbarer Wohnraum, vor allem aber klimagerechtes Bauen und Umbauen der überhitzten Städte. Wer wollte dem widersprechen? Ja, es ist gut für das Stadtklima, so viele grüne Bäume wie irgend möglich in die innere Stadt zu pflanzen. Besonders in Zeiten, in denen die einst mutige, auf Ursachenbekämpfung zielende Klimapolitik der Grünen von den Regierenden unverhohlen rückabgewickelt wird. Aber es ist nicht gut, wenn die gute Absicht Kollateralschäden verursacht, die die über zweihundert Jahre tradierte historische Identität der Stadt bis zur Unkenntlichkeit verhunzen.
Das Dilemma Klimaschutz versus Kulturschutz macht den Anfang Mai entschiedenen landschaftsgärtnerischen Wettbewerb über den grünen Umbau der historischen Münchner Innenstadt zu einem exemplarischen Fall: Eines der bedeutendsten europäischen Ensembles der Stadtbaukunst des 19. Jahrhunderts – die auf Initiative Kronprinz beziehungsweise König Ludwigs I. von seinen Architekten Leo von Klenze und Friedrich von Gärtner baumlos konzipierte Ludwigstraße – wird in einen „grünen Boulevard“ umgewandelt. Verkehrsberuhigt und vor allzu viel Sonnenglut geschützt, soll die einstige architektonische Prachtstraße als „Flaniermeile“ die Passanten „zum Verweilen“ einladen.
Zerstörung des denkmalgeschützten Ensembles statt „Fortschreibung“
Der erste Preis, das Pariser Büro Michel Desvigne Paysagiste, berücksichtige mit seiner geschickten Verteilung von „Bauminseln“ neben einigen verbleibenden Blickschneisen auf Fassadenausschnitte die Hauptbedingungen des Umbaus: das Freihalten der Flächen für die Open-Air-Konzerte „Klassik am Odeonsplatz“ sowie für die temporären Tribünen des Oktoberfestzugs und der traditionellen Trachtenparaden. So viel Geschichtspflege im Namen der Eventkultur muss sein.
Die Laudatoren sprechen euphemistisch von „Fortschreibung“ des rundum denkmalgeschützten „Ensembles von Weltrang“ ins 21. Jahrhundert und sogar von einem Musterfall des Umgangs mit unseren geschichtsträchtigen Altstädten. Das sollte nicht nur unter Kulturbürgern alle Alarmglocken schrillen lassen, denn das Gegenteil ist der Fall und offenbart die galoppierende Geschichtsvergessenheit und architekturhistorische Ignoranz der Verantwortlichen. Die Prämissen des Wettbewerbs zielen auf die Zerstörung der Denkmalcharakteristika dieses stadtbaukünstlerischen Gesamtkunstwerks, zu dem nicht nur die Bauwerke und ihre variantenreichen Fassaden, sondern auch die durch sie konstituierten Räume, Plätze und majestätischen Blickachsen gehören.

Dass eine Paradestraße, die als überlanger, architektonisch streng gefasster Saalplatz angelegt wurde, nicht ohne totalen Gesichtsverlust in einen lässigen „Boulevard“ transformiert werden kann (wie die Auslober meinen), ahnten sicherlich auch die wenigen Denkmal-Fachleute, die in der Jury saßen und vermutlich nur mitwirkten, um – wie es in solchen Konfliktlagen stets heißt – „das Schlimmste zu verhüten“. Es ist aber offensichtlich, dass die Preisaufgabe einen hinsichtlich technischer Machbarkeit und klimatischer Effektivität möglicherweise untauglichen Versuch am zweifellos untauglichen Objekt darstellt.
Es gäbe Dutzende geeignetere Straßen für die Begrünung
Warum gerade die Ludwigstraße und nicht die umliegenden öden Seitenstraßen und Brachen? Man wird den Verdacht nicht los, dass die Klimaangst willkommener Anlass zu einer semantischen Um- und Abwertung des noch immer wirkmächtigen Denkmalensembles ist, die sich als demokratische Aneignung eines ideologisch verdächtigen Erbes versteht.
Ja, die heute von vielen skeptisch als feudalistisch und elitär beäugte Prachtstraße zwischen Feldherrnhalle und Siegestor war ein Stück weit „Herrschaftsarchitektur“, die nicht nur Renaissancefassaden aus Florenz und Rom zitiert, sondern auch mit der napoleonischen Staatsarchitektur in Paris konkurrieren sollte. Dagegen setzte der zuständige Sachpreisrichter schon 1987 im Katalog der Ausstellung „Romantik und Restauration“ den Ton, indem er sich die Argumente der einst gegen den König opponierenden Ständeversammlung zu eigen machte und ein vernichtendes Urteil über dessen autokratische Baupolitik fällte: „Die gesamte Kunstpolitik Ludwigs war auf seine Selbstverherrlichung und seinen Nachruhm gerichtet, zu ihrer Durchführung war er buchstäblich bereit über Leichen zu gehen.“ Und ja: „Stern“-Gründer Henri Nannen schwärmte 1937: „Aus dem Kreuzweg der Bewegung wird die via triumphalis des neuen Reiches“, und Oswald Hederer eröffnete seine Monographie zur Ludwigstraße 1942 mit dem Konterfei des „Führers“.
