In Umfragen zur Landtagswahl in Sachsen-Anhalt kam die AfD zuletzt auf 38 Prozent. Sie liegt damit weit vor den anderen Parteien. Wer aus diesem Grund ihr Regierungsprogramm liest, stößt auf eine Merkwürdigkeit. Kulturpolitik findet sich bei CDU und der Linken, bei der SPD und den Grünen stets in den letzten Kapiteln ihrer Programme, lange nach Arbeit, Wirtschaft, Verkehr und Gesundheit. Bei der AfD hingegen behauptet Kultur, nach Migration und Familie, den dritten Rang. Kulturpolitik wird von der AfD zu einem ausschlaggebenden Ressort erklärt.
Auf den ersten Blick überrascht dieses Interesse an Kultur bei einer Partei, deren Vorsitzender einst seine Forderung, es sollten in den Schulen mehr deutsche Gedichte gelernt werden, mit der Unfähigkeit verband, auch nur Verse eines einzigen aufzusagen. Die AfD tritt als Partei der mit „dem System“ Unzufriedenen auf, als Partei der sich zurückgesetzt Fühlenden, als Partei des Überdrusses an Europa, als Partei des Kampfes gegen ungesteuerte Einwanderung. All das scheint nicht viel mit Kultur zu tun zu haben. Wie also kommt die Kultur bei der AfD Sachsen-Anhalts zu einem derart hohen politischen Rang?
Die naheliegende Antwort ist, dass in Bundesländern Kulturpolitik wirksam gestaltet werden kann. Aus der EU kann Sachsen-Anhalt nicht austreten, noch kann es Einwanderungsgesetze erlassen oder rentenpolitisch starke Akzente setzen. Auf den ästhetischen Wohlfahrtsstaat hingegen, die Bühnen, Museen, Literaturhäuser und Orchester sowie die öffentlich unterstützte „freie Szene“ kann von Magdeburg aus Einfluss genommen werden. Neben den Universitäten und den Schulen ist Kultur die dritte große Ländersache.
Leiden am Deutschsein
So weit, so pragmatisch. Kultur ist für den Autoren des Wahlprogramms, auf den wir noch zu sprechen kommen, jedoch nicht nur ein Hebel, den die Landesregierung diesseits vollmundiger Sprüche tatsächlich in der Hand haben wird. Kultur ist für die AfD vielmehr das, was die gesellschaftliche Misere erklärt, in der sich das gesamte Land für sie befindet. Alle Fehler, die gemacht werden, haben ihrer Ansicht nach kulturelle Gründe.
Das ähnelt der These des Marxisten Antonio Gramsci, der den ihm zugeschriebenen Begriff der „kulturellen Hegemonie“ zwar nicht verwendet hat, aber in faschistischer Haft von einem Primat der Kultur im Kampf um politische Macht schrieb, um zu erklären, weshalb der Kommunismus im bürgerlich-katholischen Italien um 1920 nicht durchdrang. Gegenüber der Formel „It’s the economy, stupid“, die sich wahlweise den Werken von Adam Smith, Karl Marx oder Friedrich Hayek entnehmen lässt, wurde die Ideologieplanung als entscheidendes politisches Instrument bezeichnet. Keine dauerhafte Machtausübung, heißt das, ohne Meinungsführerschaft.
So sieht es die AfD. Die grundfalschen Entscheidungen der gängigen Politik lassen sich für sie nicht aus bösem Willen oder aus Irrtümern erklären. Die Ursache der Malaise sei vielmehr kultureller Art. Die Deutschen nämlich, meint die AfD, leiden an einer „Identitätsstörung“, sie verleugnen vor allem, deutsch zu sein. Sie leben angeblich ohne positiven Bezug zu ihrer Geschichte, sondern baden, fixiert auf die Jahre vor 1945, in Schuld. Aus ihr leiten sie einen Internationalismus ab, Weltoffenheit, Multikulturalismus. Auf alle Fragen von Belang geben sie Antworten, die von nationalen Interessen und nationaler Kultur absehen.
Zurück zum traditionellen Bauen
Demgegenüber lautet der Appell der AfD ausdrücklich, deutsch zu denken. Und dieses Deutschdenken, dieses Deutschsein ist für die AfD ein kultureller Zustand. Er soll durch Kulturpolitik revitalisiert werden.
