Zum Ausmaß des Schadens gab er keine Auskunft, doch seien die Schiffe im Zusammenhang mit der Anfang Juli gestarteten Aktion „Molotschka“ angegriffen worden – ein ukrainisches Akronym für „Moskau wird wegen der Krim fallen“. Seit Beginn der Aktion hat die Ukraine Browdi zufolge bereits 183 russische Schiffe getroffen, 119 davon im Asowschen und 64 im Schwarzen Meer.
Es geht der Ukraine darum, die Schattenflotte, die russisches Öl auf die Weltmärkte bringt, aus dem nördlichen Schwarzen Meer zu verdrängen, und auch darum, Moskau den Export von Getreide zu erschweren. Dazu zählt auch solches aus den russisch besetzten Gebieten. So wehrt sich die Ukraine dagegen, dass Russland mit Getreide aus diesen Gebieten auf dem Weltmarkt handelt und damit den Angriff auf ihr Land auch noch mit Geldern finanziert, die eigentlich der Ukraine zustehen.
Fast ein Viertel des russischen Weizenexports ist betroffen
Russland hat die ukrainischen Meldungen über im Rahmen von „Molotschka“ getroffene Schiffe bisher nicht kommentiert. Entsprechend wird auch nicht über mögliche Opfer der ukrainischen Angriffe berichtet. Womöglich, weil dies aufgrund von immer mehr ukrainischen Schlägen gegen Ziele tief im Hinterland der Aggressoren wie ein neuerliches Zeichen der Schwäche wirken würde.
Browdi meldete zudem 25 zerstörte russische Flugabwehranlagen sowie eine Reduktion des Fährverkehrs in der Meerenge von Kertsch um 75 Prozent. Drei von fünf Fähren seien zerstört worden, und die anderen beiden nicht mehr manövrierfähig, weshalb sie nur noch von Schleppern gezogen werden könnten. Zuvor hätten die Fähren zwischen 180 und 250 Fahrzeuge am Tag transportiert, 80 Prozent davon für das Militär, so Browdi. Die Meerenge von Kertsch, die zwischen dem russischen Festland und der Krim verläuft, ist eine wichtige Nachschubroute für die russische Armee, die neben der Halbinsel auch den Süden der Ukraine besetzt hält.
Bisher hat Moskau auch nicht offiziell bestätigt, was die Nachrichtenagentur Reuters am 10. Juli berichtet hat: dass aufgrund der ukrainischen Drohnenangriffe die (zivile) Schifffahrt auf dem Kanal, der den Fluss Don mit dem Asowschen Meer verbindet, faktisch eingestellt worden sei. Diese Route ist besonders für den Export von Getreide wichtig, das dann durch die Meerenge von Kertsch das Schwarze Meer erreicht. Auch die Durchfahrt durch diese Meerenge sei eingestellt, hieß es in der Reuters-Meldung.
Laut Medienberichten nehmen die russischen Häfen von Asow, Taganrog und Rostow am Don schon keinen Weizen mehr an. Fast ein Viertel des russischen Weizenexports sei betroffen. Für die russische Landwirtschaft ist das neben dem Treibstoffmangel infolge der ukrainischen Drohnenschläge gegen Raffinerien und Treibstofflager schon der nächste Schlag in dieser Saison.
Russland rächt sich mit Angriffen auf Häfen von Odessa
In diesem Lichte erscheinen die jüngst offenbar verstärkten russischen Angriffe auf die Häfen im südukrainischen Gebiet Odessa wie eine Racheaktion. Über diese Häfen werden normalerweise mehr als 90 Prozent des ukrainischen Getreideexports abgewickelt. Nach dem Überfall von Ende Februar 2022 hatte Russland die ukrainischen Exportrouten über das Schwarze Meer blockiert und damit eine Haupteinnahmequelle Kiews lahmgelegt.
