Noch vor einem Jahr ließ sich Künstliche Intelligenz bequem in eine Schublade stecken: ein Versprechen, eine Spielerei, ein Thema für übermorgen. Das ist vorbei. Innerhalb weniger Monate ist die Technologie zur Hauptfigur des wirtschaftlichen und politischen Geschehens geworden. Beim jüngsten Gipfeltreffen des amerikanischen und des chinesischen Präsidenten gehörte sie zu den zentralen Themen. Ein US-Beobachter hat es treffend formuliert: Die Zukunft mit KI fühle sich immer weniger als etwas an, woran man teilnimmt, und immer mehr als etwas, das einem zustößt.
Es ist also nicht zu früh, über Antworten nachzudenken. Die Folgen der KI sind zwar nicht im Einzelnen absehbar, aber sie sind nicht mehr fern. Und die Institutionen, die uns vor solchen Umbrüchen schützen sollen, brauchen Jahre, um sich anzupassen. Wer wartet, bis Klarheit herrscht, verpasst den Zeitpunkt, zu dem Anpassung noch ohne Krise möglich gewesen wäre.
Die Liste aktueller Themen, die mit KI zusammenhängen, ist lang: die Sicherheitspolitik und die Abwehr von Cyberangriffen, der Energiehunger neuer Rechenzentren, die Echtheit von Bildern und Nachrichten, die Bewertungen an den Börsen, die Schulen. Aus dieser Fülle greifen wir hier einen Faden heraus, der vermeintlich unscheinbar und zugleich folgenreich für europäische Sozialstaaten ist.
Das Geister-Wachstum
Die öffentliche Debatte kreist mit Blick auf die ökonomischen Folgen meist um eine Frage: Wie viele Arbeitsplätze fallen weg, wie viele entstehen neu? Diese Frage ist wichtig, aber sie verdeckt eine grundlegendere: Was geschieht mit der Architektur des Sozialstaats und der gesamtwirtschaftlichen Stabilisierung, wenn sich das Verhältnis von Arbeit und Einkommen dauerhaft verschiebt? Denn diese Architektur ist auf Lohneinkommen gebaut.
Ein Vorbote zeigt sich in der US-Wirtschaft, die zuletzt kräftig wuchs und dennoch kaum neue Stellen schuf. Ökonomen sprechen vom beschäftigungslosen Boom. Im Frühjahr war KI in den Vereinigten Staaten erstmals der meistgenannte Grund für angekündigte Entlassungen. Unternehmensgewinne und Aktienkurse steigen, das verfügbare Einkommen der Haushalte aber bleibt zurück. Manche nennen das Geister-Wachstum: eine Wirtschaftsleistung, die in Gewinnen und Börsenkursen erscheint, sich aber nicht wie bislang im Lohneinkommen niederschlägt.
Europa hat im Vergleich zu den USA eine schwächere Ausgangslage. Die Produktivität je Arbeitsstunde stieg in den Vereinigten Staaten zwischen 1995 und 2019 um rund 50 Prozent, im Euroraum nur um knapp 30. Wenn KI die Gewinne bei jenen konzentriert, die die Technologie besitzen und einsetzen, trifft das Europa doppelt: Die Ausgangseinkommen sind niedriger, und die großen Gewinner sitzen überwiegend nicht in Europa. Hinzu kommt, dass die europäischen Sozialstaaten stärker als der amerikanische auf lohnbezogene Einnahmen angewiesen sind. Was in den USA vor allem ein Verteilungsproblem ist, könnte in Europa zu einem Finanzierungsproblem werden – und in Deutschland, wo längst über die Finanzierbarkeit des Sozialstaats gestritten wird, träfe es einen ohnehin empfindlichen Punkt.
Moderne Sozialstaaten folgen einer Logik, die so selbstverständlich geworden ist, dass man sie kaum noch bemerkt. Rund die Hälfte der Staatseinnahmen in den entwickelten Volkswirtschaften stammt aus Steuern und Abgaben, die an Löhne gebunden sind. Zugleich sind die großen Sozialausgaben – Arbeitslosen-, Renten- und Krankenversicherung – an Ereignisse auf dem Arbeitsmarkt gekoppelt. In der Rezession sinken die Einnahmen und steigen die Ausgaben; im Aufschwung kehrt sich das um. Diese Gegenläufigkeit wirkt wie ein eingebauter Stoßdämpfer: Sie stützt die Nachfrage, wenn es bergab geht, und bremst sie, wenn die Wirtschaft zu überhitzen droht. Ökonomen nennen das die automatischen Stabilisatoren.
