Zwei Paare und zwei Fachwerkhäuser, jedes davon mit einem Stück Stadtmauer im Garten. Die einen haben den Umbau noch vor sich. Bei den anderen liegt er Jahre zurück, aber trotzdem geht der Blick nach vorne: Wie wäre es zum Beispiel mit Strom vom Dach?
Doch der Reihe nach. In Oberursel im Taunus haben sich etwa 40 Leute für einen Rundgang durch die Altstadt versammelt. Es geht um Denkmalschutz, aber nicht nur um das Schöne daran. Sondern auch um das Herausfordernde: Wie baue ich ein Denkmal um, um darin angenehm zu leben? Das interessiert Privateigentümer und Verwaltungsmitarbeiter. Eingeladen hat eine Initiative, die auch die Teilnahme Oberursels bei der World Design Capital organisiert. Bürgermeisterin Antje Runge (SPD) sagt, Design stehe auch dafür, „das, was schon da ist, in die Zukunft zu führen“. Also denkmalgeschützte Häuser mit moderner Haustechnik und erneuerbarer Energie nutzbar, bewohnbar, nachhaltig zu machen.
Startpunkt ist St. Ursula. Die katholische Kirche ist selbst ein Kulturdenkmal, und vom Turm aus geht der Blick über die roten Altstadtdächer. An der St.-Ursula-Gasse steht auch das erste Fachwerkhaus, das die Gruppe an diesem Abend anschaut. Die Eigentümer Sabine Kipp und Christian Brinkmann steigen die Sandsteinstufen des Eingangstreppchens hoch, sodass alle sie sehen können. Bevor das Paar das Haus erworben hat, stand es viele Jahre leer. Das um 1760 errichtete Gebäude hat zwei Stadtbrände überdauert und ist damit etwas Besonderes. Kipp nennt es ein „sehr, sehr ehrliches Haus“.
Zum Kauf hätten sie sich relativ kurzfristig entschieden. „Wir sind ein bisschen naiv herangegangen.“ Dann habe begonnen, was die Besitzerin einen „längeren Prozess“ nennt, für den sie sich etwas mehr „Transparenz im Hinblick auf zeitliche Abläufe“ gewünscht hätte. Das bauhistorische Gutachten ist inzwischen erstellt, die Planung schreitet voran. Zu Photovoltaik, Pelletheizung und Wärmepumpe sammeln die beiden noch Informationen. Sobald der Bauantrag genehmigt sei, würden die eigentlichen Arbeiten dann noch ungefähr anderthalb Jahre dauern, schätzt Brinkmann.
Dornröschenschlaf seit Jahrzehnten
Aus der Stadtmauer im Hinterhof rankt Efeu, auf dem Boden wachsen Brennnesseln, das Mauerwerk eines deutlich jüngeren Anbaus ist roh. Eine Teilnehmerin meint über die Umbaupläne: „Das ist mutig.“ Sabine Both, Leiterin der städtischen Denkmalschutzbehörde, berichtet, dass die Vorbesitzer das Haus vor rund 30 Jahren in Selbstarbeit saniert hätten.„Seitdem liegt es im Dornröschenschlaf.“ Dass es jetzt daraus erweckt wird, findet Both gut: „Wir freuen uns.“ Ihre Behörde berät Bauherren wie Brinkmann und Kipp, die Denkmäler umbauen. Außerdem erteilt sie die Genehmigungen dafür in Absprache mit dem Landesamt für Denkmalpflege Hessen.
Auch dessen Präsident Markus Harzenetter läuft beim Rundgang mit, der später noch zum historischen Marktplatz führen und am Alt-Oberurseler Brauhaus enden soll. „Denkmalpflege muss sich erklären“, sagt der Amtsleiter. Den Eigentümern gibt er den Tipp, für die Sanierung der Stadtmauer möglichst früh Fördergeld zu beantragen. Nötig dafür sei ein Kostenvoranschlag mit den verschiedenen Gewerken. Solche Vorhaben könnten relativ hoch bezuschusst werden, sagt Harzenetter. Der Fachbegriff dafür lautet „unrentierliche Maßnahme“: Die Stadtmauer wird nicht Teil des Wohnraums. Aber das Wohnumfeld wird schöner, wenn das Denkmal saniert wird.

So wie im Hinterhof des anderen Paares, das den Spaziergängern sein denkmalgeschütztes Ensemble zeigt. Antje und Klaus Winkler haben die zwei Gebäude am Marktplatz im Jahr 2012 gekauft und dann zum Wohnen und Arbeiten umgebaut. Wer vor der Familie schon alles in dem Fachwerkhaus vorne gelebt hat, kann Antje Winkler bis 1822 zurückverfolgen. Der frühere Stall ist weiß verputzt, an der Hauswand klettert eine Borte Glyzinien. Beim Einzug hätten sie noch gar nicht gewusst, dass in ihrem Garten ein weiteres Denkmal verborgen lag, sagt die Eigentümerin. Denn das Stück Stadtmauer war von einer Humusschicht bedeckt und kam erst 2014 ans Licht. Das Paar hat damals die Landesförderung genutzt, um sie mit originalgetreuem Sand und Mörtel zu restaurieren.
Eine Klimaanlage, Solarmodule oder eine Wärmepumpe haben die Winklers bisher nicht. „Aber die Themen kommen.“ Auch dabei ist das Landesamt für Denkmalpflege Ansprechpartner für Bauherren: In 99 Prozent solcher Fälle würden PV-Anlagen genehmigt, erfahren die Eigentümer und die anderen Teilnehmer im Innenhof. Dort wirbt Klaus Winkler auch noch etwas für die Marktplatz-Initiative, die zu dem Rundgang eingeladen hat, denn er und seine Frau sind Teil der Gruppe. Der Marktplatz soll nach ihrem Wunsch ein Ort der Begegnung sein – und möglichst bald ein Blätterdach gegen die Sommerhitze bekommen.
Dann dreht sich Klaus Winkler wieder zu dem Denkmal am Ende seines Rasens um. Steine und Fugen scheinen blank im Abendlicht, davor wachsen Hortensien. „Wir sind schon ehrlich stolz darauf“, sagt der Eigentümer. „Aber die Kinder finden es peinlich, dass jedes Mal, wenn jemand in den Hof kommt, erst mal unser Schmuckstück präsentiert wird.“
