Marcus Beeske steht im Geräteraum, der sein Lebensmittelpunkt ist, und tippt eifrig auf sein Smartphone. Er sucht den siebten Mann. Neun Tischtennisspieler haben sich für das Turnier an diesem Montagnachmittag gemeldet, drei davon jedoch im Laufe des Vormittags wieder abgesagt, wegen „Familiengeburtstag und so“. Bis zum offiziellen Beginn in zwei Stunden muss Beeske in seinem Turnierbüro zwischen Sprungkästen, Seilen und dem Ballschrank einen weiteren Spieler heranschaffen, andernfalls gerät sein Weltrekordversuch ins Stocken.
Er verschickt eine Kurzmitteilung nach der anderen. Ohne mindestens sieben Teilnehmer kein Turnier, ohne Turnier kein Weltrekord – so einfach und zugleich schwierig ist die Beeske-Gleichung.
Dreimal in der Woche trommelt der Westfale als Turnierleiter alle möglichen Freizeitspieler in der Sporthalle der Josef-Reding-Schule in Holzwickede zusammen. Er braucht genügend Leute, die gegen ihn spielen – und für ihn. „Mission2K“ nennt Beeske seine Rekordjagd. Das Ziel: 2000 offizielle Tischtennisspiele innerhalb von zwölf Monaten.
In der Sauregurkenzeit erfindet Beeske eigene Turniere
Am 1. Oktober vergangenen Jahres ist es in Beeskes Wohnort Holzwickede, bekannt nicht zuletzt als Domizil einiger Fußballprofis von Borussia Dortmund, losgegangen. Damals stand die Bestmarke bei 1925 Matches. Beeske lernte den Rekordinhaber kennen und fühlte sich herausgefordert. Da gehe noch mehr, dachte er sich: „Dann habe ich angefangen zu planen.“ Seine Kalkulation: Bringt er es auf durchschnittlich 6,4 Matches pro Tag, kann er einen Tag in der Woche freinehmen und den Rekord brechen.
Die Turnierlandschaft im Westdeutschen Tischtennisverband (WTTV) ist wie gemacht für einen solchen Weltrekordversuch: Es gibt dort seit Jahren ein dicht gesponnenes Netz von Wettbewerben, „Andro Cups“ genannt. Im vergangenen Jahr haben 92 verschiedene Vereine 1229 Turniere ausgerichtet. Beeske kam mit dem TTC Holzwickede auf 85 und damit die fünftmeisten. Für den November und Dezember, „der Sauregurkenzeit“, erfand er eigene Turnierformate, damit seine Rekordjagd weitergehen konnte.
In dieser Saison will Beeske bis zum 30. September 215 Andro Cups auf die Beine gestellt haben – mehr Wertungsturniere gibt’s nirgendwo in Deutschland. Acht Euro beträgt das Startgeld. Dafür darf jeder Teilnehmer mindestens sechsmal an den Tisch. K.-o.-Runden gibt’s nicht.

Der siebte Mann an diesem Montagnachmittag heißt Ivica, genannt Ivan. Vor einer Stunde hat ihm Beeske eine Kurznachricht geschickt, nun erscheint der ersehnte letzte Teilnehmer eine Stunde vor Turnierbeginn als Erster in der Halle. Ivan ist Rentner und Vereinskollege. Sein Einsatz wäre im Grunde nicht mehr nötig gewesen. Dass Beeske ihn herbeigerufen hat, zeigt, wie ernst er seine „Mission2K“ nimmt. Anfang August, knapp zwei Monate vor dem geplanten Abschluss, hätte er seine Rekordjagd mit Pauken, Trompeten und ein paar Pils abschließen können.
