Das kleine Häuschen in der Eschenheimer Anlage zeugt still von einem untergegangenen Imperium. Unter grünem Blätterdach steht es, mit runder Fassade und hellen Fenstern zur Petersstraße. Neben dem Häuschen stehen eine Couch, Stühle und Hocker an Holztischen. Die Möbel sehen aus wie Flohmarktfunde, alt, aber mit Wohlfühl-Charme.
Heute gehen die Gäste hier zum Café Fein. Früher gingen sie zu Jöst. Die Jöst Reform Gesellschaft war bis 1971 einer der zwei großen Wasserhäuschen-Betreiber in Frankfurt. Die meisten anderen gehörten den Gebrüdern Krome. Ungefähr 800 der Kioske gab es zur Hochzeit in den Sechziger- und Siebzigerjahren in der ganzen Stadt.
Zwar gibt es heute weit weniger Wasserhäuschen. Die Kultur lebt aber weiter – an manchen Tresen ganz klassisch, an manchen geht es hipper zu. Zwanzig Häuschen werden diese Kultur an diesem Samstag mit dem Wasserhäusje-Tag feiern.
Die ersten Wasserhäuschen entstanden in den 1860er Jahren
Entstanden sind die Wasserhäuschen in den Sechzigerjahren des 19. Jahrhunderts. Sie verkauften Mineralwasser, das seit Neuestem industriell hergestellt werden konnte. Bald nahmen sie auch Milch, Limonade, Tabakwaren, Süßigkeiten und Obst ins Angebot auf. Später kamen auch alkoholische Getränke dazu.
Damals wie heute trinken viele an einem der Wasserhäuschen ein Feierabendbier. „Das Vorurteil ist, dass die Leute hier nur saufen“, sagt Hubert Gloss, „aber das stimmt nicht, es geht um Geselligkeit.“ Gloss würde sich selbst wohl als Wasserhäuschen-Liebhaber bezeichnen. Er stieß als Postkarten-Fotograf auf die alten, baulich oft aus der Zeit gefallen anmutenden Wasserhäuschen. Mundartlich werden sie Wasserhäusje genannt. Er gehört zu den Mitinitiatoren des Wasserhäusje-Tages, veranstaltet Wasserhäusjetouren, hat Wasserhäusjepostkarten produziert, ein Wasserhäusjebuch geschrieben und ein Wasserhäusjequartett entworfen.

Denise Mawila ist an diesem Abend eine der Besucherinnen im Fein. Sie könne sich noch gut daran erinnern, wie das Wasserhäuschen in der Eschenheimer Anlage vor ein paar Jahren noch ausgesehen habe, sagt sie. „Früher war das Wasserhäuschen ein Ort, wo die Leute standen und getrunken haben. Jetzt kann man hier verweilen.“
„Über den Preis werden bestimmte Leute ausgegrenzt“
Auch drei junge Frauen, die ein paar Meter weiter sitzen, kennen das Häuschen noch aus ihrer Kindheit. „Früher war’s mega-tot“, sagt Julie Wolters. Heute habe der Ort „Wohnzimmer-Vibes“ fügt Emily Leuer hinzu. Aber man treffe auch auf eine bestimmte Klientel, sagt sie mit Blick auf die Preise. Ein Kuchenstück kostet mindestens vier Euro, ein kleines Pils 4,20, 0,3 Liter Wasser kosten 3,50 Euro.
„Über den Preis werden bestimmte Leute ausgegrenzt“, kritisiert auch Gloss. Anders scheint das im Wasserhäuschen Snack FM. Hier startet Gloss immer seine Führungen. Der halbe Liter Pils kostet hier noch 1,50 Euro. Links neben dem Verkaufsfenster steht ein Tisch, wer will, kann hier seinen Lottoschein ausfüllen.

Wer sich bei Snack FM an einen der Tische stellt, muss sich nicht fest mit jemandem verabredet haben. Gerade sitzen Uwe Rückert und Georg Hakim Oedingen zusammen an einem Biertisch. Rückert kommt jeden Tag: „Ich habe hier mein soziales Umfeld.“ Hier respektiere man sich. Es gehe an diesem Ort nicht nur ums Trinken, sondern auch darum, sich zu unterhalten, Gesellschaftsspiele zu spielen, eine Kleinigkeit zu essen.
Am Tresen vor dem Kiosk sitzen drei Männer und spielen Karten. Immer wenn Laufkundschaft auf das Kioskfenster zukommt, springt einer von ihnen auf und geht zum Bedienen ins Wasserhäuschen. Es ist Pierre Skolik, Betreiber des Kiosks und immer „mittendrin“, wie er sagt. Hinter seinem Kioskfenster gibt es das klassische Wasserhaussortiment: Zeitungen, Lotto, „Bunte Tüte“, Bier, Süßgetränke, Schokolade und Chips.

