In der Waldsiedlung Zehlendorf ist das Gefühl weit weg, sich in einer Stadt mit fast vier Millionen Einwohnern zu befinden. Ruhig geht es zu in dem Viertel im Südwesten Berlins mit seinen Reihenhäusern und niedrigen Mehrfamilienhäusern. Der Kiefernhof, ein weitläufiger Innenhof an der Riemeisterstraße, vermittelt einen fast dörflichen Charakter, und die zahlreichen Bäume machen deutlich, dass die zwischen 1926 und 1932 errichtete Waldsiedlung ihren Namen zu Recht trägt.

Die Aufmerksamkeit, die die Siedlungen auf sich ziehen, hat aber nicht nur mit ihrem Welterbestatus zu tun, sondern auch damit, dass die Städte heute vor ähnlichen Herausforderungen wie zur Erbauungszeit der Siedlungen vor hundert Jahren stehen. Auch damals herrschte Wohnungsnot (und zwar in viel dramatischerem Ausmaß als heute), und auch damals strebten die Verantwortlichen an, binnen kurzer Zeit zahlreiche Wohnungen zu schaffen, die für breite Schichten der Bevölkerung erschwinglich waren. Damit waren sie allerdings erfolgreicher als heute: In Berlin wurden zwischen 1924 und 1931 unter der Ägide von Stadtbaurat Martin Wagner rund 140.000 Wohnungen gebaut, davon im Jahr 1928 allein 28.000. Im Jahr 2025 zählte das Amt für Statistik in der Hauptstadt hingegen lediglich 11.000 fertiggestellte Wohnungen.
Wie hat Berlin vor 100 Jahren so viele Wohnungen gebaut?
Ermöglicht wurde die enorme Bautätigkeit in der Weimarer Republik hauptsächlich durch die 1924 erfolgte Einführung der Hauszinssteuer. Sie wurde von Hauseigentümern als Ausgleich dafür erhoben, dass diese durch die Hyperinflation ihre Schulden losgeworden waren. Errichtet wurden die Berliner Siedlungen von Genossenschaften und neu gegründeten gemeinnützigen Wohnungsbaugesellschaften, darunter der Gemeinnützigen Heimstätten-, Spar- und Bau-Aktiengesellschaft (Gehag), die unter anderem den Bau der Waldsiedlung Zehlendorf und der Hufeisensiedlung verantwortete.

„Von den Siedlungen der Moderne kann man viel lernen“, ist Ben Buschfeld überzeugt. Der Kommunikationsdesigner wohnt in der Hufeisensiedlung und betreibt eine umfangreiche Website über die Berliner Wohnanlagen der 1920er-Jahre. Vorbildlich ist der damalige Städtebau für Buschfeld hauptsächlich deshalb, „weil er einen hohen Wohnwert hat und ein enges nachbarschaftliches Miteinander stimuliert“. Die Siedlungen, sagt Buschfeld weiter, hätten für untere und mittlere Einkommensschichten eine gute Wohnsituation geschaffen. Dass alle Wohnungen eine separate Küche und ein separates Bad haben, bezeichnet er als für damalige Verhältnisse revolutionär.

Nicht nur deshalb unterschieden sich die Siedlungen erheblich von den gründerzeitlichen Mietskasernen. Diese wiesen oft mehrere Hinterhöfe auf und boten deshalb Wohnverhältnisse, die für ärmere Haushalte extrem beengt und ungesund waren. Bruno Taut und weitere Architekten wie Hugo Häring und Otto Rudolf Salvisberg achteten hingegen auf eine „aufgelockerte, durchgrünte Struktur“, wie Buschfeld sagt. Besonders hebt er hervor, dass jede Wohnung die Möglichkeit des Querlüftens bietet.
„Glück definiert sich selten durch die Größe der Wohnung“
Gleichzeitig zeichnen sich die Wohnungen durch kompakte Grundrisse aus. Das ist ein Thema, das heute angesichts gestiegener Baukosten wieder intensiv diskutiert wird. Den Komfort und die Wohnungsgrößen, wie sie lange üblich gewesen seien, könnten wir uns heute nicht mehr leisten, sagt Wiebke Ahues, die Vizepräsidentin der Architektenkammer Berlin. „Wir müssen uns begrenzen“, sagt die Architektin. „Glück definiert sich selten durch die Größe der Wohnung, sondern hängt vor allem mit der Möglichkeit zusammen, sich zum Beispiel im gut gestalteten Außenraum zu begegnen.“ Tatsächlich waren Landschaftsarchitekten wie Leberecht Migge und Ludwig Lesser von Anfang an in die Planung der Siedlungen einbezogen und schufen Außenräume von hoher Aufenthaltsqualität.

