
Cole Tomas A., bezog sein Zimmer im zehnten Stock des Hilton-Hotels in der Washingtoner Innenstadt am vergangenen Freitag. Einen Tag, bevor im Ballsaal dort das jährliche Pressedinner in Anwesenheit Donald Trumps stattfand. Der 31 Jahre alte Kalifornier, Nachhilfelehrer für angehende Studenten und Videospieleentwickler, war nach Angaben des Justizministeriums mit dem Zug aus Los Angeles über Chicago in die Hauptstadt gereist.
Wie genau er seine Waffen – eine Schrotflinte, eine Pistole und mehrere Messer – unbemerkt mitbrachte, sei eine „gute Frage“, sagte der amtierende Justizminister Todd Blanche in einem Interview am Sonntag. Das könne er nicht mit Sicherheit beantworten. Laut Medienberichten vermuten die Ermittler, der mutmaßliche Täter sei mit seinen legal erworbenen Waffen im Gepäck aus Kalifornien gekommen.
Zum Motiv des Mannes gab es auch am Tag nach dem Vorfall zunächst keine offiziellen Angaben. Er war am Samstagabend bewaffnet durch die Sicherheitskontrolle der Veranstaltung gesprintet, hatte einen Beamten in die kugelsichere Weste geschossen und war wenig später festgenommen worden. Amerikanische Medien verbreiteten ein Schreiben, dessen Existenz Trump am Sonntag im Sender Fox News bestätigte. Der Präsident behauptete, eines sei „ganz sicher“, wenn man das „Manifest“ lese: „Er hasst Christen.“
In der ausführlichen Stellungnahme des mutmaßlichen Täters, die unter anderem von der „New York Post“ veröffentlicht und von anderen Medien wortgleich zitiert wurde, findet sich dafür kein direkter Nachweis. Sie beginnt mit der Bemerkung, er habe einige Leute vermutlich „ziemlich überrascht“. Außerdem wolle er sich bei seinen Eltern entschuldigen, denen er nur gesagt habe, dass er ein Vorstellungsgespräch habe – aber nicht, dass es für den „meistgesuchten Verbrecher“ sei.
„Erste echte Gelegenheit, etwas zu tun“
Eingangs bezieht der Autor sich offenbar auf Präsident Trump, nennt aber keinen Namen. Er, eine „halb schwarze, halb weiße Person“, sei „nicht länger bereit, dass ein Pädophiler, Vergewaltiger und Verräter meine Hände mit seinen Verbrechen befleckt“. Als amerikanischer Staatsbürger falle auf ihn zurück, was seine Volksvertreter täten. Dies sei nun die „erste echte Gelegenheit“, etwas dagegen zu unternehmen. In einem CBS-Interview am Abend nach der Passage gefragt, reagierte Trump aggressiv. Die Journalistin sei eine „Schande“; er habe aber gewusst, dass sie ihn danach fragen werde. Er sei „keine dieser Sachen“, weder ein Vergewaltiger noch pädophil.
Der mutmaßliche Täter benannte seine Angriffsziele in dem Brief klar: Mitglieder der Regierung mit Ausnahme des FBI-Direktors Kash Patel, „priorisiert vom Wichtigsten bis zum Unwichtigsten“. Justizminister Blanche machte am Sonntag klar, damit sei „wahrscheinlich“ auch der Präsident gemeint gewesen.
In dem Schreiben, in dem der Mann sich als „Friendly Federal Assassin“ bezeichnete, waren „voraussichtliche Einsatzregeln“ aufgelistet. Wenn möglich, sollten Beamte des Secret Service demnach auf nicht-tödliche Art und Weise außer Gefecht gesetzt werden. „Ich hoffe, sie tragen Schutzausrüstung“, schrieb der mutmaßliche Täter, „denn ein Schuss in die Körpermitte mit Schrotflinten hat verheerende Folgen für Leute, die keine tragen.“ Sicherheitsleute des Hotels, die Kapitolpolizei und Nationalgardisten sollten nur angegriffen werden, sollten sie den Schützen angreifen. Über Hotelangestellte und Gäste des Pressedinners hieß es, sie seien „absolut keine Ziele“.
