In einem kleinen Kurort in Baden-Württemberg werden riesige Mengen eines extrem klimaschädlichen Gases ausgestoßen. Es heißt Schwefelhexafluorid, kurz SF6, und der Emittent ist ein Chemiewerk des belgischen Konzerns Solvay in Bad Wimpfen bei Heilbronn.
Bekannt ist das seit mehr als einem halben Jahr. Und das Problem ist noch immer nicht behoben. Zwar würden die „zulässigen Werte im regulären Anlagenbetrieb im Tagesdurchschnitt eingehalten“, teilte das Regierungspräsidium Stuttgart vor Kurzem mit. Doch in einzelnen Betriebszuständen komme es „weiterhin zu deutlich höheren Emissionen“.
Vor gut einem halben Jahr hatte die Behörde Solvay erlaubt, den Betrieb unter strenger Überwachung weiterzuführen, und den Konzern zu technischen Verbesserungen verpflichtet. Dieser sogenannte Testbetrieb wurde vor Kurzem bis Ende Januar 2027 verlängert. Es ist der nächste Schritt beim Versuch, den SF6-Ausstoß in den Griff zu kriegen.
Bad Wimpfen geriet erstmals im Dezember national in die Schlagzeilen. Damals wurde bekannt, dass das dortige Solvay-Werk deutlich mehr SF6 ausstößt als zuvor bekannt. Die Anstrengungen der Klimaschutzpolitik auf Landesebene – Baden-Württemberg will bis 2040 klimaneutral sein – wirkten auf einmal ziemlich kleinteilig und hilflos. Denn die Klimaschäden, die die SF6-Emissionen verursachen, sind enorm: Ein Kilogramm emittiertes SF6 ist so klimaschädlich wie 24 Tonnen CO₂.
Für das Jahr 2023 meldete das Unternehmen dem Umweltbundesamt einen SF6-Ausstoß von 56 Kilogramm. Forscher haben jedoch in Südwestdeutschland einen SF6-Ausstoß von 30 Tonnen festgestellt, ein Großteil davon dürfte auf das Solvay-Werk entfallen. Mit Blick auf Klimaschäden entspricht das etwa 700.000 Tonnen CO₂-Äquivalenten. Zum Vergleich: Der innerdeutsche Flugverkehr stößt etwa eine Million Tonnen CO₂-Äquivalente jährlich aus.
Warum gibt es eine Regelungslücke für ein so schädliches Gas?
Eine Grenzwertüberschreitung dieses Ausmaßes war möglich, weil nach dem deutschen Immissionsschutzrecht Unternehmen derartige Emissionen selbst messen müssen – und weil es für SF6 keinen spezifischen Grenzwert gibt, sondern nur einen Summengrenzwert; er bezieht sich insgesamt auf die Stoffklasse. Das heißt: Welche Menge an SF6 je Anlage entweichen darf, ist nicht extra normiert.
Damit stellen sich einige Fragen: Wie kann es sein, dass es für ein derart klimaschädliches Gas eine so große Regellücke gibt? Und warum fiel die Diskrepanz erst so spät auf?
Entdeckt hat die ungeahnten Ausmaße des SF6-Ausstoßes der Atmosphärenforscher Andreas Engel mit seinem Team, durch Daten einer Messstation auf dem Kleinen Feldberg im Taunus. „Wir haben festgestellt: Wir messen viel höhere SF6-Konzentrationen als anderswo in Europa“, sagt Engel, Professor an der Goethe-Universität Frankfurt, im Gespräch mit der F.A.Z. Schon 2022 sei bekannt gewesen, dass es einen großen SF6-Emittenten irgendwo im Südwesten Deutschlands geben müsse. Durch Messungen, auf deren Basis man komplexe Modelle entwickelt habe, „konnten wir das räumlich deutlich besser eingrenzen auf den Großraum Heilbronn“, erklärt Engel. Anfang 2023 war für ihn und sein Team klar: „Das ist bestimmt Solvay – das ist ja auch der einzige Produzent von SF6 in Europa.“
Zwischen Anfang 2023 und Ende 2025, als das Problem bekannt wurde, liegen fast zwei Jahre. Warum wurde die Öffentlichkeit so spät informiert? Und weshalb hat es so lange gedauert, bis die Politik reagiert hat?