Noch in einem weiteren Punkt verweisen die Siedlungen auf die heutige Diskussion: Schon vor hundert Jahren war modulares und serielles Bauen ein Thema. Die Bauteile seien zwar, von Ausnahmen abgesehen, nicht vorgefertigt gewesen, erklärt Wiebke Ahues; die Architekten hätten aber mit typisierten Grundrissen gearbeitet, was den Aufwand auf der Baustelle verringert habe. Die rund 700 Häuser in der Hufeisensiedlung, ergänzt Ben Buschfeld, basieren auf lediglich fünf Grundtypen, die aber 285 Subtypen aufweisen.
Als „wegweisend“ bezeichnet auch Berlins Stadtentwicklungssenator Christian Gaebler die Siedlungen der 1920er-Jahre. Sie zeigen nach seinen Worten, wie mit einfachen Mitteln eine hohe Wohnqualität geschaffen werden kann. Mit Blick auf die heutige Zeit verweist der SPD-Politiker auf das Berliner Gesetz für einfaches Bauen, das in diesem Jahr in Kraft getreten ist. Viele heutige Neubauprojekte in Berlin entstehen außerdem in serieller und modularer Bauweise. So lässt das landeseigene Wohnungsunternehmen Gewobag an der Landsberger Allee vom Modulbauer Daiwa einen Komplex aus 1548 Wohnungen hochziehen.

Doch erreichen die heutigen Neubauten auch die städtebauliche und architektonische Qualität der Zwischenkriegssiedlungen? Das darf bezweifelt werden. In der Landsberger Allee entstünden achtgeschossige Modulbau-Riegel, „gegen die jeder DDR-Plattenbau luxuriös und fröhlich aussieht“, lautete die Kritik in der F.A.Z.
Differenziert äußert sich die Architektin Wiebke Ahues. Sie unterstützt die Anstrengungen, einfacher zu bauen, weist aber darauf hin, dass das nicht der einzige Aspekt sein dürfe. „Bei heutigen Stadterweiterungen müssen wir Wohnraum auf eine Weise schaffen, dass wir die Neubauten auch in hundert Jahren noch gut finden“, sagt sie. Leider würden freischaffende Planende heute aber oft zu wenig einbezogen. Das führe dazu, dass viele Neubauprojekte insbesondere in Bezug auf den Raum zwischen den Häusern und auf die Fassaden fragwürdig seien.
Wem gehören die Immobilien?
Als fragwürdig erachtet der Verein Papageiensiedlung, in dem sich Bewohner der Waldsiedlung Zehlendorf zusammengeschlossen haben, noch etwas anderes: Die Siedlung gehört heute (wie auch vier weitere Berliner Welterbesiedlungen) zum Portfolio des Dax-Konzerns Vonovia. Dass eine Wohnanlage, die bezahlbaren Wohnraum für breite Schichten schaffen sollte, im Eigentum eines börsennotierten Unternehmens sei, widerspreche dem Anliegen Bruno Tauts, sagen die kritischen Bewohner.
Die heutige Eigentümerstruktur liegt daran, dass das Land Berlin 1998 die Gehag privatisierte. Nach mehreren Weiterverkäufen landeten die Gehag und damit die heutigen Welterbesiedlungen schließlich bei der Deutsche Wohnen SE, die ihrerseits 2021 von Vonovia übernommen wurde. Allerdings, sagt Ben Buschfeld, habe die Deutsche Wohnen die Berliner Siedlungen gut unterhalten, und die Mieten seien „einigermaßen moderat“ geblieben.
