Als Donald Trump, Pete Hegseth und Marco Rubio anfingen, ihre Attacken gegen die NATO zu reiten, hat der „Zapfenstreich“ einige kräftige Änderungen erfahren. Und mit den jüngsten deutschen Debatten zur Wehrpflicht erst recht. Für Änderungen, je nach Stimmung, nach Publikum, nach Weltlage, ist bei der Performergruppe Boys in Sync immer Platz.
„Zapfenstreich“, 2025 zur „Woche junger Schauspieler“ eingeladen und derzeit auch mit dem Festival „Made“ der freien hessischen Theaterszene unterwegs, ist ebenso witzig wie treffend: Die Zeremonie des Großen Zapfenstreichs für die scheidende Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) ist Aufhänger für Fragen nach Männlichkeit, Macht, Stärke und Demokratie. Und so ernst die Themen sind, so lustig ist dieser Zapfenstreich auch, und die Kondition der fünf Performerinnen und Performer von Boys in Sync bewundernswert.
Der Name Boys in Sync ist Programm. Ein bisschen „cheesy“ und popkulturell sei er, sagt Simon David Zeller. Zugleich beschreibt er, was die fünf Mitglieder der Gruppe tun: Sie leben in vier verschiedenen Ländern, Deutschland, Dänemark, Schweden und Norwegen, und so sind sie permanent in Synchronisation, um Auftritte, Stückentwicklungen und Festivals unter einen Hut zu bekommen. Ein Glück, wenn, wie jetzt, gleich drei Stücke hintereinander im Rhein-Main-Gebiet zu sehen sind: an den Staatstheatern Wiesbaden und Darmstadt der „Zapfenstreich“, davor, bei den Wiesbadener Maifestspielen, die fiktive Schlagershow „InterEurovision“ und nun, zur World Design Capital, „Built to Break“ – ein performativer Stadtspaziergang auf den Spuren des Neuen Frankfurts.
Allrounder sind sie als Künstler alle, Ragni Halle, 37, aus Oslo, Simon David Zeller, 34, aus Frankfurt, Jakob Schnack Krog, 35, aus Kopenhagen, Livia Hiselius, 34, aus Göteborg und Gregers Hansen, 40, aus Oslo. Sie spielen, texten, singen, tanzen. Das tun sie auch allein und mit anderen Gruppen. Aber als Boys in Sync haben sie sich selbst eine Struktur gegeben, mit der sie seit 2019 ungewöhnliche Stücke schaffen. Witzig, klug, politisch, oft radikal und immer nah am Publikum. Seither touren sie durch internationale Festivals und Produktionshäuser, von Großbritannien bis Tschechien, docken an deutschen Stadt- und Staatstheatern an, ziehen Schritt für Schritt weitere Kreise.
Jeder soll in jeder Aufgabe etwas lieben können
Um alle diese Bälle in der Luft zu halten, ist eine Struktur nötig, die gutes Arbeiten erlaubt. Von diesen Fünfen könnte auch manches Unternehmen etwas lernen. Zum Beispiel, dass es die Zweit- und Drittbegabungen von Mitarbeitern sein können, die ein Projekt erst langfristig zum Erfolg bringen. Und dass sich so auch für hier ungeliebte Aufgaben dort eine Person findet, die sie leidenschaftlich gern erledigt. „Wir haben in einem Workshop alle Aufgaben definiert, die in einem Theater nötig sind“, erklärt Ragni Halle: von der Ideenfindung über das Catering bis zur Technik. „Dann haben wir uns gefragt, wer welche Aufgaben liebt, wer sie okay findet und wer sie hasst. Wir tun also, was wir lieben – oder zumindest nicht am meisten verabscheuen.“
Seither ist zum Beispiel klar: Gregers Hansen kümmert sich gern um die Social-Media-Plattformen, Halle schreibt lieber Förderanträge. Jede Materialsammlung für ein neues Stück schöpft erst einmal aus dem Vollen, die Gruppe legt sie wie kleine Workshop-Strukturen an und redet von „Pitches“ der Ideen, bis ein Konzentrat entsteht. Die Vorgabe: Jeder muss den Arbeitsprozess und das künstlerische Ergebnis als sein eigenes empfinden. Und es muss für jede und jeden mindestens eine Sache darin geben, die sie oder er wirklich liebt.
Damit sind die fünf gut gefahren, seit sie sich 2018/19 an der Internationalen Theaterakademie in Oslo kennengelernt haben. Im Grunde sind sie auch ein Ergebnis dessen, was das Erasmus-Programm der Europäischen Union seit Jahrzehnten anstrebt: die Vernetzung einer Generation, die langfristigen Austausch und Arbeitszusammenhänge über Länder und Sprachgrenzen hinweg anstrebt. In diesem Fall ist es der einzige Deutsche, Simon David Zeller, gewesen, der sich nach Oslo bewegt hat, noch ohne Norwegisch zu können. Arbeitssprache der fünf ist Englisch, gleichwohl, sagt Livia Hiselius, seien Dänisch, Norwegisch und Schwedisch nicht so weit auseinander. Ein bisschen Deutsch können sie mittlerweile alle – Krog sogar so gut, dass er mit Zeller zusammen „Built to Break“ auf Deutsch performt.

