Auf seltsame Art passt die Achterbahnfahrt, auf die sich Karim Adeyemi in diesem Sommer begeben hat, ganz gut zum Leben dieses schillernden Fußballspielers, der an diesem Mittwoch laut Aussage des Klubpräsidenten beim FC Barcelona vorgestellt werden wird. Adeyemi, Borussia Dortmunds Verlierer der Rückrunde, gehört plötzlich einer Mannschaft an, der der Kern des spanischen Weltmeisterteams entstammt. Auch der 24 Jahre alte Deutsche war im Winter noch ein WM-Kandidat, was sich unter anderem daran ablesen lässt, dass es Sticker mit dem Angreifer fürs Panini-Album zum Turnier gibt.
Als jedoch im Juni ein Ersatz für den verletzten Lennart Karl gefunden werden musste, wurde über Said El Mala und Kevin Schade nachgedacht, nachnominiert wurde Assan Ouedraogo. Adeyemi war keine Option am Ende eines Frühjahrs, in dem er nur noch Einwechselspieler beim BVB war und vor allen Dingen durch die Amazon-Doku „Loredana & Karim – Love & Drama“ auffiel. Und dennoch wird er von sofort an in einer der besten Mannschaften der Welt spielen – was für ein Aufstieg.
Spannende Versuchsanordnung
Adeyemi wechselt für eine Ablöse von 22 Millionen Euro und Bonuszahlungen von bis zu neun weiteren Millionen zum Klub des deutschen Trainers Hansi Flick in eine Gruppe von insgesamt acht spanischen Weltmeistern. Das ist eine der spannendsten Versuchsanordnungen des kommenden Champions-League-Jahres.
Denn es ist völlig unklar, wie er sich in diesem Umfeld verhalten wird, wo exakt jene Eigenschaft über allem steht, die sich Adeyemi in Dortmund einfach nicht aneignen wollte: die Bereitschaft, jederzeit fleißig, intensiv und konsequent beim Verteidigen des eigenen Tores mitzuwirken. Die Bilanz mit einem Gegentor der Spanier in acht Turnierspielen ist ein beeindruckendes Zeugnis dieser Grundhaltung, die Adeyemi bisher fehlt. Auch der FC Barcelona ließ in der vorigen Saison im Schnitt weniger als einen Gegentreffer pro Spiel zu, was in der Bundesliga keiner Mannschaft gelang.
Das enorme Tempo ist sein Trumpf
Sollte Adeyemi der fehlende Entwicklungsschritt gelingen und zu einem lukrativen Weiterverkauf führen, würde der BVB immerhin 35 Prozent der Transfersumme erhalten, aber das ist ein schwacher Trost. Denn wieder einmal hätten die Dortmunder einen Spieler abgegeben, dessen Qualität sich erst nach seiner Zeit in Schwarz-Gelb vollständig entfaltet; wie im Falle von Jude Bellingham, Erling Haaland, Ousmane Dembélé, Alexander Isak, Donyell Malen, Abdou Diallo, Manuel Akanji, Mikel Merino, um nur einige zu nennen. Dass er das Potential dazu hat, steht außer Frage.

BVB-Trainer Niko Kovac hat den 2022 für 30 Millionen Euro von RB Salzburg erworbenen Adeyemi einmal als Fußballer beschrieben, der „vom lieben Gott geküsst“ worden sei. Weil er einerseits dieses enorme Tempo hat – im Ranking der schnellsten Sprints, die jemals in der Bundesliga gemessen wurden, steht Adeyemi mit 36,65 Kilometern pro Stunde auf dem sechsten Platz.
In der Champions League soll er in einer Partie sogar mal 37,28 Kilometer pro Stunde schnell gelaufen sein. „Was wir sicherlich verlieren, ist Geschwindigkeit“, sagte Kovac zum Abschied. Aber der Kuss vom lieben Gott bescherte dem Fußballer nicht nur Sprintstärke, sondern auch eine gewaltige Sprungkraft. Und genau an dieser Stelle liegt das Problem mit Adeyemi: Der gebürtige Münchner hat seine Fähigkeiten bislang nie voll zur Geltung gebracht.