Innerhalb nur weniger Tage erreichte er drei Wegmarken: Er überbot den bisherigen Rekord, feierte seinen fünfzigsten Geburtstag und erreichte die angestrebten 2000 Spiele. Von den Feierlichkeiten zeugen die vier Luftballons in Form einer Zwei und dreier Nullen, die aufgereiht an der Stirnseite der Schulsporthalle hängen, und der Blumenstrauß, der im Geräteraum unbeachtet welkt. „Ich brauche jetzt nicht mehr Vollgas zu geben“, sagt Beeske. Trotzdem macht er weiter Tempo. Bis Ende September hat er sich 2400 Spiele vorgenommen. Würde die Jagd mit der Zahl 2222 enden, wäre er auch zufrieden.
Wie ein Leistungssportler, der in seinem Leben alles dem Kampf um Titel und Medaillen unterordnet, versteht auch Beeske seinen Weltrekordversuch als Vollzeitjob. Er hat Plakate und Aufkleber entworfen, gedruckt und verteilt. Er hat eine Homepage gebaut und aktualisiert sie fortlaufend. Er ist zu Dutzenden Turnieren gereist oder hat selbst welche organisiert. Er hat eine Whatsapp-Gruppe für Mitspieler und Turnierausrichter gegründet, in der 150 Leute sind. Er berichtet in den sozialen Medien von seiner Rekordjagd. Im Dauereinsatz zum Weltrekord: Manch einer von Beeskes Mitspielern bekundet seinen Respekt in bester Ruhrpottmanier: „Bist du bescheuert?“
Beeskes Jubiläumslied kommt von der KI
Auszüge aus seinem 2000. Spiel und der folgenden Ehrung hat Beeske mit dem Handy aufgezeichnet, zu einem fünfminütigen Video zusammengeschnitten und auf Youtube veröffentlicht. Unterlegt sind die bewegten Bilder mit einem Lied, das von vorne bis hinten und von oben bis unten gute Laune machen soll. Dazu hat Beeske verschiedene KIs genutzt. Eine hat komponiert, eine andere hat getextet. Ein Auszug: „Die Welt hält den Atem an. Der Rekord steigt weiter. Ich bin mein eigener Plan.“ Tschakka.
Sein Jubiläumsspiel hat Beeske gewonnen, gegen Franz-Josef mit 11:9 im dritten Satz. Die Reporterin des Lokalradios berichtete live aus der Sporthalle. Wenn der Bürgermeister aus dem Urlaub zurückgekehrt ist, folgt ein offizieller Empfang des neuen Weltrekordhalters. Dass es Beeske zu einer solchen NRW-Bekanntheit gebracht hat, darauf hat er nach Leibeskräften hingearbeitet.
Zwölf Monate hat er sich keinen Urlaub gegönnt, nicht mal ein verlängertes Wochenende. Er ist mit dem Deutschlandticket rund 5000 Kilometer von einer schlecht beleuchteten zu einer überhitzten Schulsporthalle und zurück gereist. „Montag hier, Dienstag Kirchlinde, Mittwoch frei, Donnerstag Bönen, Freitag hier, Samstag drei Cups hier, Sonntag drei Cups in Duisburg, Kamen oder Essen.“ Dazu kommen die Ligaspiele oder andere Turniere.

