Der sogenannte Earth Overshoot Day, der Tag also, an dem wir Menschen die Ressourcen verbraucht haben, die uns die Erde für die Spanne des laufenden Jahres bereitstellen kann, beginnt morgens um halb acht mit einer Nachricht aus dem Radio: Die Chiemgauer Alpen brennen. Schon wieder, wie vor Wochen schon. In Berlin erzählt man sich seit Tagen von diesem Donnerstag, für den 37 Grad angekündigt sind, nein, man beschwört ihn eigentlich herauf, hast du schon gehört, 37 Grad, am Donnerstag?
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Alle haben immer noch Geschichten zu erzählen, wie sie die letzte Hitzewelle vor vier Wochen verkraftet haben, nicht nur hier. Ein befreundetes Paar aus Wiesbaden war Ende Juni kurz ins Hotel am Ende ihrer Straße gezogen, sie waren nicht die Einzigen, die das taten, das Hotel hatte Nachbarschaftsrabatte angeboten, und so konnten nicht nur die beiden dank Klimaanlage mal eine Nacht durchschlafen. Aber Klimaanlagen, sagte neulich ein Taxifahrer, im tiefsten Bayern, die machen doch alles nur noch schlimmer, wir müssen doch endlich alle zusammen etwas tun.
Fliehende, verzweifelte, aufgelöste Menschen
Es werden an diesem Erdüberlastungs-Donnerstag dann tatsächlich 37 Grad in Berlin und noch etwas mehr, anderswo im Land sind es sogar 40 Grad. Abends, bei geöffneter Balkontür und gelöschtem Licht, damit keine Mücken hereinkommen, aber es kommen ja kaum noch welche, sind die Fernsehbilder von den Waldbränden in Spanien und Frankreich in dieser Dunkelheit noch schwerer zu verkraften. Fliehende, verzweifelte, aufgelöste Menschen, wie an der Kette aufgereihte rote Feuerwehrwagen vor einer Wand aus Feuer und Rauch, Apocalypse now. In Bulgarien ist ein Kreuzfahrtschiff auf der Donau gestrandet. Auch Deutschland meldet austrocknende Flussbetten großer Ströme.
Die Erderwärmung treibt die Waldbrände im Süden an, sagt die Wissenschaft, man kann jetzt aber in den Zeitungen lesen, wie auch die sozialen Veränderungen der Landschaften dazu beitragen, dass es so heftig brennt: der Wegzug von Menschen, die früher den Boden bewirtschaftet haben, brachliegende, wuchernde Vegetation, wo mal Weiden waren, Zündstoff.
Man rettet sich von Baum zu Baum
In Deutschland, auch das sind Fernsehbilder vom heißen, dunklen Donnerstagabend, ist der Ackerboden metertief ausgetrocknet, Hubschrauber fliegen Patrouille über Feldern, suchen nach Rauchzeichen, einmal glauben die Piloten etwas Verdächtiges zu erkennen, aber es ist ein Bauer, der seine Ernte einbringen muss, wie so viele jetzt und viel zu früh, und der eine Staubwolke hinter seinem Trecker herzieht. In Berlin dagegen sollen auf der Torstraße quer durch Mitte immer noch 40 alte Bäume gefällt werden, weil der Senat die Straße umgestalten und bei vier Spuren für den Autoverkehr bleiben will. Man rettet sich in diesen Tagen hier wie in anderen Städten doch nur von Baum zu Baum, wenn man vor die Tür geht. Wer soll das verstehen? 37 Grad. Und mehr. Und nicht nur hier.
Dass die Bilder aus Frankreich und Spanien wie aus Kinofilmen wirken, ist abgedroschen. Aber man braucht diese Referenzen offenbar immer noch, um sie zu verstehen, einzuordnen, das Ausmaß der Katastrophe zu begreifen, die zur Serie wird. In der Literatur ist die Erderwärmung als Stoff schon seit Längerem präsent, in den neuen Romanen der nächsten Zeit finden sich auch wieder Titel, die sich entweder konkret (wie „Nach dem Ende“ der österreichischen Autorin Eva Schmidauer und „Orca“ von Franziska Gänsler) ausmalen, wie die Zivilisation mit der Klimaerwärmung ringt und nach Naturkatastrophen von Neuem anfängt.
Oder die die Abwesenheit der Ordnung, wie wir sie kennen, in eine Laboranordnung technologischer Machbarkeiten verwandeln (wie Simone Weinmann in „Im Winterschlaf besuche ich den Mars“ oder Sophie Stein in „Der neunte Kreis“). Oder die unerklärliche Phänomene vom Himmel her beschreiben, die die Menschen in ihren Bann ziehen (wie in „Die Kugel“ der tschechischen Autorin Klára Vlasáková).
Was all diese Geschichte verbindet, ist der Blick weg von den Katastrophenbildern, hin zu den menschlichen Verhältnissen. Wie werden wir leben, wenn es so weit ist? Was wird aus der Zivilisation, wenn die Infrastruktur zusammenbricht, auf der sie gründet? Die Antworten sind beunruhigend. Der Erdüberlastungstag erinnert auch daran, was gesellschaftlich auf dem Spiel steht, wenn es so weitergeht, 37 Grad und mehr.