Dieser Mechanismus funktioniert gut, solange drei Bedingungen erfüllt sind. Erstens: Erwerbsarbeit bleibt die wichtigste Einkommensquelle. Zweitens: Arbeitslosigkeit ist überwiegend vorübergehend. Wer seine Stelle verliert, findet anderswo eine realistische Perspektive. Drittens: Die Risiken sind unabhängig genug voneinander, um versicherbar zu sein – es werden nicht alle gleichzeitig arbeitslos. Keine dieser Bedingungen ist ein Naturgesetz. Sie beschreiben die Welt, in der unsere Institutionen entstanden sind. Die Frage ist, ob diese Welt Bestand hat.
Drei Faktoren, ein Zusammenhang
KI unterscheidet sich von früheren Technologiewellen durch ihre Breite und ihre Gleichzeitigkeit. Drei Faktoren verdienen in ihrem Zusammenspiel besondere Aufmerksamkeit.
Der erste Faktor ist die Breite der Verdrängung. Wenn juristische Prüfung, Softwareentwicklung, Finanzanalyse und Verwaltung zugleich betroffen sind, gibt es kein einfaches Ausweichen in sicherere Branchen. Die heutigen KI-Anwendungen können Verträge prüfen, Tabellen auswerten, Berichte verfassen, Programmcodes schreiben und Präsentationen entwerfen – also genau jene Aufgaben, mit denen Berufseinsteiger in Kanzleien, Beratungen und Banken ihre ersten Jahre verbringen. Oft heißt es, auch bei früheren technologischen Veränderungen seien die aus bestimmten Aufgabenfeldern Verdrängten in andere Aufgabenfelder gewechselt. Doch wenn viele zugleich in dieselben Felder drängen, ohne dass dort unmittelbar die Nachfrage steigt, geraten die Löhne unter Druck. Die Beschäftigung mag sich verlagern – die lohnbezogene Steuerbasis schrumpft trotzdem.
Der zweite Faktor ist die Eigentumskonzentration. Die Produktion mit KI ist kapitalintensiv und von Größenvorteilen geprägt: Wer mehr Nutzer hat, gewinnt mehr Daten, baut bessere Modelle und zieht noch mehr Nutzer an. Konzentrieren sich die Erträge auf wenige Eigentümer, entsteht ein Nachfrageproblem für die gesamte Wirtschaft – hohe Produktivität trifft auf eng verteilte Kaufkraft.
Der Kapitaleinsatz hinter der Technologie ist gewaltig und rechnet sich nur, wenn über Jahre entsprechende Gewinne erwartet werden; an den Börsen werden diese künftigen Erträge schon einkalkuliert, während die Lohnbasis, aus der sich der Sozialstaat speist, zu erodieren droht. Das Geister-Wachstum der Vereinigten Staaten könnte ein Vorbote genau dieser Dynamik sein.
Der dritte Faktor betrifft die Stabilität der Finanzmärkte. Hypotheken, Konsumkredite und Sparverträge beruhen auf stabilen Einkommenserwartungen. Verliert ein großer Teil der Mittelschicht gleichzeitig Einkommen, wird aus einem Einkommensproblem ein Bilanzproblem der Banken und daraus womöglich eine Kreditklemme. Die Aufsicht über die Finanzmärkte ist auf konjunkturelle Schwankungen ausgelegt, nicht auf eine dauerhafte Verschiebung der Einkommensquellen.
Diese drei Faktoren hängen zusammen. Die Breite der Verdrängung treibt die Konzentration, weil Größenvorteile greifen. Die Konzentration verschärft das Nachfrageproblem, weil die Kaufkraft weniger breit in der Bevölkerung verteilt ist. Und das Nachfrageproblem macht die Bilanzrisiken der Banken systemisch, weil nicht Einzelne, sondern ganze Einkommensschichten zugleich betroffen sind. Wer das ignoriert und nur an einem Hebel zieht, verschiebt das Problem bloß an eine andere Stelle.
Fünf Hebel und ihre Grenzen
Die Debatte antwortet mit einem Strauß von Einzelvorschlägen: höhere Gewinn- und Vermögensteuern, Umschulung, Grundeinkommen. Jeder trifft einen Teilaspekt des Problems, jeder hat blinde Flecken.
Anpassung der Besteuerung. Die naheliegende Antwort lautet: Wenn KI die Gewinne steigert, besteuere man die Gewinne stärker. Doch Finanzkapital ist international beweglich; geistiges Eigentum lässt sich leichter verlagern als eine Fabrik. Der Steuerwettbewerb setzt nationalen Alleingängen enge Grenzen. Hinzu kommt, dass die Gewinne der großen KI-Unternehmen ohnehin weitgehend außerhalb Deutschlands und der EU anfallen.