Bis vor einem Jahr hat sich Beeske mit der Bezirksklasse begnügt und nicht mehr als 40 Matches im Jahr gespielt. Aus heutiger Sicht unvorstellbar, findet er: „Wenn du jetzt mal zwei Tage Pause hast, denkst du: Boah ey, wie langweilig heute Abend. Was machst du jetzt?“
Zu Beginn hat Beeske so viel Vollgas gegeben, wie sein Körper verträgt. 18 Turniere am Stück hat er gespielt, über 54 Stunden, ohne zu schlafen, und gegen wechselnde Gegner. Die Arthrose, die er im rechten Schlaghandgelenk hat, störte ihn nicht. Nach 36 Stunden kamen aber Krämpfe. „Mental ging’s, aber körperlich war das eine Grenzerfahrung“, sagt Beeske. „Aber die ersten 100 Spiele waren schon mal im Sack.“
Zu den Auswärtsspielen fährt Beeske mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Über Verspätungen, Ausfälle, fehlende Wagenreihungen und überfüllte Züge kann er fast so viel erzählen wie über seine Tischtennismatches. Um sonntags nach Duisburg zu kommen, steht Beeske um fünf, halb sechs Uhr auf und nimmt den Zug um halb sieben. Zwölf, 13 Stunden später geht es heimwärts, nicht selten „wie eine Sardine in der Büchse, und das nach drei Cups“. Gegen 22 Uhr isst Beeske zu Abend, zwei Stunden später, wenn er den Tag verarbeitet hat, schläft er ein. „Der Sonntag ist tot, klar“, sagt Beeske. „Und der Samstag auch.“
Feste und Familienleben, das war einmal. Auch Tischtennistraining, er spielt ja ständig auf Turnieren. Tritt er mal nicht an, meldet sich der Ausrichter und fragt, was los sei. In den knapp elf Monaten musste Beeske einmal wegen Magen-Darm-Beschwerden passen, einmal konnte er nicht, weil er als Ressortleiter Leistungssport im Bezirk eine Turnierleitung übernehmen musste. Drei Andro Cups fielen mangels Mitspieler aus.
300 Euro im Monat für Startgelder und Schlägerbeläge
Daheim im Geräteraum der Holzwickeder Schulsporthalle hat sich Beeske gut eingerichtet: mit Kaffeemaschine, Kühlschrank, Schokoriegel, Laptop und Tablet. Samstags gibt’s auch Bockwurst für alle. Links neben dem Geräteraumturnierbüro hängt ein poppiges Plakat, in dem Beeske seine aktuelle Rekordzahl einträgt. Entwerfen ließ er es, natürlich, von einer KI. Von dem Geld, das Beeske als freiberuflicher IT-Fachmann verdient, gibt er rund 300 Euro im Monat für Startgelder und neue Beläge des Tischtennisschlägers aus. Warum macht er das alles? 15 Kilogramm abzunehmen und mit dem Rauchen aufzuhören, waren Erfolge, aber keine Ziele.
Die Psychologie hat sich auf drei grundlegende Motive geeinigt, weshalb Menschen Außergewöhnliches leisten wollen. Wer eine Bestmarke anstrebt, hofft auf mehr Einfluss (Machtmotiv). Oder er setzt darauf, von den Mitmenschen mehr gemocht und geschätzt zu werden (Anschlussmotiv). Oder ihn und sein Umfeld machen seine Leistung und das erreichte Ziel stolz (Leistungsmotiv). Wohin die Antriebsarten führen, zeigt ein Blick auf die Wettbewerbe, die vom „Rekord-Institut für Deutschland“ in Hamburg gesammelt und geprüft werden: eine extralange Golfplatzrunde, die längste Wanderung der Welt, ein 24-Stunden-Lauf mit Schubkarre oder „100 Tage – 100 Hyrox“.

Als kleineres Pendant zum berühmten „Guinness-Buch“ wirbt das Rekord-Institut mit dem Slogan: „Superlative sind unser Geschäft!“ Das Business ist offenkundig einträglich. 1500 Euro hätten die „Guinness-Buch-Leute“ für einen Rekordeintrag verlangt, sagt Beeske. „Wir können Crowdfunding für dich machen“, schlägt Mark vor. Er ist ein eifriger Turnierspieler, der auch an diesem Montagnachmittag Zeit hat. Ob er sich vorstellen könne, selbst einen Weltrekordversuch zu starten? „Nee, dann reißt mir meine Frau den Kopf ab“, antwortet Mark. „Meiner sitzt auch gerade locker“, ruft Marcus Beeske aus dem Geräteraumturnierbüro. Seine Lebensgefährtin ist am Morgen ohne ihn in den Urlaub geflogen.