Eine Zeit der Konjunktive
In seinen vier Jahren beim BVB war er insgesamt elfmal wegen kleinerer oder auch größerer Verletzungen für insgesamt 289 Tage spielunfähig, was hinter vorgehaltener Hand auch auf eine nicht immer vollständig professionelle Lebensführung zurückgeführt wurde. Nicht zuletzt deshalb sind die vier Adeyemi-Jahre in Dortmund eine Zeit der Konjunktive. Was wäre gewesen, wenn dieser Fußballspieler immer voll bei der Sache gewesen wäre und sich ohne Nebengeräusche jederzeit dem Teaminteresse untergeordnet hätte?
Hätte er das Champions-League-Finale 2024 gegen Real Madrid zugunsten des BVB entschieden, in dem er mehrere große Chancen ungenutzt ließ? Wäre es dem Revierklub mit einem formstarken Adeyemi gelungen, 2023 das Duell gegen Mainz zu gewinnen, in dem die Dortmunder am letzten Spieltag durch ein 2:2 die Chance verpassten, deutscher Meister zu werden? Vielleicht schon. Adeyemi erreichte in Dortmund nie dauerhaft das obere Limit seines Könnens.
In Barcelona wird er sich nun nicht nur der Kultur des spanischen Kollektivspiels, sondern auch dem internen Konkurrenzkampf mit Lamine Yamal auf dem rechten Flügel und mit Raphinha auf dem linken Flügel stellen müssen, was einen motivierenden Effekt haben dürfte. Und beim neuen Bundestrainer Jürgen Klopp wird er wahrscheinlich ebenfalls nur eine Chance bekommen, wenn er sich nicht mehr weigert, ernsthaft und ambitioniert in der Defensive mitzuarbeiten.
Ein Leben, das sich nicht nur um Fußball dreht
Wobei in diesem Fall schon die Gefahr besteht, dass es sich hier um einen dieser Profis handelt, die einfach nicht auf gute Art reifen können oder wollen. Adeyemi ist nicht nur eigensinnig, er hat sich auch ganz bewusst für ein Leben entschieden, in dem es nicht nur um Fußball geht.
So sorgte er im vergangenen Herbst für Schlagzeilen, weil aufgrund des Besitzes illegaler Waffen ein Strafbefehl über 450.000 Euro gegen ihn verhängt wurde. Damals zeigte sich der breiten Öffentlichkeit, in was für einem Milieu sich Adeyemi und seine Frau, die Rapperin Loredana, bewegen.
Loredana, die 2024 in der Jury der RTL-Show „Deutschland sucht den Superstar“ saß, war 2019 in einen Betrugsfall verwickelt, in dessen Rahmen einem älteren Ehepaar ein sechsstelliger Franken-Betrag abhandenkam. Die Künstlerin gab zu, sich gegenüber dem Ehepaar fälschlicherweise als Rechtsanwältin ausgegeben zu haben, stritt aber ab, dabei gegen Gesetze verstoßen zu haben. Mit einer Wiedergutmachungszahlung kam es zu einer außergerichtlichen Einigung.
Das Leben mit Loredana führt offenbar zu besonderen Umständen. Jedenfalls sagte Adeyemi in der Doku über sein Leben mit ihr: „Wenn ich allein bin und mich jemand überfallen will, dann soll er das machen – aber nicht meine Familie.“ Man müsse bedenken, dass seine Partnerin „keine normale Frau“ sei, sondern eine prominente Person in der Hip-Hop-Szene, was so viel heißen könnte wie: Die Familie, zu der auch eine Tochter Loredanas aus einer anderen Beziehung gehört, ist womöglich besonderen Gefahren ausgesetzt, vor denen der Rechtsstaat keinen ausreichenden Schutz bietet. Aber auch auf diese Umstände könnte der Ortswechsel eine positive Wirkung haben.