Robuster wäre es, den Konsum zu besteuern, denn er ist ortsgebunden und lässt sich nicht ins Ausland verschieben. Die übliche Mehrwertsteuer ist dafür allerdings das falsche Werkzeug: Mit ihrem einheitlichen Satz belastet sie ärmere Haushalte stärker, weil diese einen größeren Teil ihres Einkommens ausgeben. Kaum bekannt ist, dass sich Konsum auch progressiv besteuern lässt. Man besteuert dann nicht das Einkommen, sondern das Einkommen abzüglich der Ersparnis – also den Verbrauch – und wendet darauf steigende Sätze an. Ersparnis und Investition bleiben unbelastet, was dem Wachstum nützt. Die Steuerbasis ist breit, dem Steuerwettbewerb stärker entzogen und sozial gestaltbar. Der Haken: Ein solches System existiert bisher nirgends als Ganzes. Seine Einführung wäre ein institutioneller Neuanfang, keine kleine Reform.

Anpassung der Sozialabgaben. Tiefer greift die Umstellung der Sozialabgaben: weg von der Lohnsumme, hin zur gesamten Wertschöpfung eines Unternehmens. Heute werden in Deutschland vor allem Löhne mit Beiträgen belastet. Das verbilligt es, Mitarbeiter durch Maschinen zu ersetzen – wer Personal abbaut, spart Lohn und Beitrag zugleich. Eine Abgabe auf die Wertschöpfung beseitigt diese Schieflage, senkt die Arbeitskosten und verbreitert die Basis. Sie trifft allerdings kapitalintensive Branchen härter, und gerade die sind international beweglicher.
Einrichten eines Bürgerfonds. Am weitesten reicht der Bürgerfonds: Ein öffentlicher Fonds erwirbt Aktien und Beteiligungen und schüttet die Erträge an die Bürger aus – eine Verbindung aus dem norwegischen Staatsfonds und dem Modell des amerikanischen Bundesstaats Alaska, der seine Öleinnahmen an die Bevölkerung auszahlt. Entsteht Produktivität zunehmend unabhängig von menschlicher Arbeit, dann muss die Kaufkraft direkt an die Produktivität gekoppelt werden, nicht über den Umweg des Lohns. Der Fonds treibt keinen Keil zwischen Arbeits- und Kapitalkosten und lässt sich gegen den Konjunkturverlauf steuern – er könnte stützen, wenn die lohngebundenen Stabilisatoren versagen. Sein Aufbau aber dauert und verlangt politischen Willen: Woher kommt das Startkapital – aus Steuern, aus Privatisierungserlösen, aus Schulden? Und wie schützt man den Fonds vor politischem Zugriff?

Bedingungsloses Grundeinkommen. Das bedingungslose Grundeinkommen schließlich verwechselt zwei Seiten: die Leistungsseite (wer bekommt wie viel?) und die Finanzierungsseite (woher kommt das Geld?). Solange es aus der erodierenden Lohnbasis bezahlt würde, beißt sich die Katze in den Schwanz. Es kann erst funktionieren, wenn die Finanzierungsfrage gelöst ist.
Doch selbst dann bliebe ein Problem, das kein Steuerinstrument löst. Arbeit gibt nicht nur Einkommen, sondern auch Struktur, Status und Zugehörigkeit. Arbeitslosigkeit drückt das Wohlbefinden weit stärker, als der Einkommensverlust allein erklären kann. Wird die KI-bedingte Erwerbslosigkeit dauerhaft, reichen Transfers und Steuerreformen nicht. Dann braucht es auch eine Antwort darauf, wie Menschen in einer von KI durchdrungenen Wirtschaft sinnvoll tätig bleiben können. Das ist eine Bildungsfrage.
Reform des Bildungssystems. Bei der Gestaltung der Bildungsinhalte ist wiederum das Problem, dass KI viele Tätigkeiten zugleich verändert und niemand weiß, welche Fertigkeiten in fünf Jahren noch gefragt sind. Klassische Umschulung setzt voraus, dass das Zielberufsfeld bekannt ist – diese Voraussetzung entfällt zunehmend. Bildung muss sich deshalb von der Vorstellung lösen, vorwiegend konkrete Techniken zu vermitteln, die morgen schon veraltet sein können. Sie muss auf das setzen, was wertvoller wird, gerade wenn automatisierbare Arbeit billig wird: Urteilskraft, das Gespür für die Grenzen einer Methode und die Fähigkeit, unter Unsicherheit Entscheidungen zu treffen und dafür Verantwortung zu übernehmen. KI erstellt Analysen. Sie verantwortet sie nicht. Sie kann nicht abschließend beurteilen, ob die Annahmen im konkreten Fall tragfähig sind. Genau diese Urteilsfähigkeit wird zur knappen Ressource, wenn die Analyse selbst billig verfügbar ist. Ob die Nachfrage nach dieser Form der Urteilsfähigkeit groß genug sein wird, um die verlorenen Einkommen aufzuwiegen, ist allerdings offen.
