Im September 1959 urteilte ein Bundesrichter in Alabama, die Rassentrennung in öffentlichen Parks in Montgomery sei illegal. Die Stadt reagierte. Sie schloss die Parks, füllte die Schwimmbecken mit Schutt und verkaufte die Tiere im Zoo. Heute steht diese Episode auf einer schwarzen Tafel am Bürgerrechtsdenkmal auf einem Hügel über Montgomery, Alabama. Es ist eine lange Liste, die zeigt, wie weit der amerikanische Süden ging, um die Rassentrennung aufrechtzuerhalten.
Zehn Autominuten entfernt sitzt der Jurist und Bürgerrechtler Bryan Stevenson in seinem Büro und sagt: „Das größte Übel der Sklaverei war der Mythos, Weiße seien besser als Schwarze.“ Dieses alte Glaubensmuster gebe es immer noch. Deswegen hat er die Gedenkorte in Montgomery geschaffen: neben der Freiluftausstellung zur Bürgerrechtsbewegung auch ein Museum, eine Gedenkstätte für die Opfer der Lynchjustiz und einen Skulpturenpark am Alabama River. Die „Legacy Sites“, Gedenkorte zur Geschichte der Sklaverei und ihrer Folgen.
Der Zoo in Montgomery öffnete erst 1972 wieder. Auf den städtischen Geschichtstafeln am Ufer des Alabama-Flusses ist bis heute keine Rede davon, dass hier im 19. Jahrhundert einer der wichtigsten Umschlagplätze des inneramerikanischen Sklavenhandels war. Sie verweisen auf die Gründung der Konföderierten Staaten 1861, die im Bürgerkrieg gegen die Abschaffung der Sklaverei kämpften, und die Bürgerrechtsbewegung, die in der Stadt in den Fünfzigerjahren ihren Anfang nahm.
Trump will eine makellose Geschichte
Stevenson, dessen Urgroßeltern versklavt waren und dessen Großeltern vor den weit verbreiteten Lynchmorden aus Virginia flohen, wollte mehr. Es ging ihm um eine „ehrliche Begegnung“ mit dem Thema, besser spät als nie. „Wir müssen die Geschichte nicht neu schreiben“, sagt Stevenson. „Aber wir müssen sie wahr erzählen.“ Genau darüber streiten die Vereinigten Staaten 250 Jahre nach ihrer Gründung.

Nach weniger als drei Monaten seiner zweiten Amtszeit erließ Präsident Donald Trump ein Dekret im Namen der „Wahrheit und Vernunft in der amerikanischen Geschichte“. Es gebe konzertierte Bemühungen, diese umzuschreiben, hieß es dort. Eine „revisionistische Bewegung“ wolle die „bemerkenswerten Errungenschaften“ des Landes untergraben und ein Gefühl der nationalen Scham schüren; historische Meilensteine würden in ein „negatives Licht“ gerückt. Besonderen Anstoß nahm der Erlass an dem Vorwurf eines bestehenden systemischen Rassismus in den Vereinigten Staaten.
Für die Regierung Trumps ist das Jubiläum der Unabhängigkeit Gelegenheit, eine makellose Geschichte der amerikanischen Demokratie nachzuerzählen. Die Sklaverei ist eine Fußnote, die auf den Regierungswebsites zum runden Jahrestag nur dann stattfindet, wenn es um die damaligen Bemühungen geht, sie abzuschaffen. Nationalparks und historische Parks sind dazu aufgerufen, ihre Inhalte zu überprüfen. Auch wenn eine Bundesrichterin den Erlass jüngst vorläufig stoppte: Geschichte dürfe nicht mit dem Tipp-Ex umgeschrieben werden.
Es sollte Montgomery für die Gedenkstätten sein
Museumsgründer Stevenson sagt: „Natürlich gibt es Dinge zu feiern. Aber eben auch solche, die wir kollektiv betrauern und bedauern sollten.“ Wer nur vom „besten Land aller Zeiten“ und glorreichen Errungenschaften spreche, der erkenne nicht alle Aspekte der amerikanischen Geschichte an. Das sei wie mit dem Kampf gegen Krankheiten: Um eine wirksame Behandlung zu finden, müsse man sie erst einmal erforschen. „Und dafür muss der Wille da sein.“
Stevenson trieb es als jungen Anwalt im Kampf gegen die Todesstrafe in den Achtzigern eher zufällig nach Montgomery. Doch seine „Equal Justice Initiative“, die sich gegen Ungleichbehandlung im Gerichts- und Haftsystem einsetzt, hat die Gedenkorte mit voller Absicht hier errichtet. Sie wollten es den Leuten zeigen: Wenn es ausgerechnet in dieser Stadt gelänge, etwas Monumentales zur Erinnerung an die Sklaverei zu schaffen, dann könne kein Ort in den Vereinigten Staaten mehr behaupten, dort sei das nicht auch möglich.

