Schneller Schlau
Der Dauerstreit über die Organspende
Von BASTIAN HAUSER (Text) und FELIPE GONZALEZ (Grafiken)
25. September 2026 · In Deutschland werden weniger Organe gespendet als in den meisten europäischen Ländern. Hilft eine Regel, nach der jeder zum potentiellen Spender wird, der nicht widerspricht? Ein Blick auf die Zahlen.
Es kommt selten vor, dass Abgeordnete im Bundestag davon berichten, wie ihre Angehörigen gestorben sind. Der vergangene Donnerstag war so ein Tag, denn der Bundestag diskutierte über die Widerspruchslösung bei der Organspende. Michael Kellner von den Grünen sprach etwa von einer Freundin, die Anfang des Jahres gestorben ist, weil sie nicht rechtzeitig eine Spenderleber bekommen hat. Man merkt also: Die Debatte über die Widerspruchslösung ist eine emotionale.
Die Widerspruchslösung sieht vor, dass jeder Mensch potentieller Organspender ist, sofern er nicht zu Lebzeiten widersprochen hat. Für die Abgeordneten ist es auch eine Gewissensentscheidung, entsprechend verläuft die Diskussion nicht – wie sonst meist üblich – entlang der Fraktionslinien. Insgesamt 254 Abgeordnete von CDU, CSU, SPD, Grünen und Linken hatten vor der Debatte am Donnerstag einen Gesetzesentwurf für die Einführung der Widerspruchslösung unterschrieben. 58 Abgeordnete derselben Fraktionen hatten wiederum einen Antrag unterzeichnet, der auch zu mehr Organspenden führen soll, dabei aber gegen die Widerspruchslösung ist. Abgeordnete der AfD hatten keines der beiden Papiere unterzeichnet, sprachen sich aber gegen die Widerspruchslösung aus.
Geht es nach den Befürwortern der Widerspruchslösung, soll ihr Entwurf noch dieses Jahr als Gesetz verabschiedet werden. Als wichtigen Grund nennen sie, dass es in Deutschland zu wenige Spenden gibt, um alle Menschen zu versorgen, die ein Spenderorgan benötigen. „Allein in dieser Sitzungswoche sterben ungefähr zwölf bis 14 Menschen in Deutschland auf der Warteliste für ein Spenderorgan“, sagte Hans Theiss, Arzt und CSU-Abgeordneter, am Donnerstag.
Im Jahr 2025 sind insgesamt mehr als 600 Menschen gestorben, während sie auf ein Organ warteten und auf der Liste standen. Das sind zwar weniger Menschen als in den Jahren zuvor, doch daraus könne man nicht schließen, „dass sich die Situation verbessert hat“, betont Torsten Verrel, Vorsitzender der Ständigen Kommission Organtransplantation, gegenüber der F.A.Z. Es könne auch sein, dass manche Menschen wegen ihres schlechten Gesundheitszustandes von der Warteliste abgemeldet wurden oder gar nicht erst auf die Warteliste gesetzt wurden. „Es gibt weiterhin eine massive Unterversorgung von Menschen, die auf ein Organ warten“, sagt Verrel.
Beide Papiere im Bundestag zielen darauf ab, die Anzahl der Organspenden zu erhöhen. Die Gegner der Widerspruchslösung sprechen sich in ihrem Antrag etwa dafür aus, durch eine bessere Kommunikationsstrategie mehr Menschen zu erreichen. Außerdem soll es möglich sein, in Ausweisstellen seine Entscheidung zur Organspende ins Organspenderegister eintragen zu können.
Laut einer repräsentativen Befragung aus dem Jahr 2024 befürworten 85 Prozent der Deutschen die Organspende – allerdings haben nur 45 Prozent ihre Entscheidung dokumentiert. Auch das ist ein Argument der Befürworter der Widerspruchslösung. Bundesgesundheitsminister Carsten Linnemann (CDU), der lange ein Gegner der Widerspruchslösung war, hatte im Interview mit der F.A.Z. erklärt, dass er unter anderem deswegen seine Meinung geändert habe.