Die Folgerungen in ihrem Wahlprogramm sind sehr konkret. Es müssten, heißt es beispielsweise, die Denkmäler für gefallene deutsche Soldaten der beiden Weltkriege besser gepflegt werden. Die Forderung selbst ist weniger interessant als die Begründung. Es handele sich um Tote, die zu ehren seien, weil sie bei „der Verteidigung des Landes“ gefallen sind. Der Verteidigung gegen Polen, Russen, Franzosen und Holländer? Dass ihr ein Angriff voranging, findet keine Erwähnung, denn das wäre für die AfD ja wieder Schuldkult.
Ein anderes Beispiel ist die im Regierungsprogramm enthaltene Polemik gegen das Bauhaus. Die Architekten und Designer aus dem sachsen-anhaltinischen Dessau zwischen 1925 und 1932 sind der AfD ein besonderer Dorn im Auge. Sie findet, es müsse anders gebaut werden. In Landtagsreden wird erläutert, was das heißen soll: Traditioneller – das Bauhaus hat für sie offenbar keine Tradition begründet —, klassizistischer, heimatlicher und mehr nach dem Durchschnittsgeschmack der Bevölkerung, weniger mit Glas, Stahl und Beton, sondern mit naturverbundenen Materialien (Holz, Backstein und Ziegel). Beispiele für das, was „internationalistisch“ und deshalb abzulehnen sei, sind die sogenannte Sinuskurve im nördlichen Gewerbegebiet Magdeburgs und das Gebäude der Nord-LB im Zentrum der Landeshauptstadt.
Die Krux mit der Identität
Abreißen will die AfD solche Gebäude schon deshalb nicht, weil es gar nicht ginge. Die Sinuskurve ist von einem Windrad-Hersteller privat errichtet worden. Das öffentlich finanzierte Bauen will sie aber künftig auf Traditionen um 1800 verpflichten. Sie schlägt eine Abkehr von industriell gefertigten Bauteilen vor, behauptet irrtümlich, das Bauhaus sei dem Handwerk feindlich gewesen und stellt alles, was ihr nicht gefällt, in die Linie dieser Schule. Dass die Sinuskurve am Industriehafen als großes Ornament schwerlich dem Bauhausstil zugeordnet werden kann, ficht sie nicht an. Noch im hier einschlägigen Wort „postmodern“ hört sie „modern“, und die Moderne lehnt sie als hässlich und ungemütlich ab. Ihr stellt sie das historistische Bauen entgegen, Neoklassik, Neoromantik, Neogotik, Neo-Jugendstil. Irgend so etwas, Hauptsache, die Gebäude erinnern an länger vergangene Zeiten.
Das führt zum zentralen Ideal dieses kulturpolitischen Programms: „Identität“. Das Bauen, die Denkmalspflege, die Programme der Bühnen, überhaupt alles Kulturelle soll die deutsche Identität manifestieren. Sie ist zugleich eine sachsen-anhaltinische und wird durch Heinrich I., Otto I., Luther, Bismarck und Nietzsche belegt.
Sie werden im Wahlprogramm aufgerufen gegen das angeblich einseitig auf die Jahre zwischen 1933 und 1945 fixierte Geschichtsbild. Was allerdings aus dem ostfränkischen König und seinem Sohn Otto für gegenwärtige Selbstverständnisse gewonnen werden soll, ist so schwer zu beantworten wie die Frage, ob es einen gemeinsamen Beitrag der Zeitgenossen Bismarck und Nietzsche zu irgendetwas gibt, das den Namen „deutsche Identität“ verdient. Nietzsche war „einer der Wortführer der geistigen Opposition gegen das junge Reich“ von 1871 (Theodor Schieder). Bismarcks Ära, heißt es später, sei „die Ära der deutschen Verdummung“. Von Nietzsches Blick auf Luther, das „Verhängnis von Mönch“, ganz zu schweigen.
Das alles soll in ein Deutschsein eingebracht werden, von dem entsprechend unklar bleibt, was es bedeuten soll. Der AfD bereitet das keine Kopfschmerzen, denn das Wort „deutsch“ dient ihr weniger zur Selbstbestimmung als zur Frontenbildung gegen Leute, die einst als „undeutsch“ bezeichnet wurden, jetzt als „internationalistisch“. Dass schon Wieland und Goethe sich im Zeitalter der Weltliteratur sahen, ficht sie so wenig an wie Nietzsches Europäertum. Wie alle Nationalisten erfindet sie sich die Traditionen, von denen abzuweichen sie ihren politischen Gegnern wie der Moderne überhaupt vorwirft. Vermutlich hält sie die Romantik für eine deutsche Erfindung und Kafka für einen Tschechen.