In Montgomery wurden im frühen 19. Jahrhundert so viele Sklaven gehandelt wie kaum sonst im Land. Noch 1963 stand der demokratische Gouverneur George Wallace vor dem weißen Kuppelbau des Kapitols in der Hauptstadt und rief: „Rassentrennung heute, Rassentrennung morgen und Rassentrennung für immer!“ Ein Ausspruch, von dem er später sagte, er bedauere ihn. Erst im Jahr 2000 hob Alabama offiziell das Verbot einer Ehe zwischen Schwarzen und Weißen auf.
Stevenson durfte nicht mit weißen Kindern spielen
Gleichzeitig brach sich von hier aus die amerikanische Bürgerrechtsbewegung Bahn. 1955 führte der Bus-Boykott Rosa Parks’ zum Ende der Rassentrennung im öffentlichen Nahverkehr. Zehn Jahre später sprach Martin Luther King nach dem Marsch für gleiches Wahlrecht vor 25.000 Menschen. Und Stevenson sagt, heute könne niemand mehr durch Montgomery laufen, ohne alle Aspekte dieser Geschichte zu kennen.

Die Aufklärung ist für ihn ein persönliches Anliegen. Der 66 Jahre alte Anwalt hat im Kampf gegen die Todesstrafe Fälle vor dem Obersten Gerichtshof gewonnen, seine Memoiren wurden 2019 verfilmt, mit Michael B. Jordan in der Hauptrolle. Und doch kann Stevenson sich an keinen Moment in seinem Leben erinnern, in dem er sich der unterschiedlichen Behandlung als Schwarzer nicht bewusst war.
Nachdem er als Grundschüler irgendwann auf eine gemischte Schule gehen durfte, verbot ihm die Lehrerin, in der Pause mit den weißen Kindern zu spielen. Die Leute riefen aus dem Auto heraus rassistische Beleidigungen auf den Schulhof. Als Stevenson mit seiner Schwester zum ersten Mal in seinem Leben in einem Hotel schlief und in den Pool sprang, verließen ihn alle anderen. Selbst nach einem Jurastudium in Harvard und Jahren als erfolgreicher Anwalt änderte sich das Gefühl der Ungleichbehandlung nicht.
Der nächsten Generation soll es anders ergehen
Einmal, so erzählt es Stevenson, saß er schon vor Beginn einer Verhandlung im Gerichtssaal, als der Richter hereinkam und schrie, er müsse vor der Tür warten. Er hielt den Anwalt für den Angeklagten. Als sich die Lage klärte, lachten der Richter und der Staatsanwalt. Auch Stevenson zwang sich zu einem Lachen. Später saß er dann im Auto und dachte: „Wow, ich bin ein Mann mittleren Alters, im besten Anzug, mit allen möglichen Abschlüssen, und ich muss immer noch über meine eigene Erniedrigung lachen, damit es meinem Mandanten nicht schadet.“

Es sei anstrengend, immer für „schuldig“ gehalten zu werden, sagt Stevenson. Doch es war ihm auch Ansporn für ein „neues Zeitalter der Wahrheit, Gerechtigkeit und Wiedergutmachung“, wie er sagt. „Ich will, dass die Kinder meiner Kinder die Last dieser Unterstellungen nicht mehr tragen müssen.“ So ähnlich steht es auch an einer Wand im letzten Raum des Legacy-Museums, das im vergangenen Jahr von einer halben Million Menschen besucht wurde.
Als Stevenson in Montgomery 2018 eine erste Ausstellung zur Lynchjustiz in den Vereinigten Staaten eröffnete, merkte er bald, dass der Platz nicht reichte. Drei Jahre später wurde das erweiterte Museum in einem rostbraunen Flachbau am Rand der Innenstadt Montgomerys wiedereröffnet, interaktiv, mit viel Videomaterial und Einzelschicksalen.
Erinnerung an mehr als 4000 Opfer von Lynchjustiz
An einer Stelle treten wie Geister anmutende Sklaven als Hologramme an vergitterte Zellentüren und erzählen ihre Geschichte. Besucher können sich am „Alphabetisierungstest“ für das Wahlrecht versuchen: Wie viele Kerne hat eine Wassermelone? Wie viele Fenster hat das Weiße Haus? Die Fragen waren dazu gedacht, schwarze Männer entgegen ihrem Recht vom Wählen abzuhalten.
Von Anfang an geht es im Museum auch um das Heute, „was getan werden muss“, um diese brutale Geschichte zu überwinden. So heißt es etwa: „Die Sklaverei wurde zu einem zentralen Teil der Entwicklung Amerikas.“ Und: Die steigende Zahl von Versklavten habe nach der amerikanischen Unabhängigkeit „außerordentlichen Wohlstand für eine neue Nation“ hervorgebracht. Das Legacy-Musem steht, wo früher Sklaven in einer Baumwollfabrik zur Arbeit gezwungen wurden.

