
Der Öl-Export kann ein gefährliches Abenteuer sein. Einige Tankschiffe wagen den gefährlichen Weg durch die Straße von Hormus. Sie navigieren in der Dunkelheit nah an der omanischen Küste, schalten ihre Transponder aus, um ihre Bewegungen vor dem iranischen Militär zu verbergen. Manche werden aufwendig geschützt vom amerikanischen Militär. Doch das Regime in Teheran, das die strategisch wichtige Meerenge in einem eisernen Würgegriff hält, bleibt eine stete Bedrohung. Immer wieder geraten Schiffe unter Beschuss.
Etwa 20 Millionen Barrel Röhol am Tag wurden vor dem Irankrieg durch die Meerenge verbracht, die den Golf von Oman mit dem Persischen Golf verbindet. Ebenso ein Fünftel des aus der Welt gehandelten verflüssigten Erdgases. Jetzt ist es laut Branchendiensten nur noch ein Bruchteil davon.
Ein Ende der Blockade ist nicht in Sicht. Derzeit scheint sich Teheran auf einen Abnutzungskampf mit den Vereinigten Staaten einzustellen. Die Islamische Republik will die Kontrolle über die Wasserstraße und das damit verbundene Erpressungspotential auf keinen Fall aufgeben. Das Regime in Teheran hat deutlich gemacht, Washington solle Offenheit für Dialog nicht mit Kapitulationsbereitschaft verwechseln. Kazem Gharibabadi, der stellvertretende iranische Außenminister, tönte unlängst: „Die Straße von Hormus gehörte Iran, gehört Iran und wird Iran gehören.“
„Der Hormus-Effekt lässt sich nur verwässern“
Der Druck auf die überlebenswichtigen Ölwirtschaften der Alliierten Washingtons am Golf dürfte daher so schnell nicht weichen. Und auch ein Ende des Irankriegs bedeutet nicht zwangsläufig eine dauerhafte Lösung dieses Problems. Die reichen Öl-Monarchien stellen sich daher schon jetzt darauf ein, dass die Straße von Hormus dauerhaft durch iranische Erpressungsversuche bedroht sein wird. Sie investieren Milliarden von Dollar, um die Energieexporte auf anderen Wegen zu verbringen, etwa in Pipelines und andere Infrastruktur. Außerdem treiben sie die Errichtung von Lagerstätten in Ländern wie Japan, Südkorea oder Indien voran, um im Krisenfall auf Reserven vor Ort zurückgreifen zu können.
Das alles sind kostspielige und zum Teil mit Risiken behaftete Unterfangen. Fachleute zeigen sich daher zurückhaltend, was deren Erfolgsaussichten betrifft. „Die Mengen, die durch die Meerenge transportiert werden, dürften das Vorkriegsniveau nicht mehr erreichen. Aber die Hormus-Route lässt sich nicht ersetzen. Der Effekt lässt sich nur verwässern“, erklärt der in Dubai ansässige Energiemarktexperte Bachar El-Halabi vom Branchendienst Argus Media. Ökonomen am Golf sprechen von einer langfristigen strategischen Vision, für deren Verwirklichung es Jahre, wenn nicht Jahrzehnte brauchen dürfte.
Nicht alle Staaten sind für dieses Projekt gleich gut aufgestellt. Zu jenen Golfmonarchien, die ihre Exportrouten mit besseren Chancen diversifizieren können, zählt Bachar El-Halabi Schwergewichte wie Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate. Die Führung in Riad nutzt schon verstärkt eine Ost-West-Pipeline in den Ölhafen von Yanbu am Roten Meer. Das Königreich kann auf diese Weise eine substanzielle Menge von etwa sieben Millionen Barrel Öl am Tag transportieren. Yassir Rumayyan, der Chef des staatlichen Ölkonzerns Aramco, hat diese Pipeline als „Lebensader“ bezeichnet. Saudi-Arabien arbeitet derzeit daran, diese Kapazitäten noch zu erweitern, und erwägt außerdem, eine zweite Leitung für raffinierte Öl-Produkte zu legen.
Neue Pipelines im Bau
Aber der Arm der iranischen Revolutionswächter und deren Schattenarmee arabischer Milizen reicht auch ins Rote Meer. Die von Teheran unterstützten und mit Saudi-Arabien verfeindeten Huthi-Rebellen bedrohen mit ihren Drohnen und Raketen saudische Tankschiffe und eine weitere strategisch wichtige Meerenge: das Bab al-Mandab (Tor der Tränen), das den Indischen Ozean mit dem Roten Meer verbindet. Die Huthi haben auch schon Öl-Infrastruktur in Yanbu unter Beschuss genommen, und auch die Ost-West-Pipeline selbst ist verwundbar.