Darauf läuft es jedenfalls hinaus, wenn im Regierungsprogramm der AfD behauptet wird, die Bühnen Sachsen-Anhalts spielten derzeit keine deutschen Autoren. Die Dramatisierung von Kafkas „Verwandlung“ in Dessau wäre dann ebenso internationalistisch wie Dürrenmatts „Besuch der alten Dame“ in Halle. Was falsch daran wäre, das Theaterprogramm einer Spielzeit ganz mit Shakespeare (Magdeburg), Cechov (Dessau) oder Sartre (Magdeburg) zu bestreiten, ist nicht erfindlich. Goethe, von dem die AfD behauptet, er sei auf den Bühnen des Landes inexistent, wird in Bad Lauchstädt gespielt (Iphigenie, Tasso, Faust I und II). Das Wahlprogramm hält Letzteres fest, kann sich aber nicht zur Forderung durchringen, den Bad Lauchstädtern ein stehendes Ensemble zu finanzieren. So weit geht das kulturpolitische Deutschtum also nicht.
Dass man Kleist auf den Landesbühnen „vergeblich“ suche, fällt auf die Suche zurück. Kleists „Penthesilea“ gibt es gleich zweimal, in Magdeburg das Original, in Halle eine Bearbeitung in der Regie von Sandra Hüller. Dort außerdem Hauptmanns „Weber“ und Büchners „Woyzeck“. In Magdeburg gibt es dann noch Heiner Müllers „Hamletmaschine“ und Schimmelpfennigs „Krieg und Frieden“ nach Tolstoi, aber beides ist vielleicht schon wieder zu international.
Kurz: Die AfD rechnet so sehr mit Lesern ihres Regierungsprogramms, die nicht ins Theater gehen, dass sie ihnen alles Mögliche über das Theater weismachen zu können glaubt. Ihre Kritik der gegenwärtigen Bühne schlägt sie über den nationalen Leisten einfach deshalb, weil sie keinen anderen hat. Die Theater, sagt sie darum, seien undeutsch. Das ist nicht nur ästhetisch eine völlig unsinnige Aussage. Es ist selbst dann, wenn man primitiv auf die Herkunft der Autoren abstellt, um ein Programm als einseitig zu kritisieren – Einseitigkeit durch Shakespeare und Cechov? —, eine glatte Lüge. Die AfD zielt auf Wähler, die nicht ins Theater gehen, aber sich weidlich darüber empören, was dort geschehe.
Doch weshalb sagen wir „die AfD“? Tatsächlich ist ihr kulturpolitisches Programm von einer einzigen Person verfasst worden, dem Abgeordneten Hans-Thomas Tillschneider im sachsen-anhaltinischen Landtag. Tillschneider möchte die deutsche Identitätsstörung „heilen“, durch patriotische Tourismusprogramme, die Vergabe von Preisen, die Durchführung von Gedenkveranstaltungen. Darin ähnelt er Historikern und Aktivisten, die sich dafür aussprechen, Bismarck-Denkmäler umzukippen, weil der Mann ja Kolonialherrschaft ausgeübt habe.
Tillschneider imitiert seine Gegner negativ. Er übertreibt genauso abenteuerlich wie die Leute, die „Mohren-Apotheken“ bekämpfen, überall „strukturelle Gewalt“ und „kulturelle Appropriation“ vermuten und die Exotismen in Petipas „Nussknacker“ unerträglich finden. Nur dass sein Detektor des Unerträglichen eben ein nationaler ist. Er ist, wie seine Gegner, ein stets empörungsbereiter Moralist einer nicht universalistischen Moral. Wie seinen Gegnern geht es ihm nicht um Erkenntnis, sondern um Aufregung, zuletzt um Verachtung. Wie sie möchte er um jeden Preis, auch um den der Wahrheit, einen Kulturkampf führen.
Deutsch denken! Schöner bauen! Patriotismus fördern! Feuerwerk ist Kultur! Das sind die Parolen des kulturpolitischen Wahlprogramms der AfD in Sachsen-Anhalt. Wofür es wenig Sinn hat, ist das Unpatriotische fast aller Kunst, das teils Un-, teils Übermoralische ihrer Werke, ihre Freiheit. Dass seine Gegner, in den Institutionen der Kultur und in den Parteien, dafür ebenfalls keinen Sinn haben, setzt ihn nicht ins Recht. Beides ist gleich verrückt, die patriotische Kunst wie die des Daumendrückens für Menschenrechtskunst in verbesserter Wohlfahrtsstaatlichkeit. Kunst lebt in ihren bedeutenden Formen seit jeher davon, solche Imperative zu ignorieren. Was die AfD ihren Wählern verspricht, ist nicht Kultur, sondern politischer Kitsch.
