Abend für Abend gehen Hunderte Besucher über die Brücke in die Wasserburg und schauen sich ein Stück der Burgfestspiele in Bad Vilbel an. 52.000 Gäste sind es bis zur Halbzeit der laufenden Spielzeit schon gewesen. Gedanken über die Sicherheit auf dem Weg zu ihren Plätzen mit Sicht auf eine der beiden Bühnen werden sich die wenigsten Besucher machen.
Das dürfte vor 19 Jahren nicht viel anders gewesen sein. Allerdings war das Bauwerk mit den drei Bögen über dem Burggraben damals beschädigt. „Wir hatten ein Loch in der Decke“, erinnert sich Claus-Günther Kunzmann, Langzeit-Intendant der Festspiele und Kulturamtsleiter. Schäden an den in der Brücke verbauten Sandsteinen führten zu einer mangelhaften Stabilität. Die Stadt behalf sich mit Stahlträgern und Platten. Dieses Provisorium ist längst Geschichte und gleichzeitig Teil einer langen Phase der Sanierung der auf einem Bau aus dem 12. Jahrhundert gründenden Wasserburg.
Die Stadt saniert die vielen Menschen als Wahrzeichen von Bad Vilbel bekannte Festspielstätte seit 20 Jahren. In ihrem Besitz befindet sie sich seit 1955. Davor war die Burg mehr oder weniger dem Verfall preisgegeben, wie Kunzmann sagt. Die Witterung setzte dem Sandstein an vielen Stellen zu.
Auch der Mensch schadete dem Bauwerk, wenn auch nicht in böser Absicht. Um Baumängel zu beheben, nutzten Arbeiter früher viel Zement und Mörtel. Der Haken: Der falsche Werkstoff setzt dem Sandstein zusätzlich zu, wie der Intendant erklärt. Regenwasser drang ein, gefror an eisigen Tagen im Gemäuer und sprengte in der Folge Stücke heraus.

Der spektakulärste Schaden trat unvermittelt vor zwei Jahren auf. Von jetzt auf gleich brach während einer Theaterprobe ein großes Stück der Burgmauer ab. Mit mächtigem Getöse rutschte die Mauerecke gegenüber dem hölzernen Mühlensteg in den Wassergraben. „Irgendwann war eine Pause angesetzt, und dann hat es kurz danach Rumms gemacht, und es war geschehen“, berichtete Kunzmann am Abend nach dem Schreckmoment.
Die Mauerecke galt, wie die Stadt erläuterte, schon länger als marode und hätte nach dem Ende der Spielzeit 2024 saniert werden sollen. Notgedrungen musste die Stadt die Arbeiten vorziehen. 250.000 Euro stellte sie dafür in den Haushalt ein. Der spontane Abgang bot Anlass für Spekulationen. Möglicherweise könnten starke Regenfälle, die an diesem Tag über Bad Vilbel niedergingen, das Abrutschen ausgelöst haben, hieß es.
Für den Wiederaufbau beriet sich die Stadt zum einen mit der Denkmalpflege. Zum anderen beauftragte sie einen Bauhistoriker mit der Aufgabe, die gesamte historische Substanz, auch anhand alter Unterlagen, zu dokumentieren und einen Entwurf vorzulegen, wie der zerstörte Mauerabschnitt neu errichtet werden könnte.

Die Arbeiten sind mittlerweile erledigt, auch dank der Mithilfe des Instituts für Steinkunde in Mainz. Die Rheinhessen berieten die Vilbeler unter anderem bei der Suche nach dem richtigen Mörtel. Dieser Baustoff brauche nämlich außer der zum Sandstein passenden Farbe auch eine bestimmte Körnung und Zusammensetzung. Andernfalls wäre womöglich die Grundlage für die nächsten Schäden gelegt worden.
Nicht nur in diesem Fall besah sich der Spezialist die Burg. Alle Schritte der Sanierung sind bauhistorisch begleitet worden, wie Kunzmann hervorhebt. Das gilt unter anderem für die Arbeiten an dem südwestlich gelegenen runden Eckturm. Der Turm sei vollständig mit Schutt verfüllt und sein Mauerwerk durchnässt gewesen. Arbeiter hätten eine Bohrung gesetzt, um den Zustand der Steine zu erkennen.
Ehedem habe es sich um einen Treppenturm mit einem Durchgang zum Wohngebäude gehandelt. Von innen lässt sich ein Blick nach unten auf den Boden des Turmes werfen. Vor Regen schützt eine Betonplatte die Sandsteine. Nicht schön und schon gar nicht historisch gerecht – „aber damit müssen wir leben“, meint der Intendant.