Der mutmaßliche Täter schrieb allerdings auch, er werde trotz allem „fast jeden“ aus dem Weg räumen, „um an die Zielpersonen heranzukommen“. Die meisten hätten sich bewusst entschieden, der Rede Trumps beizuwohnen und seien somit mitschuldig. Der Mann feuerte laut Medien fünf bis acht Schüsse ab, gelangte aber nicht in das untere Stockwerk, in dem der Ballsaal liegt. Trump selbst hob in einer Ansprache am Samstagabend hervor, der Angreifer sei nicht in seine Nähe gekommen; die Sicherheitsleute hätten hervorragende Arbeit geleistet.
Was sagte der Täter zum Christentum?
Die Bemerkung des Präsidenten zum angeblichen Christenhass des mutmaßlichen Täters bezieht sich offenbar auf eine spätere Passage des Briefs. Dort listete der Mann „Entgegnungen auf Einwände“ zu seiner geplanten Tat auf. „Einwand 1“ lautete, „als Christ sollst du die andere Wange hinhalten“. In der Erwiderung, die sich offenbar auf den Irankrieg und die Debatte über den Sexualstraftäter Jeffrey Epstein bezieht, heißt es: „Ich bin kein Schulkind, das in die Luft gesprengt wurde, kein hungerndes Kind und keine Teenagerin, die von den vielen Kriminellen in dieser Regierung missbraucht wurde.“
Es sei nicht christlich, die andere Wange hinzuhalten, wenn jemand unterdrückt werde. Das sei „Mittäterschaft an den Verbrechen des Unterdrückers“. Abgesehen davon schrieb der mutmaßliche Täter in Bezug auf Religion nur, er bedanke sich bei seiner Familie, „der eigenen und der in meiner Kirche“, für ihre Liebe in den vergangenen 31 Jahren.
In den letzten Zeilen des Briefs mokierte der Autor sich über die laxen Sicherheitsvorkehrungen der Veranstaltung. Es sei „wirklich Wahnsinn“, dass niemand „einen Scheiß gemerkt“ habe, als er mit mehreren Waffen in das Hotel kam. Offenbar habe niemand daran gedacht, „was passiert, wenn jemand schon am Vortag eincheckt“. Er hoffe, dass ein solches Maß an Inkompetenz korrigiert werde, „wenn dieses Land wieder eine wirklich kompetente Führung bekommt“. Es fühle sich im Übrigen schrecklich an, was er tue. Der letzte Satz lautete: „Kann ich wirklich nicht weiterempfehlen. Geht schön in die Schule, Kinder.“
Ingenieur, Informatiker, Lehrer
Nach einem Bericht der „New York Post“ schickte der mutmaßliche Täter das Schreiben etwa zehn Minuten vor der Tat an Familienangehörige. Es gab zunächst widersprüchliche Angaben dazu, ob ein Verwandter die lokale Polizeibehörde in Kalifornien vor oder nach dem Vorfall darüber informierte. Die Schwester des Festgenommenen gab an, ihr Bruder habe regelmäßig einen Schießstand besucht. In den sozialen Medien soll er außerdem antichristliche und Anti-Trump-Rhetorik verbreitet haben.
Der mutmaßliche Täter ist in Kalifornien ohne Parteizugehörigkeit als Wähler registriert. Er hatte im Oktober 2024 jedoch 25 Dollar für Kamala Harris Wahlkampf gespendet und soll an mindestens einer „No Kings“-Demonstration teilgenommen haben, die sich gegen Trumps Politik richtete. Auf der Plattform LinkedIn schreibt der Mann über sich selbst, er sei „Maschinenbauingenieur und Informatiker durch Abschluss, unabhängiger Spieleentwickler durch Erfahrung und Lehrer von Geburt an“.
2017 machte der mutmaßliche Täter laut Medienberichten seinen Bachelorabschluss in Maschinenbau am renommierten California Institute of Technology. Im vergangenen Mai schloss er einen Informatik-Master an der California State University Dominguez Hills ab; ein Foto auf LinkedIn zeigt ihn in schwarzer Robe mit einer Schärpe: „Abschlussklasse 2025“. Die Wohnung des Mannes in einem Vorort von Los Angeles wurde noch am Samstagabend durchsucht. Er sollte im Laufe des Montags einem Richter in Washington vorgeführt werden.