Angesichts solcher Kontaminationen soll wohl nicht nur des Klimas wegen die Herrschaftsachse durch „Bauminseln“ gebrochen und unserem Lifestyle angepasst werden. Im Siegerentwurf wird der Odeonsplatz mit dem Reiterdenkmal des Königs, das ihm die dankbare Kommune erst viele Jahre nach seiner Abdankung stiftete, in eine riesige Buddelkiste verwandelt, damit unsere Kleinsten nicht zu heimlichen Monarchisten mutieren. Respektloser als durch Infantilisierung lassen sich die baukünstlerischen Botschaften „aus anderer Zeit“ wohl nicht marginalisieren.
Klenze ersann schon damals eine angemessene urbane Verdichtung
Zur Erinnerung: Wollte der Landschaftsplaner Sckell, dem die Neugestaltung des Englischen Gartens als erstem öffentlichen Volkspark Europas zu danken ist (von 1807 an, heute als „Nackertenparadies“ total übernutzte, schonungs- und pflegebedürftige grüne Lunge der Stadt), ursprünglich eine Allee durch die lockere ländliche Bebauung bis zum Dorf Schwabing führen, so ergriff der in Berlin und Paris ausgebildete Klenze die Chance, eine der Hauptstadt des jungen Königreiches und der damaligen Wohnungsnot angemessene urbane Verdichtung mitsamt repräsentativen Platzräumen und einer herrschaftlichen Magistrale durchzusetzen, die der ludovizianischen Stadterweiterung bis heute ein funktionierendes Rückgrat gibt. Er wollte verhindern, dass München sich bis Schwabing „hindorfen“ würde, und inszenierte mit seiner „Abfolge bedeutender architektonischer Bilder“ Bayerns Rang in Deutschland und Europa. Bei näherem Hinsehen stellt die Ludwigstraße sich jedoch auch als eine seinerzeit durchaus fortschrittliche Public-private-Partnership von Monarchie, Adel und aufstrebendem Bürgertum dar.
Bezeichnenderweise wurde nicht nach dem alten feudalistischen Immediatbausystem gebaut, dem zufolge sich alle Fassaden bis ins Detail dem königlichen Bauwillen unterwerfen mussten. Vielmehr konnten die Investoren sich je nach Größe des Geldbeutels individuelle Häuser errichten lassen, zum Teil – wie einhundertzwanzig Jahre später in der Berliner Stalinallee – als moderne Mietwohnungsblocks hinter Palastfassaden. Dicht schließen sich die Bauten zusammen, kein Haus gleicht dem anderen, eine Farbkarte mit Varianten des Anstrichs sicherte ein lebendiges, gleichsam gewachsenes und zugleich geschlossenes Erscheinungsbild.
Das gilt, nachdem München die zahlungsfähigen Privatiers ausgegangen waren, gleichermaßen für den nördlichen Abschnitt mit den modernen, der Daseinsfürsorge gewidmeten Staatsbauten Friedrich von Gärtners (Blinden- und Salineninstitut, Staatsbibliothek, Ludwigskirche und Universität), die wie Klenzes Palazzi zu den besten Werken des romantischen Klassizismus zählen und schon damals von Touristen aus ganz Europa bewundert wurden.
Es bleiben weiß Gott genügend innerstädtische Spielräume, um in München zukunftsweisende Akzente grüner Klimapolitik zu setzen, ohne zu signalisieren, dass die nach dem Krieg liebevoll reparierte Ludwigstraße dekonstruiert werden darf, weil sie manchem Zeitgenossen völlig aus der Zeit gefallen scheint (was ja gerade ihren Denkmalwert ausmacht). Im Prozess des grünen Stadtumbaus sollte sie eine möglichst authentisch erlebbare „Traditionsinsel“ bleiben, die uns – man denke an den fruchtbaren „Streitwert des Denkmals“ (Gabi Dolff-Bonekämper) – zum Nachdenken über die Höhen und Tiefen unserer eigenen Zeitgebundenheit verführt.
Der Autor lehrte bis 2013 Kunst- und Architekturgeschichte an der TU Berlin und amtierte von 1996 bis 2009 als Vorsitzender des dortigen Landesdenkmalrats.