Etwas weiter den Hang hinauf, im „National Memorial for Peace and Justice“, tragen Hunderte Stelen aus Stahl die Namen der Opfer der Lynchjustiz zwischen 1877 und 1950, insgesamt mehr als 4400. Einer von ihnen ist Otis Price, „gelyncht in Perry, Florida, im Jahr 1938, weil er an einem Fenster vorbeilief, während drinnen eine Frau badete“.
„Erlasse basieren auf missverstandener Geschichte“
Stevenson findet, Trumps Erlasse zur vermeintlich falschen Geschichtsschreibung basierten auf missverstandener Geschichte. „Nichts hat dieses Land mehr belastet als das Erbe der Sklaverei.“ Als der Schwarze George Floyd 2020 unter dem Knie eines weißen Polizisten erstickte und Millionen unter dem Ruf „Black Lives Matter“ auf die Straße gingen, hofften viele darauf, dass sich jetzt etwas ändern würde. Aber eine vierhundert Jahre alte Erzählung lasse sich nicht so leicht abschütteln, sagt Stevenson.
Zur selben Zeit begann auf der Rechten der Kulturkampf um die „Critical Race Theory“. Die Theorie hat ihren Ursprung in den Achtzigern und geht von Rassismus als einem systemischen und institutionellen Problem aus. In der politischen Debatte wurde das Stichwort häufig zum Sammelbegriff für jegliche Art von Antirassismus- und Diversitätskampagnen.

Mehr als 15 Bundesstaaten haben die Theorie inzwischen aus den Lehrplänen gestrichen, auch Alabama. Dort untersagte die republikanische Mehrheit im Bildungsausschuss 2021 Konzepte, die Personen „allein aufgrund ihrer ethnischen Zugehörigkeit“ Schuld, eine Tendenz zur Unterdrückung anderer oder die Notwendigkeit, „Schuldgefühle oder Qualen“ zu empfinden, zuschreiben.
Die Geschichte bringt Geld nach Montgomery
Trumps Einlassungen zur amerikanischen Geschichtsschreibung haben die Debatten abermals angefacht. In seinem Erlass wies er die größtenteils staatlich finanzierte, aber unabhängige „Smithsonian Institution“, einen Verbund aus Museen und Bildungsstätten in Amerika, an, ihre Ausstellungs- und Forschungsinhalte zu bereinigen. Neun amerikanische Militärbasen, die früher nach Südstaatengenerälen benannt waren, wurden vom Pentagon wieder auf ihre alten Namen umgeschrieben – allerdings unter Verweis auf andere historische Personen mit demselben Nachnamen.

Museumsgründer Stevenson findet es entmutigend, was dieser Tage aus Washington zu hören ist. Doch er versucht, den anhaltenden Diskussionen etwas Gutes abzugewinnen. Es sei, als habe jemand das Licht angeknipst. „Jetzt sehen wir, was wir sehen, und müssen damit umgehen.“ Zu lange sei das Thema im Dunklen gehalten und ignoriert worden, es habe keine Chance zur Besserung gegeben.
Er selbst muss nicht fürchten, dass die Regierung ihm in die Inhalte der Ausstellung reingrätscht. Das Museum und die Gedenkstätten sind privat finanziert, kein Cent Bundesgeld ist in die Projekte geflossen. Das lag auch daran, dass die Leute erst skeptisch waren, in Montgomery und in der Regierung von Alabama. Aber plötzlich stieg der Umsatz in der Stadt um ein Viertel, die Hotels wurden mehr gebucht, der Flughafen öfter angeflogen, „und so hat uns niemand öffentlich kritisiert“, sagt Stevenson. Die Unternehmer in Montgomery hat er längst auf seiner Seite.
Informationstafeln werden abgenommen
Was Trumps Erlass mit denjenigen macht, die von öffentlichem Geld finanziert werden, zeigt sich eine halbe Stunde vom Legacy-Museum entfernt. In einer Ausstellung zu den Bürgerrechtsmärschen zwischen Selma und Montgomery hängt ein Zettel, mit Tesa an die Wand geklebt. Darauf bittet der National Park Service um Hinweise: zu nötigen Reparaturen, möglichen Verbesserungen und „allen Schildern oder sonstigen Informationen, die sich negativ über verstorbene oder lebende Amerikaner äußern“.
Die Mitarbeiter wollen sich nicht dazu einlassen, aber laut Medienberichten wurden auch Informationen vom sogenannten Geschichtspfad in der Region „gemeldet“. Möglicherweise negative Wortwahl solle überprüft werden. Anderenorts sind Schilder und Ausstellungsteile schon entfernt worden. In Philadelphia etwa wurden Informationstafeln abgenommen, die an versklavte Menschen im Haus des ersten Präsidenten George Washington erinnerten.
In einem anderen historischen Park soll das Foto eines von einer Plantage in Louisiana geflohenen Sklaven von 1863 abgenommen worden sein. Die Aufnahme seines vernarbten Rückens zeigte die Gewalt der Sklaverei damals erstmals einem Massenpublikum. Im Legacy-Museum in Montgomery hängt das Foto noch an der Wand, übergroß. Zur Phase des Wiederaufbaus nach dem Bürgerkrieg heißt es dort, sie sei von rassischer Hierarchie und Lynchmorden geprägt gewesen, „eine Ära, von der sich diese Nation noch immer nicht erholt hat“.