Ein Blick ins Ausland zeigt: Die meisten europäischen Länder haben eine höhere Spendenrate als Deutschland – und die Widerspruchslösung. Die Verteilung der Organe verläuft aber auch über Landesgrenzen hinweg. Deutschland ist Mitglied der Organisation Eurotransplant, die Organspenden zwischen acht Staaten vermittelt. Als einziges Eurotransplant-Land ohne Widerspruchslösung hat Deutschland im vergangenen Jahr 200 mehr Organe aus den anderen Ländern bekommen, als es abgegeben hat.
Allerdings führt die Einführung der Widerspruchslösung nicht zwingend zu mehr Organspenden, wie das Beispiel Spanien verdeutlicht. Das Land mit der höchsten Spendenquote in Europa hat im Jahr 1979 die Widerspruchslösung eingeführt. Dann kam es zehn Jahre lang nicht zu mehr Organspenden. Erst als das Land seine Strukturen verbessert und etwa Personal besser ausgebildet, Koordinationsteams in den Kliniken eingerichtet und Krankenhäuser für ihren Aufwand bezahlt hatte, wurden mehr Organe gespendet. In Spanien sind außerdem Organspenden nach dem Herztod legal und machen dort mehr als die Hälfte der Transplantationen aus. In Deutschland muss der Hirntod festgestellt werden, bevor Organe entnommen werden können.
„Die Widerspruchslösung, sie ist kein magischer Schalter“, sagte Michael Brand (CDU) während der Bundestagsdebatte am Donnerstag. Menschen ohne Obdach, mit Sprachproblemen oder nicht diagnostizierter Demenz würden bei der Widerspruchslösung übergangen. Der Staat entscheide dann über sie, sagte Brand: „Wer mehr Organe will, muss Vertrauen stärken, nicht Zweifel säen.“
Dass die Widerspruchslösung kein Allheilmittel ist, zeigt auch der Blick über den Atlantik. Die USA haben eine ähnlich hohe Spendenrate wie Spanien. Dort gilt aber wie in Deutschland die erweiterte Zustimmungslösung: Wer Organspender werden will, muss das zu Lebzeiten festhalten oder die Angehörigen nach dem Tod entscheiden lassen.
In Deutschland warten die meisten Menschen auf eine Niere. Das ist auch in Spanien, den USA und anderen westlichen Ländern der Fall. Im vergangenen Jahr standen in Deutschland fast dreimal mehr Menschen auf der Warteliste für eine Niere, als Nieren transplantiert wurden. Bei der Leber oder der Lunge war das Verhältnis nahezu ausgeglichen. Das liegt unter anderem daran, dass jeder zehnte Deutsche Diabetes hat, was zu Nierenversagen führen kann. Dank Dialyse können diese Menschen jahrelang überleben.
Die Niere wird auch am häufigsten transplantiert. Hier ist zudem der Anteil der Lebendspenden am höchsten: weil die meisten Menschen zwei Stück haben und auch mit einer normal leben können. Im Jahr 2025 konnte man zu Lebzeiten nur an Menschen eine Niere spenden, die einem besonders nahestanden – etwa an Verlobte, Eltern oder Geschwister. Seit einer Gesetzesänderung im März 2026 kann man auch anonym an Menschen spenden, die man nicht kennt. Es ist also gut möglich, dass dieses Jahr noch mehr Menschen zu Lebzeiten eine Niere spenden.
Im Jahr 2020 hat der Bundestag mit großer Mehrheit ein Gesetz beschlossen, das die geltende Entscheidungsregelung stärken sollte. Kritiker der Widerspruchslösung argumentieren, dass das nicht ausreichend umgesetzt worden sei. Ein zentrales Organspenderegister wurde, erst zwei Jahre nachdem das Gesetz verabschiedet wurde, eingerichtet. Die Vorlagen, über die am Donnerstag debattiert wurden, wurden danach dem Gesundheitsausschuss zur weiteren Beratung überwiesen. Die Befürworter der Widerspruchslösung wollen noch dieses Jahr ein Gesetz verabschieden. Aber schon jetzt kann sich jeder auf der Website www.organspende-info.de über die Organspende informieren und auch einen Organspendeausweis bestellen.