Die Emirate arbeiten ebenfalls daran, ihre Abhängigkeit von der Hormus-Route zu verringern. Die Führung in Abu Dhabi hat den staatlichen Öl-Konzern Adnoc angewiesen, zügig den Bau einer neuen Pipeline zum Hafen von Fudschairah voranzutreiben, die 2027 in Betrieb genommen werden soll. Dieser Hafen liegt an der südlichen Ostküste der Emirate im Golf von Oman – und damit schon jenseits der Straße von Hormus. Mit diesem Projekt, an dem schon Tag und Nacht gebaut wird, will die emiratische Führung die bisherigen Transportkapazitäten verdoppeln.
Über die schon existierende Verbindung von Habshan nach Fudschairah können bis zu 1,8 Millionen Barrel Öl am Tag verbracht werden. Wie aber auch im saudischen Yanbu hat es im Verlauf des Krieges Angriffe auf den Hafen von Fudschairah gegeben. Iran hätte also die Möglichkeit, auch diese Exportroute mit Drohnen und Raketen zu behindern – auch wenn das natürlich mit hohen politischen Kosten für Teheran verbunden wäre.
Qatar und Kuwait sind mit größeren Herausforderungen konfrontiert
Adnoc hat außerdem bekanntgegeben, 8,2 Milliarden Dollar in den Ausbau seines Erdgasgeschäfts zu investieren. Das Unternehmen erwägt in diesem Zusammenhang den Bau einer Exportanlage für verflüssigtes Erdgas, die ebenfalls an der Ostküste liegen soll, wie Peter van Driel, Finanzvorstand des Konzerns, vor knapp zwei Wochen gegenüber Bloomberg TV erklärte. Es seien aber noch keine Entscheidungen getroffen werden.
Andere Energieexporteure am Golf stehen vor größeren Schwierigkeiten, weil sie keine Küsten jenseits der Straße von Hormus haben. Qatar zum Beispiel müsste lange, neue Pipelines zum Roten Meer verlegen und zudem extrem teure Anlagen zur Verflüssigung des Erdgases errichten. Diese wären mit politischen Kosten verbunden. Das schwerreiche Emirat würde sich auf diese Weise abhängiger vom guten Willen mächtiger Bruderstaaten wie Saudi-Arabien machen, über dessen Territorium die neuen Exportrouten verlaufen würden. Die Beziehungen zwischen beiden Ländern sind derzeit vergleichsweise gut. Sie waren aber nicht immer frei von Spannungen. Beobachter am Golf halten es für möglich, dass Doha offen wäre für ein eigenes Arrangement mit dem iranischen Regime.
Strategische Eigeninteressen stehen am Golf im Vordergrund
Kuwait steht vor ähnlichen Problemen. Ölminister Tariq Sulaiman sagte Anfang August der japanischen Nachrichtenagentur Kyodo, das Emirat erwäge Verbindungen über das saudische Netz ans Rote Meer oder in den Hafen von Fudschaira. Das Vorhaben sei „riesig”, sagte der Minister.
„Generell müsste die Erschließung neuer Exportrouten mit einer engeren Zusammenarbeit unter den Golfstaaten einhergehen“, erklärt Bachar El-Halabi. Das betrifft nach seinen Worten auch andere Vorhaben wie die Einrichtung von Handelskorridoren oder das Megaprojekt eines Eisenbahnnetzes, das die Staaten des Golfkooperationsrates (GCC) miteinander verbinden soll. „Es braucht Einigungen auf Freihandelszonen und verschlankte Zollverfahren.“
So etwas funktioniert in Einzelfällen. Doch derzeit sieht es nicht uneingeschränkt danach aus, als würden die arabischen Golfstaaten im Angesicht der Bedrohung durch Iran grundsätzlich enger zusammenrücken. Ein westlicher Diplomat spricht von einem „ultrapragmatischen Ansatz“, den die Führungen verfolgten. Dieser richte Zusammenarbeit allerdings in erster Linie nach den jeweiligen – zum Teil widerstreitenden – strategischen Eigeninteressen aus. Eine Umgehung der Straße von Hormus mutet daher auch wie ein politisches Großprojekt an.