Die Öffentlichkeit erfuhr erst aus der Presse von dem Leck
Da ist einmal die behördliche Seite. Man sei zunächst auf das hessische Umweltministerium zugegangen, wo man ohnehin Kontakte hatte, sagt Engel. Das hessische Ministerium bahnte einen Kontakt Engels zum Umweltministerium Baden-Württembergs an, Anfang 2024 stellte Engel seine Messergebnisse in Stuttgart vor. Das baden-württembergische Umweltministerium hatte nach eigenen Angaben erstmals Mitte 2023 „auf Mitarbeiterebene“ vom „Verdacht einer großen Emissionsquelle im Norden von Baden-Württemberg“ gehört. Im Mai 2024 beauftragte das Umweltministerium das für die Aufsicht zuständige Stuttgarter Regierungspräsidium, die Firma Solvay zu überprüfen.
Ebenfalls im Mai 2024 sprach Engel zum ersten Mal mit Solvay. „Die haben gesagt: Okay, dann müssen wir suchen und gucken“, erinnert sich der Forscher. Nach einer anfänglichen Skepsis habe das Unternehmen Maßnahmen ergriffen und mit Messungen begonnen. „Diese Messungen sind nicht einfach, das ist nichts, wofür man im Elektrogeschäft ein Messgerät kaufen kann“, sagt Engel. Deshalb habe es ein Jahr gedauert, bis die „aufwendige chemische Spurengasanalytik“ Klarheit brachte und zeigte: Ja, das SF6 kommt tatsächlich aus dem Solvay-Werk.
Die Öffentlichkeit erfuhr erst deutlich später von dem enormen SF6-Ausstoß – aus der Presse. Medial war die Aufregung jedoch teilweise etwas zugespitzt, denn laut Umweltbundesamt ändert sich durch das Bad Wimpfener Gasleck an der deutschen Treibhausgasbilanz insgesamt nichts. Das liegt daran, dass die Emissionsbilanz von F-Gasen – zu denen SF6 gehört – überwiegend auf Daten beruht, die von Unternehmen gemeldet werden, und zu einem anderen Teil auf modellierten Daten. SF6 wird in der Energiewirtschaft und der Elektroindustrie genutzt, doch die Hauptquelle der Emissionen des Gases in Deutschland ist die Entsorgung von Schallschutzfenstern, in denen es früher verwendet wurde. Wie viel SF6 dabei freigesetzt wird und in die Atmosphäre entweicht, muss modelliert werden.
Engel und sein Team zeigten, dass ein Teil der Emissionen, die der Entsorgung von Schallschutzfenstern zugeschrieben worden waren, in Wirklichkeit auf das Solvay-Werk in Bad Wimpfen zurückzuführen ist. Die Forscher identifizierten also keine neue Emissionsquelle, sondern eine andere räumliche Verteilung und quellenspezifische Zuordnung der SF6-Emissionen als zuvor angenommen.
Dass Solvay der Emittent ist, sei „sehr offensichtlich gewesen“
Engel wirkt nicht verärgert darüber, dass seinen Erkenntnissen erst spät Taten folgten. „Jeder wünscht sich immer, dass alles schnell geht und sofort passiert“, sagt er. Im ersten Gespräch mit den baden-württembergischen Behörden sei ihm zwar „doch sehr viel Skepsis entgegengebracht“ worden, aber dafür habe er Verständnis. „Diese Diskrepanz zwischen dem, was wir abgeleitet haben, und den Angaben der Firma war so groß, dass man sich schwer vorstellen konnte, dass das stimmen kann.“
Hinzu kommt, dass die Messmethode sehr anspruchsvoll sei. „Wenn Sie eine Einleitung in einen Fluss haben, gibt es irgendwo ein Abgasrohr, dann können Sie vor und hinter dem Rohr messen und direkt sehen, wie groß die Emission ist“, erklärt der Forscher. Zur Feststellung von Emissionen in die Atmosphäre brauche man ein kompliziertes Modell, nur so könne man von der Messung an einer Station eine räumliche Verteilung der Emissionen ableiten. „Das ist kein gerichtsfester Beweis“, sagt Engel.