Dass sie das so lässig meistern, könnte seinen Grund in der inneren Geborgenheit der Gruppe haben: Sie sind beste Freunde. „Das ist unsere Stärke“, sagt Krog. Fürsorge füreinander und künstlerische Herausforderung bedingen einander. Wenn sie proben, dann meist in Frankfurt. Ihre „Heimat“ nennen sie die Stadt. Und Zellers Sachsenhäuser Wohnung, in der sie dann zusammenleben, kochen, abends Filme sehen und singen, ist das gemeinsame Zuhause auf Zeit. „Wir können einander sehr gut deuten“, sagt Ragni Halle. Die jeweiligen Partner der fünf in ihren Heimatländern könnten mit dieser intensiven Zusammengehörigkeit gut umgehen.
„Wir denken immer an das Publikum“
Wenn sie in Europa unterwegs sind, suchen sie sich immer Kooperationspartner am Ort. Sie haben ein Netzwerk vertrauter Theater, Dramaturgen und Musiker aufgebaut. Und „wir versuchen stets, die Landessprache des Publikums mit aufzunehmen“, erläutert Krog. „Wir denken immer an das Publikum“, sagt Hansen, „wir wollen mit ihm in jeder Aufführung auf eine gemeinsame Reise gehen.“ Gefühle zu wecken, sie auch zu bergen, genau auf das zu achten, was das Publikum bewegt, ist den fünf Künstlern enorm wichtig. Immer wieder geht es im Gespräch darum. Regelrecht zu studieren, wie das Publikum reagiert, Nähe auch auszuhalten, was nicht immer leicht ist, erproben Boys in Sync im Grunde, seit sie 2019 ihre erste gemeinsame Arbeit realisiert haben – als Abschluss der Theaterausbildung.
Ihre Arbeiten halten sie lange spielbar, die unterschiedlichen Doppeltalente kommen in ihnen zum Tragen: Halle etwa ist auch Puppenspielerin, Krog ausgebildeter Tänzer und Choreograph. Zeller bringt die postdramatische Ausbildung der Angewandten Theaterwissenschaften Gießen mit. Gastdozenten und Vorbilder haben sie mitgeprägt. Dass vieles in ihrer Haltung an erfolgreiche ältere Kollegen erinnert, etwa an Forced Entertainment, die Hingabe, die Präzision und Struktur in einer improvisierten Arbeit, auch die persönliche Verbindung, kommt nicht von ungefähr: Auch mit ihnen hatte das Kollektiv im Studium in Oslo zu tun.
Ortsspezifische Arbeiten sind seither entstanden, Theaterüberschreibungen, Shows, Arbeiten mit Laien und vor allem Performances, die auf das reagieren, was im Publikum geschieht. Das funktioniert am Deutschen Theater Berlin, wo sie in der nächsten Spielzeit arbeiten werden, ebenso wie vor dem Tresen eines Cafés in Bockenheim, in den Frankfurter Landungsbrücken und an den Staatstheatern in Wiesbaden und Darmstadt. Wobei sie außer im Frankfurt Lab und in den Landungsbrücken kaum an den freien Theaterorten der Region auftauchen. Die seien oft sehr in ihren eigenen Programmen gefangen, so Zeller – so manches Stadttheater habe mehr Interesse, neue Leute und neue Herangehensweisen zu zeigen als die freie Szene. „Sie suchen, und wir haben etwas Neues“, sagt er.
So kam auch „Built to Break“, ein performativer Stadtspaziergang, in das Programm der World Design Capital: ein Format, das Boys in Sync auf das in den Zwanzigerjahren entstandene Stadtviertel Bornheimer Hang in Frankfurt angepasst hat. Munter geht es, in diesem Fall mit Krog und Zeller, an den Wohnblöcken und Einzelhäusern vorbei, man erfährt etwas über die Ideen von Ernst May, über Wohnmoden, Nazis und Widerstandskämpfer, und davon, wie eine Kirche droht zu verschwinden. Denn für die katholische Kirche Heilig Kreuz, nach Plänen von Martin Weber 1928/29 errichtet, wird noch eine neue Verwendung gesucht. Dass die beste Verwendung diejenige der Kontemplation ist, bauen die Performer in „Built to Break“ als anrührende Schlusspointe ein, wenn ein Chor, dem man zu Beginn zufällig auf den Stufen der Freitreppe begegnet ist, im Kirchenraum zu singen beginnt. Und das Publikum sich ergreifen lässt.
