Welche Konsequenzen die Entscheidungen eines Staatsanwalts nach sich ziehen können, erfuhr Benjamin Krause schon früh in seiner Karriere. Der 1979 geborene Jurist aus dem Landkreis Gießen war gerade einmal Mitte dreißig, da leitete er ein Verfahren ein, auf das seinerzeit ganz Deutschland blickte: die Ermittlungen gegen den SPD-Bundestagsabgeordneten Sebastian Edathy wegen des Verdachts des Besitzes von Kinder- und Jugendpornographie. „Ich erinnere mich immer wieder daran, welche Bedeutung solch eine Entscheidung für die Betroffenen haben kann“, sagt Krause, wenn er über diesen Fall spricht.
Dass er überhaupt einmal auf dieser Seite des Gesetzes stehen wird, hätte Krause lange Zeit selbst nicht gedacht. „Ich wollte nie Staatsanwalt werden“, sagt er. Am liebsten hätte er seine große Leidenschaft Sport damals zum Beruf gemacht, zum Beispiel als Sportmediziner, traute sich dann aber doch nicht. Sein zweites Hobby, die Musik, sollte genau das bleiben, ein Hobby. Und so überwog am Ende der Wunsch nach Sicherheit. Mit Jura, so dachte er, könne man immerhin alles Mögliche anfangen.

Promoviert worden ist Krause im Kartellrecht. Ein Praktikum in einer Großkanzlei brachte ihn jedoch davon ab, diesen Weg weiterzuverfolgen. Während seines Referendariats traf er am Amtsgericht Friedberg einen Zivilrichter, der ihn beeindruckte. Danach stand für Krause fest: Das will er auch machen. Weil ihm das damals geraten wurde, schrieb er in die Bewerbung für den Justizdienst, dass er notfalls auch bereit wäre, zur Staatsanwaltschaft zu gehen. Und genauso kam es dann auch. „Diese beruflichen Ziele, die ich hatte, haben nie funktioniert, aber letztlich war das gut, weil ich jetzt total zufrieden bin“, sagt Krause. Mehr als 15 Jahre später sitzt er in seinem Büro auf einem Frankfurter Parkhausdach mit Blick auf die Skyline. Seit zwei Jahren ist er Leiter der bei der Hessischen Generalstaatsanwaltschaft ansässigen Zentralstelle zur Bekämpfung der Internetkriminalität (ZIT).
Er bleibt nah an den Ermittlungen
Dass Krause zunächst gar nicht Staatsanwalt werden wollte, kann man sich heute nicht mehr vorstellen. Während bei vielen in der Justiz eine Leitungsposition dazu führt, dass sie sich hin zur Verwaltung und weg von der Praxis bewegen, hat man bei Krause immer das Gefühl, dass er ganz nah dran ist. Vielleicht, weil es eines der Dinge ist, die ihn am meisten an diesem Beruf interessieren: selbst ermitteln, bei Vernehmungen und Durchsuchungen dabei sein, auch wenn das mittlerweile in den Hintergrund gerückt ist.
Vielleicht aber auch, weil dem Leiter der ZIT gar nichts anderes übrig bleibt. In einer Gesellschaft, in der sich das Leben zunehmend im Digitalen abspielt und durch Entwicklungen wie der KI immer neue Möglichkeiten auch für Täter entstehen, sieht Krause es als Aufgabe, die Strafverfolgung stetig voranzutreiben. Oftmals sucht er dabei den öffentlichen Diskurs, manchmal auch den juristischen Konflikt. Das alles wirkt bei ihm aber nie wie eine von außen aufgebürdete Pflicht, sondern immer intrinsisch motiviert.
Viel ist es zumindest von außen betrachtet trotzdem. Aber Krause kann auch viel aushalten; zehn Jahre lang hat er zum teils schweren sexuellen Missbrauch an Kindern ermittelt. Der Familienvater sagt, er habe das gut von seinem Privatleben trennen können. Wenn er zwischendurch doch mal eine Pause braucht, lenkt er sich mit Sport ab, deswegen steht auf der Terrasse der ZIT auch ein Basketballkorb. Oder er schließt seine Bürotür und hört laut Musik.
Doch lange Zeit zum Verschnaufen bleibt ihm nicht. Dann stellt er sich wieder der nächsten Herausforderung – und das ist genau das, was Benjamin Krause an seinem Beruf liebt.