Es seien aber starke Indizien, zumal man sich in dieser Größenordnung keine andere Quelle vorstellen könne. Denn Schallschutzscheiben mit SF6 wurden nicht nur in Baden-Württemberg eingesetzt und werden nicht nur im Südwesten entsorgt, sondern deutschlandweit. Es sei also „sehr offensichtlich gewesen“, dass Solvay der Emittent des Gases ist, sagt Engel. „Aber man muss es eben auch belegen können, gerade bevor man an die Öffentlichkeit geht.“
Erinnerungen an ein altes Urteil wurden wach
Bei der zögerlichen Reaktion des baden-württembergischen Umweltministeriums spielte auch die Angst vor Schadenersatzforderungen eine Rolle. Dort erinnerte man sich an das sogenannte Birkel-Urteil aus dem Jahr 1990. Im damaligen Skandal um mikrobakteriell verseuchte Eier waren die Behörden gegen den Nudelhersteller Birkel eingeschritten, sie hatten dafür aber später Schadenersatzansprüche in zweistelliger Millionenhöhe zahlen müssen.
Dennoch kam das zurückhaltende Vorgehen der Behörden der baden-württembergischen CDU im Landtagswahlkampf gelegen: Da sowohl die Umweltministerin Thekla Walker als auch die Stuttgarter Regierungspräsidentin Susanne Bay bei den Grünen sind, konnten die Christdemokraten dem Koalitionspartner ausgerechnet in der Klimaschutzpolitik Nachlässigkeit vorwerfen.

Walkers Krisenmanagement kam auch beim damaligen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann und in der eigenen Partei nicht sonderlich gut an. Während der Koalitionsverhandlungen äußerten einige Grüne Zweifel an der Wiederberufung der Ministerin.
Solvay reagiert auf einen Fragenkatalog der F.A.Z., in dem unter anderem danach gefragt wurde, welche spezifischen Maßnahmen das Unternehmen ergriffen hat und wann es mit einer dauerhaften Einhaltung des Grenzwerts rechnet, nur mit einer allgemeinen Stellungnahme. Die Vereinbarung mit den deutschen Behörden stelle die „langfristige und wirtschaftlich tragfähige Fortführung“ der Produktion in Bad Wimpfen sicher. Das sei „wichtig für die Stabilität und Sicherheit des inländischen Stromnetzes“, da Solvay der einzige europäische SF6-Hersteller ist.
Gemäß dem Vertrag zwischen Unternehmen und Land hat Solvay mittlerweile Anlagen zur Reduzierung der Emissionen eingebaut, weitere sollen folgen, sodass der Summengrenzwert eingehalten werden kann. Um den SF6-Ausstoß auch in den Betriebszuständen weiter zu reduzieren, in denen die zulässigen Werte überschritten werden, bedürfe es größerer technischer Umbauten an der Anlage, heißt es aus dem Regierungspräsidium Stuttgart.
Umweltministerin Walker, die ihr Amt trotz der Kritik behalten durfte, sagt der F.A.Z.: „In der Rückschau hätten wir schneller reagieren müssen auf die Hinweise von Professor Engel.“ Heute funktioniere der Austausch zwischen Wissenschaft und Vollzugsbehörden sehr gut.
„Am Ende des Prozesses soll eine Produktionsstätte stehen, die auf neuestem Stand mit deutlich geringeren Emissionen produziert als die Konkurrenz in Fernost“, sagt die Ministerin. „Das wäre ein Gewinn fürs Klima und den Standort Europa.“ Auch an den Grenzwerten will Walker etwas ändern. Anfang des Jahres hatte sie zunächst per Bundesratsinitiative versucht, den Grenzwert für SF6 einzeln festzuschreiben. Damit kam sie nicht weiter. Nun versucht ihr Ministerium, dies durch Gespräche mit dem Bundesumweltministerium zu erreichen.