Bildung ist deshalb notwendig, aber nicht hinreichend. Sie kann Menschen befähigen, ergänzend zur KI produktiv zu bleiben, statt ersetzbar zu sein. Sie kann aber nicht garantieren, dass ausreichend viele Personen sich diese Fähigkeiten aneignen und zudem die Nachfrage nach diesen Fähigkeiten groß genug sein wird, um die lohngebundene Finanzierung des Sozialstaats zu tragen. Hinzu kommt das unterschiedliche Tempo in den Anpassungsprozessen: KI verbreitet sich in Monaten, eine Bildungsreform wirkt erst in Jahren. Und selbst bei stabiler Beschäftigung kann der Anteil der Löhne an der Wertschöpfung sinken und somit auch die Steuerbasis relativ zur Wirtschaftsleistung.
Das richtige Werkzeug für die richtige Frage
Jeder Hebel ist für bestimmte Aspekte des Gesamtproblems geeignet, keiner für alle Aspekte. Die Frage „Wie können Menschen zusammen mit KI produktiv werden, statt durch sie ersetzbar zu sein?“ ist eine Bildungsfrage. Die Frage „Wie schließt man die Einnahmelücke?“ ist eine Steuerfrage – hier liegen die Stärken der Wertschöpfungsabgabe oder Konsumsteuer und, langfristig, des Bürgerfonds. Die Frage „Wie hält man die gesamtwirtschaftliche Nachfrage stabil?“ verlangt ein Instrument, das unabhängig vom Lohn und zugleich gegen den Konjunkturverlauf wirkt – wieder der Bürgerfonds. Und die Frage „Wie verhindert man, dass aus einem Einkommensproblem ein Risiko für die Finanzstabilität wird?“ verlangt eine Finanzaufsicht, die auf strukturelle Verschiebungen vorbereitet ist und nicht nur auf konjunkturelle. Kein einzelnes Werkzeug beantwortet alle vier Fragen. Die beste Antwort ist ein abgestimmtes Bündel.
Dahinter stehen zwei grundlegend verschiedene Zukunftsbilder, und die richtige Politik hängt davon ab, welches eintritt. Im ersten Bild verändert KI die Aufgaben innerhalb der bestehenden Berufe, doch Erwerbsarbeit bleibt langfristig die wichtigste Einkommensquelle. Dann genügt es, das Bestehende zu reformieren: die Steuerbasis über wertschöpfungsbasierte Abgaben verbreitern, die Bildung anpassen, die Bürger breiter am Kapital beteiligen. Im zweiten Bild entsteht Produktivität zunehmend ohne menschliche Arbeit. Dann wären die Bedingungen der lohngebundenen Finanzierung des Sozialstaats dauerhaft verletzt, und systemische Veränderungen sind notwendig: ein Bürgerfonds, dessen Erträge die Kaufkraft an die Produktivität koppeln, neue Mechanismen gegen strukturelle statt nur konjunkturelle Risiken, eine darauf vorbereitete Aufsicht.
Niemand weiß heute, welches Bild sich realisieren wird. Man kann allerdings nicht warten, bis dies feststeht, denn Reformen brauchen Zeit – ein Bürgerfonds Jahrzehnte zum Aufbau, ein Bildungssystem Jahre zum Umbau. In einer Krise lässt sich beides nicht improvisieren. Gerade die Unsicherheit spricht dafür, jetzt mit dem zu beginnen, was unter beiden Bildern sinnvoll ist: den Fokus auf Lohneinkommen im Abgabensystem beseitigen, den Aufbau eines Bürgerfonds einleiten, die Bildung auf Urteilskraft statt auf einzelne Fertigkeiten ausrichten und die Finanzaufsicht auf strukturelle Einkommensverschiebungen vorbereiten.
Es geht in dieser Debatte nicht zuerst um Verteilungsgerechtigkeit, so unvermeidlich Verteilungsfragen auch sind. Es geht um die Stabilität eines Staatswesens, dessen Finanzierung auf Lohneinkommen zugeschnitten ist. Vergleichbare Spannungen wurden in der Geschichte nicht durch kleine Korrekturen gelöst, sondern durch institutionelle Kreativität – von der Einführung der Sozialversicherung im 19. Jahrhundert bis zur breiteren Kapitalbeteiligung im 20. Es gibt keinen Grund anzunehmen, dass es heute an solcher Kreativität fehlt. Diese muss aber jetzt ausgenutzt werden. Denn die Zukunft mit KI stößt uns gerade zu, ob wir an ihr teilnehmen wollen oder nicht – und institutionelle Anpassung ist vor einer Krise leichter als in ihr.