Nicht von Dauer wird dagegen das Flickwerk an der Außenmauer des runden Eckturms sein. Um den weiteren Verfall zu verhindern, haben Arbeiter mehrere Dutzend Backsteine in das Mauerwerk gesetzt. Dieser Baustoff ist zwar billig und langlebig, allerdings gehört er dort nicht hin. „Im Herbst werden wir sie durch Sandsteine ersetzen“, sagt Kunzmann und fügt hinzu: „Das wird der letzte Schritt der Sanierung sein.“ Wobei er einschränkt, es gebe immer wieder etwas zu tun an der Burg. „Solch ein Gebäude wird nie fertig“, meint er.
Rund zehn Millionen Euro hat die Stadt im Laufe der zwei Jahrzehnte in das Gemäuer gesteckt. Die Sanierung wurde fast vollständig mit eigenem Geld verwirklicht, wie Kunzmann hervorhebt. Zuschüsse flossen demnach nur spärlich. Der Bund überwies 60.000 Euro – das war es bisher. Die Stadtverordneten hätten immer wieder eine große Bereitschaft gezeigt, das notwendige Geld in den Haushalt einzustellen. Andernfalls hätte es eng werden können für die Burgfestspiele. Schließlich muss die Spielstätte sicher sein.

Um den Ansprüchen an die Sicherheit gerecht zu werden, musste auch ein zweiter Eingang als Fluchtweg geschaffen werden. Dergleichen hatten die Bauherren im Mittelalter noch nicht vorgesehen. In zahlreichen und nicht ganz einfachen Gesprächen mit den Denkmalschützern einigte sich Kunzmann mit ihnen auf einen Durchbruch für eine nur während der Spielzeit genutzte Stahlbrücke über den Burggraben. „Ich weiß nicht, wie oft ich schon bei ihnen in Wiesbaden war“, sagt er. Dessen ungeachtet verstehe er den Denkmalschutz als Partner. Beide Seiten haben demnach mit der Zeit wechselseitiges Verständnis für die Aufgaben und Wünsche der Gegenseite entwickelt.
Im Sinne der Sicherheit sieht sich jedes Jahr ein Baufachmann die Burg aufs Neue an. „Mängel wie lose Steine werden umgehend beseitigt“, sagt der Intendant. Alles werde dokumentiert. Die Bauaufsicht in Friedberg bekomme aus Bad Vilbel jährlich ein Paket mit Akten dazu. Wie dick das Paket ist? Kunzmann lässt rund zwei Zentimeter Platz zwischen Zeigefinger und Daumen.
Burgfestspiele steuern auf Besucherrekord zu
Für die Burgfestspiele in Bad Vilbel sind schon mehr als 100.000 Eintrittskarten verkauft worden. So viele waren es zur Hälfte einer Spielzeit noch nie, wie Intendant Claus-Günther Kunzmann und Bürgermeister Sebastian Wysocki (CDU) mitteilten. Mehr als 52.000 Besucher sahen sich bisher die Stücke an. Kunzmann äußert sich mit Blick auf einen neuen Rekord grundsätzlich vorsichtig. Sein Grundsatz lautet: Eine Eintrittskarte kann erst nach einer Vorstellung als verkauft verbucht werden. Dessen ungeachtet zeigten sich Intendant und Bürgermeister sehr erfreut über den bisherigen Verlauf und den Absatz der Eintrittskarten.
Im Abendprogramm stehen derzeit vier eigene Produktionen auf dem Spielplan. Die Resonanz des Publikums sei sehr gut und die Nachfrage nach Karten weiter hoch. „Die Burgfestspiele sind das kulturelle Aushängeschild Bad Vilbels und prägen das Bild unserer Stadt weit über die Region hinaus“, meint Wysocki. Der Hessentag habe die überregionale Wahrnehmung Bad Vilbels weiter gestärkt. Auch die Burgfestspiele profitierten von dieser zusätzlichen Aufmerksamkeit. Im Burghof kommen alles in allem 731 Besucher unter, im Theaterkeller bis zu 87.