Er möchte, dass sein Wasserhäuschen für alle ein schöner Ort ist: für die Schulkinder genauso wie für Seniorinnen oder Arbeiter. Zu Wasserhäuschen wie dem Café Fein hat er eine klare Meinung: „Das ist eine Vergewaltigung der schönen Architektur eines Kiosks zu einem Café.“
Heute gibt es laut Gloss noch schätzungsweise 80 frei stehende Wasserhäuschen in Frankfurt. Aber wann spricht man eigentlich von einem Wasserhäuschen und wann von einem gewöhnlichen Büdchen, einem Kiosk oder einer Trinkhalle? Der Experte denkt nach. Entscheidend sei, so Gloss, dass es sich bei einem Wasserhäuschen um ein frei stehendes Gebäude handele und die Gäste die Möglichkeit hätten, auch eine Zeit zu verweilen. Eine Sache dürfe im Sortiment nicht fehlen: Bier. Wichtiger als eine klare Definition ist Gloss aber, dass die Tradition weiterlebt. „Ich bin froh, wenn ein Büdchen weitergeführt wird.“ Es sei schade, wenn ein Ort verloren gehe, an dem man zusammenkommen könne, ohne viel Geld auszugeben.
Wasserhäuschen sind für manche ein Ort um die Freizeit zu verbringen
Bei manchen Betreibern hat er aber auch Sorge, dass sie zu wenig Geld verlangen: „Die Leute, die hinter dem Tresen stehen, opfern sich auf für ihre Kundschaft. Die machen keinen Urlaub, keinen Feiertag. Und das bei ganz niedrigen Preisen.“
Das Orange Beach war bis vergangenes Jahr eines der 80 frei stehenden Wasserhäuschen. Direkt am Main gelegen, war es bekannt für das schöne, aber auch raue Ambiente. Hier kam Frankfurt zusammen, vom Banker bis zum Alteingesessenen. Betreiber Olaf Gries musste an die Gutleutstraße umziehen. Die Brücke über seinem alten Kiosk wird umgebaut. Das Orange Beach liegt nun nicht mehr direkt am Wasser und heißt seitdem konsequenterweise nur noch „Orange“. Gleicher Betreiber, anderer Ort. Kann das funktionieren? Gries ist zuversichtlich. Schließlich habe sich der Grundgedanke nicht verändert: „Jeder soll hier den Feierabend genießen können. Egal wie alt, egal welcher Beruf, egal welche Hautfarbe.“

Das neue Areal hat nur noch wenig mit einem klassischen Wasserhäuschen zu tun. Das Gebäude ist ein einstöckiger Betonbau, in dem früher ein Kindergarten untergebracht war. Dafür gibt es jetzt einen großen Biergarten. Ganz ohne „Beach“ geht es für Gries nicht. Er hat neuen Sand aufschütten lassen.
Franz Promersberger und Stephan Bronisch sitzen zum ersten Mal auf den Bierbänken im Orange. Der Boden ist mit Rindenmulch abgedeckt. Am Rand stehen ein Tischkicker und eine Torwand. Die beiden verabreden sich regelmäßig an unterschiedlichen Wasserhäuschen. Das 0,5-Liter-Pils vor ihnen kostet 4 Euro. „Das hier ist eher schon ein Biergarten, aber es kommt von der Wasserhaus-Idee her“, sagt Promersberger. Wasserhäuschen seien ein toller Ort, um die Freizeit zu verbringen. Bronisch schätzt an den Büdchen: „Niemand bleibt unter sich, sondern jeder ist offen.“ So entstünden interessante Gespräche.
Geselligkeit ist in einer Zeit wie dieser und in einer Stadt wie Frankfurt besonders wichtig, findet auch Touren-Anbieter Gloss. „Das sind niederschwellige Orte in einer kalten Glasstadt.“ Er fordert: „Wasserhäuschen sollten immaterielles Kulturerbe werden.“