Ab Sommer 2022 funktionierte der Getreideexport über das Schwarze Meer wieder, zunächst im Rahmen des sogenannten Getreideabkommens, das Moskau aber nach einem Jahr unter vielen Vorwürfen gegen die Ukraine und den Westen auslaufen ließ. Doch schoss sich die Ukraine den Weg gleichsam wieder frei, indem sie nach und nach rund ein Drittel der russischen Schwarzmeerflotte versenkte oder außer Gefecht setzte. Heute wäre Moskau insbesondere aufgrund der ukrainischen See- und Luftdrohnen nicht mehr in der Lage, eine Blockade der südukrainischen Schwarzmeerhäfen durchzusetzen.
Allerdings hat das russische Militär in den vergangenen Tagen besonders häufig Angriffe auf die Häfen von Odessa und Piwdenne gemeldet. Stets wird hervorgehoben, man habe auf Objekte gezielt, welche die ukrainischen Streitkräfte benutzten oder die in deren „Interesse“ benutzt würden.
Russland wollte den „globalen Süden“ nicht vor den Kopf stoßen
Bemerkenswert daran ist, dass Moskau mit allen drei Ländern, die außer der Ukraine und des Flaggenstaats involviert sind, also mit Indien, Syrien und der Türkei, ein Auskommen sucht oder gar einen Paarlauf auf geopolitischer Bühne inszeniert. Noch als Moskau vor drei Jahren den „Getreidedeal“ unter kaum verkappten Drohungen gegen Frachtschiffe auslaufen ließ, die sich ohne russisches Plazet durch das Schwarze Meer begäben, schreckte man vor solchen Attacken zurück. Wohl auch, weil man insbesondere die Führung in Ankara und Länder des vom Kreml hofierten „globalen Südens“, die auf Getreideimporte angewiesen sind, nicht vor den Kopf stoßen wollte. Der Angriff auf die „Golden Leo“ wäre ein Beleg dafür, dass das russische Regime immer weniger Rücksicht sogar auf Partner nimmt, die es selbst umwirbt.

Das russische Verteidigungsministerium kommentierte den ukrainischen Vorwurf nicht. Es teilte aber am Sonntag mit, mit Kampfflugzeugen und Drohnen zwei Frachtschiffe im Hafen von Odessa zerstört zu haben, deren Ladung einer „militärischen Bestimmung“ gedient habe, sowie zwei weitere Frachter nördlich der dem Donaudelta vorgelagerten Schlangeninsel, von denen die Ukrainer Drohnen gestartet hätten. Das russische Militär veröffentlichte auch Aufnahmen, die den Einschlag von Drohnen in zwei solcher Schiffe zeigen sollen; sie unterscheiden sich aber augenscheinlich von der „Golden Leo“.
Ebenfalls am Sonntag schrieb der dem russischen Verteidigungsministerium nahestehende Telegram-Kanal Rybar über einen neuen Angriff auf den Hafen von Piwdenne, „natürlich würde man sich die totale Zerstörung der Hafeninfrastruktur wünschen“, doch schon der Umstand, dass jetzt „systematisch“ angegriffen werde, sei ein Grund, sich „zu freuen“.
Die ukrainische Marine verurteilte den Angriff auf die „Golden Leo“ als „Terroranschlag auf die friedliche Schifffahrt und eine grobe Verletzung des humanitären Völkerrechts“. Der amtierende ukrainische Außenminister Andrij Sybiha warf Moskau eine „Terrorkampagne“ vor. Sein Ministerium benachrichtigte am Montag die Internationale Seeverkehrsorganisation sowie die Regierungen der Länder, aus denen die getöteten und verletzten Seeleute stammen. „Russland begeht Kriegsverbrechen und untergräbt die Sicherheit im Schwarzen Meer, indem es zivile Handelsschiffe angreift“, erklärte der neue ukrainische Ministerpräsident Serhij Koretskyj auf Telegram. Dies sei ein „Angriff auf die Freiheit der Schifffahrt“.
