
Die digitale Transformation steht seit Jahren ganz oben auf der Agenda. Doch weitgehend digitalisiert sind sie die meisten Unternehmen noch nicht. Eine Studie der WHU und der Prüfungs- und Beratungsgesellschaft PwC zum Stand der Digitalisierung in den Finanzbereichen deutscher, österreichischer und schweizerischer Unternehmen ergibt ein differenziertes Bild. Die befragten Finanzvorstände (CFO) aus 207 Unternehmen bestätigen, dass die Digitalisierung weiter Priorität genießt. Sie äußern sich auch zufrieden mit Erfolg und Stand der Digitalisierung in ihren Finanzbereichen. Bei genauerer Betrachtung erkennt man allerdings, dass die meisten Unternehmen erst am Anfang des Transformationsprozesses stehen.
So fehlen in vielen Unternehmen Digitalisierungsstrategien und Roadmaps für deren Umsetzung. Vor allem aber sind digitale Technologien, die in Fachkreisen seit Jahren diskutiert werden, in der Praxis offensichtlich noch nicht flächendeckend angekommen. So nutzen viele Unternehmen kaum IT-gestützte Analysen von Geschäftsprozessen (Process Mining) oder automatisierte Prognosen von Umsatz, Cashflow und anderen Kennzahlen (Predictive Analytics).
Zudem nutzt weniger als die Hälfte der Unternehmen Künstliche Intelligenz, um Daten für die Berichterstattung oder das Controlling automatisiert zu kommentieren. In einem Viertel der befragten Unternehmen fehlen Richtlinien zur Nutzung von großen Sprachmodellen wie ChatGPT, also der wichtigsten digitalen Innovation der vergangenen Jahre. Mitarbeiter in diesen Unternehmen wissen also nicht, welche Modelle und Anwendungen sie einsetzen dürfen, für welche Zwecke und mit welchen Daten – trotz aller Risiken für die Datensicherheit, die mit einer unkontrollierten Nutzung einhergehen.
Widerstand der Mitarbeiter steht der Digitalisierung weniger im Weg als fehlendes Geld und Know-how
Der Befragung zufolge wird die Digitalisierung behindert durch knappe Budgets, den Mangel an Know-how sowie, in geringerem Maße, den Widerstand der Mitarbeiter gegenüber Veränderungen. Weniger bedeutsam sind mangelnde IT-Infrastruktur und rechtliche Hindernisse, und kaum ein CFO fühlt sich eingeschränkt durch mangelnde Unterstützung in Vorstand und Aufsichtsrat.
Genauere Auswertungen unserer Befragungsergebnisse sowie Erfahrungen aus der Beratungspraxis deuten im Übrigen auf tieferliegende Zusammenhänge. Maßgeblich für den Erfolg der Digitalisierung ist zunächst eine klar formulierte Digitalisierungsstrategie. Weiterhin korrelieren Ausmaß und Erfolg der Digitalisierung stark mit dem Entwicklungsstand der Data Governance und, damit verbunden, der Datenqualität.
Umgekehrt betrachtet sind komplexe Prozesse, unklare Verantwortlichkeiten sowie heterogene Datenbanken und ERP-Systeme ernsthafte Barrieren für eine erfolgreiche Digitalisierung. Und schließlich ist es wichtig, die Mitarbeiter mitzunehmen, also in ihre Fähigkeiten zu investieren und digitale Expertise in den Finanzbereichen aufzubauen.
Die Studie zeigt kaum Unterschiede zwischen Branchen, wohl aber Unterschiede je nach Größe der Unternehmen. Die CFO sehr großer Unternehmen scheinen der Digitalisierung höhere Priorität einzuräumen und äußern ambitioniertere Erwartungen für den Einsatz digitaler Technologien in den kommenden Jahren.
Digitalisierung und insbesondere KI eröffnen enorme Potentiale für alle Unternehmensprozesse. Die große Herausforderung für Unternehmen besteht aktuell darin, die Potentiale KI-basierter Anwendungen zu erkennen und systematisch zu nutzen – in einem Umfeld, das sich schneller verändert als jemals zuvor. Den Vorständen kommt dabei eine entscheidende Rolle zu, in ihren Finanzbereichen und darüber hinaus.
Martin Glaum ist Professor für Internationale Rechnungslegung an der WHU – Otto Beisheim School of Management.
Niklas Meyer ist Assistant Professor of Accounting an der Freien Universität Amsterdam.