Um 15.44 Uhr, eine Minute vor Beginn des ersten von zwei aufeinanderfolgenden Turnieren an diesem Montag, betritt Maurice die Halle. Er ist 27, arbeitet im Schichtdienst, trägt Schalke-Trikot und kommt oft als Letzter. Maurice hat im Laufe der vergangenen Monate so oft gegen Marcus gespielt, dass er sich inspiriert fühlt. Dass er den Zug und das Zeug hat, die Bestmarke im kommenden Jahr anzugreifen, pfeifen die Spatzen von den westfälischen Dächern. Maurice sagt dazu nicht ohne Selbstironie: „Es ist wie bei Marcus: Es kommt immer noch ein Verrückter, der einen versucht zu übertreffen.“

Ein Vielspieler ist Maurice schon jetzt. In den vergangenen zwölf Monaten sind 1420 Matches von ihm dokumentiert, vor ein paar Jahren wäre das ein Weltrekord gewesen. „Ich hätte eine Herausforderung und einen gewissen Druck dahinter“, sagt Maurice, der bei seinem Verein Blau-Weiß Annen jetzt schon hilft, Turniere auf die Beine zu stellen. „Anders als Marcus würde ich aber auch eine gewisse Prozentzahl an Siegen anpeilen.“ Beeske hat rund 60 Prozent seiner Matches gewonnen. Mehr, als er erwartet hat. Weniger, als Maurice anstrebt.
Das Problem des nächsten Rekordjägers: eine Dauerkarte für Schalke
Maurice kennt seine Grenzen, die enger gesteckt sind als die seines Vorbilds. Zum einen spielt er nur, wenn er Lust hat (was sehr oft, aber nicht immer der Fall ist). Zum anderen hat er samstags, wenn Beeske in Holzwickede bei drei Turnieren nacheinander antritt und von morgens bis abends 18 oder mehr Matches sammelt, Besseres vor. Maurice besitzt eine Dauerkarte für Schalke-Heimspiele, die er ungern gegen einen Tischtennisweltrekord eintauschen würde. Statt samstags würde er an anderen Wochentagen mehrere Turniere hintereinander spielen und gelegentlich 24 oder 54 Stunden ohne Pause an der Platte stehen, wie Beeske es anfangs gemacht hat. Maurice blickt hinüber zu Tisch eins, wo der Weltrekordhalter unter den bunten 2000er-Luftballons gerade Ivan von der Platte fegt.
Der aktuelle Weltrekordjäger macht seinem Nachfolger in spe Mut. „3000 Spiele im Jahr kann man schaffen“, sagt Beeske. „Du musst dir nur bewusst sein, dass du ein Jahr lang nichts machst: nur schlafen, spielen, arbeiten. Und immer dafür sorgen, dass genug Teilnehmer da sind. Und genug Geld für Spritkosten und Startgelder.“
Beeske wird sein Dasein als Rekordjäger in knapp fünf Wochen beenden. Und dann, nach zwölf Monaten Monotonie? Ins Loch fallen, wie ein Leistungssportler am Karriereende? „Ich muss langsam runterfahren, dann mal gucken.“ Zum fünfzigsten Geburtstag und zum 2000. Spiel haben ihm Mitspieler zwei Hotelgutscheine geschenkt. Spa und Spaß in einer Therme. Das kann warten. Erst mal das große WTTV-Saisonfinale, für das sich Beeske als Spieler mit den meisten Turniereinsätzen sowie Platzierungspunkten qualifiziert hat. Im März dann das Bundesfinale auf Mallorca.
Ein paar stille Minuten gönnt sich Beeske auf seiner Weltrekordjagd. Zwischen Matches nimmt er seinen Vaporizer und geht vor die Hallentür. Ein bisschen dampfen und dabei denken. „Ist ein Jahr verschwendete Lebenszeit“, sagt Beeske und bläst aus.
