
Viele Grundnahrungsmittel wie Brot und Nudeln hängen an einem Agrarrohstoff, dessen Preis an den Weltmärkten derzeit stark steigt: Weizen. An der Chicagoer Warenterminbörse stieg der Preis für einen Scheffel Weizen (entspricht 27 Kilogramm) zuletzt auf 7,90 Dollar. Das ist der höchste Stand seit Februar 2023. Im Vergleich zum vergangenen Jahr ist Weizen 30 Prozent teurer geworden.
Der Grund sind wachsende Sorgen, dass der Krieg zwischen Russland und der Ukraine eskaliert und die Getreidelieferungen aus einer der wichtigsten Kornkammern der Welt weiter beeinträchtigt werden. Russland, der international größte Weizenexporteur, und die Ukraine als bedeutender Agrarexporteur haben ihre Angriffe auf die Exportanlagen der jeweils anderen Seite sowie auf Handelsschiffe im Schwarzen Meer zuletzt verstärkt. Die Angst vor einer Blockade der Exportrouten und weiteren Schäden an der Hafeninfrastruktur versetzte Anleger in Aufruhr und schürte die Sorge, dass sowohl die Exporte als auch die laufende Weizenernte beeinträchtigt werden könnten.
Beide Länder liefern zusammen mehr als ein Viertel des global exportierten Weizens sowie große Mengen an Mais, Gerste und Sonnenblumenöl. Rund 90 Prozent der ukrainischen Getreideausfuhren werden über die Schwarzmeerhäfen abgewickelt. Seit Beginn des Ukrainekriegs wurden Häfen und Terminals auf beiden Seiten mehrfach beschädigt. Dass sich der Handel bald normalisiert, gilt als unwahrscheinlich. Die russische Region Rostow, die als bedeutende Agrarregion Russlands gilt, rief wegen Hafenschließungen und Behinderungen der Schifffahrt am Freitag den Notstand aus. Agrarerzeugnisse stauten sich in den landwirtschaftlichen Betrieben an.
Russland und die Ukraine sind kostengünstige Getreidelieferanten
Für die laufende Saison werden deutlich geringere Exporte aus beiden Regionen erwartet. Nach Angaben des ukrainischen Landwirtschaftsministeriums sanken die ukrainischen Weizenausfuhren als Folge der Hafenblockaden im August auf 175.000 Tonnen im Vergleich zu 759.000 Tonnen im Vorjahresmonat. Russlands Weizenlieferungen dürften im August voraussichtlich um mehr als die Hälfte zurückgehen.
Russland und die Ukraine sind wichtige Getreidelieferanten für den Nahen Osten, Afrika und Asien. Viele Verbraucher sind dort auf das günstige Getreide aus dem Schwarzmeerraum angewiesen. Über alternative Transportrouten, etwa über Polen, könnten die fehlenden Mengen weder vollständig ersetzt noch günstiger geliefert werden. Nun versuchen Importeure, teurere Lieferungen aus weiter entfernten Ländern wie Australien und Argentinien zu sichern. Das dürfte Kosten und Preise weiter erhöhen, erwartet Chris Nikolaou vom australischen Agrarpreisdienst Advantage Grain.
Weizen gehört zu den wichtigsten Grundnahrungsmitteln und deckt etwa 20 Prozent des globalen Kalorienbedarfs. Weil er international in großen Mengen gehandelt wird, gilt sein Preis als wichtiger Gradmesser für die Entwicklung der Agrarmärkte. Neben Angebot und Nachfrage beeinflussen auch die Erwartungen der Marktteilnehmer zur künftigen Versorgungslage die Weizenkurse.
Trockenheit und Hitze drücken Ernte von Weizen
Um sich gegen Preisschwankungen abzusichern, werden Weizen-Terminkontrakte (sogenannte Futures) gehandelt. Dabei wird ein Preis für eine bestimmte Menge Weizen vereinbart, die zu einem späteren Zeitpunkt geliefert werden soll. Landwirte können so mehrere Monate vor der Ernte einen Preis für ihre voraussichtliche Ernte festlegen. Im Gegenzug verpflichten sie sich zur Lieferung.
Neben den geopolitischen Spannungen führen auch Trockenheit und Hitze zu höheren Preisen. In Europa fiel die Getreideernte in diesem Jahr etwa acht Prozent niedriger aus. Zugleich exportierte die EU bis Ende August 33 Prozent weniger Weizen als im Vorjahreszeitraum. Von einer akuten globalen Versorgungsknappheit ist aber nicht auszugehen, betont die Welternährungsorganisation der Vereinten Nationen (FAO). Die internationalen Versorgungsbilanzen seien weiterhin stabil und ausreichend. In ihrem jüngsten Bericht für das Erntejahr 2026/27 korrigierte die FAO ihre Prognose jedoch nach unten: Die globale Weizenproduktion dürfte um 3,8 Prozent auf rund 806 bis 811 Millionen Tonnen sinken. Zugleich warnt die Organisation vor rückläufigen Erntemengen, schrumpfenden Reserven und neuen Preisschocks.
Für Verbraucher könnten Brot und Teigwaren zwar teurer werden, allerdings zeitverzögert und nicht unbedingt im gleichen Umfang wie der Börsenpreis. Bei verarbeiteten Produkten wie Brötchen macht der Getreideanteil zudem nur einen kleinen Teil des Ladenpreises aus. Große Mühlen sichern ihre benötigten Mengen häufig Monate im Voraus vertraglich ab.
