Es kommt immer raus. Wirklich immer. Fremdgänger erkennt sie an der Haarspitze. Daran, wie die Schere angesetzt wurde, daran, wie die Haare fallen. Erwischt! Da war ein anderer Friseur dran. Und selbst wenn sie es nicht auf den ersten Blick sehen würde, sind es die Kunden, die sich verraten. Weil sie sich zu rechtfertigen beginnen, sich manchmal sogar entschuldigen.
Isabelle Martens guckt dann streng. Nur ein paar Sekunden. Länger hält sie es nicht aus. Dann lacht sie ihr typisch lautes Lachen, für das sie vorsichtshalber die Schere weit weg vom Kopf hält. Das Verhältnis zwischen Friseur und Kunde sei zwar oft eng, viele bestünden schon seit Jahren. Aber deswegen müsse man sich noch lange nicht die Erlaubnis einholen, auch mal einen anderen Salon auszuprobieren. „Fremdgänger“ nennt sie deshalb lieber „Rückkehrer“ – und die sind ihr die liebsten. Weil sie aus Überzeugung, nicht aus Gewohnheit, in Zukunft Termine ausmachen.
Und was ist mit denen, die sich klammheimlich aus dieser manchmal sehr engen Beziehung verabschieden, ohne jemals wieder zurückzukehren? Martens, 37 Jahre alt, Inhaberin des Friseur- und Make-up-Studios Get ur Look im Schatten der Europäischen Zentralbank im Frankfurter Ostend, zuckt die Schultern. Sie nimmt es sportlich: „Es gibt genug Arbeit für alle.“
„Haare wachsen wieder nach“
Diese Arbeit ist ihre Leidenschaft. Und die lebt sie vor, die lebt sie aus. Sie selbst erfindet sich immer wieder neu. Mal empfängt sie ihre Kunden mit platinblonden, kurz rasierten Haaren im Laden, wenige Wochen später mit schulterlanger Walle-walle-Mähne. Extensions machen es möglich. Hat sie sich an einem Look sattgesehen, folgt meist ein radikaler Schnitt. Neue Farbe, neue Länge. Mit Mut, so sagt Martens, habe das nicht viel zu tun. Eher mit einer banalen Einsicht: „Haare wachsen wieder nach.“ Sich nicht immer mal wieder zu verändern, ergibt in ihren Augen einfach keinen Sinn.
Eine Haltung, die sie nicht auf ihre Kunden übertragen darf. Das hat Martens schnell gelernt. Wer in diesem Beruf bestehen will, der muss eine Vision des für den jeweiligen Kunden und dessen Lebenssituation passenden Haarschnitts haben – und diese im Zweifelsfall für sich behalten. Denn nicht jeder möchte etwas an seinem Äußeren ändern. Manche sind auch froh mit einem „Wie immer“. Und nicht jedes salopp geäußerte „Machen Sie, was Sie für richtig halten“ bedeutet automatisch künstlerische Freiheit.

Martens hat längst verstanden: Die Schwierigkeit für Friseure besteht nicht ausschließlich darin, die Schere richtig zu führen oder den gewünschten Farbton zu treffen, sondern auch darin, herauszufinden, was die Kunden wirklich wollen. Verrückt, eigentlich, wenn man bedenkt, dass da erwachsene, mündige, oft meinungsstarke Kunden im Stuhl sitzen, die aber bei Haar- und Stylefragen plötzlich unsicher werden. Sagen sie kurz, meinen sie womöglich doch eher mittellang. Sagen sie „alles neu“, meinen sie unter Umständen „die Stufen diesmal etwas feiner“, sagen sie „so richtig rot“, könnte es auch Kupfer sein. Martens arbeitet sich dann vor.
Ganz behutsam und oft auch unbemerkt. Sie verwickelt ihre Kunden gerne in ein Gespräch, versucht herauszufinden, wie sie ticken. Sitzt da jemand, der sich morgens gerne ein bisschen Zeit für Haare und Make-up nimmt, oder muss die Frisur auch nach einem stressigen Schnellstart ordentlich aussehen? Kann da jemand mit einer Rundbürste umgehen, oder muss ein Schnitt her, bei dem die Haare fast von allein richtig fallen? Die Friseurmeisterin fragt – und sie beobachtet. Wie ist jemand gekleidet? Sportlich? Elegant? Eine Mischung aus beidem? Was für ein Typ Mensch sitzt da vor ihr? Äußerlich – aber auch charakterlich? Bringt jemand ein bisschen Mut mit, oder gibt Beständigkeit Sicherheit?
Welcher Schnitt passt zur Gesichtsform, welche Farbe zum Hautton?
„Wir nehmen die Menschen ganzheitlich wahr“, sagt Martens. Wer sie fragt, was zum eigenen Typ passt, der bekommt Antworten. Martens kann es ohnehin nicht verhindern, dass sie im Kopf schon einmal mit dem (Um)Styling beginnt. Etwas, was sie seit der Ausbildungszeit nicht ablegen kann. Welcher Schnitt passt zur Gesichtsform, welche Farbe zum Hautton? „Ich habe Leuten in Gedanken die Augenbrauen gezupft.“ Aber sie hat auch gelernt, zu schweigen. „Ich würde nie ungefragt etwas sagen. Ich muss die Leute sein lassen, wie sie sind.“

Und doch beobachtet sie, dass seit einigen Jahren die Menschen schneller bereit sind, sich zu verändern und auszuprobieren, wer sie durch einen neuen Look sein könnten. Das hänge sicherlich auch mit visuell getriebenen Plattformen wie Instagram oder Pinterest zusammen, auf denen auch internationale Trends sichtbar werden. „Der Mullet hätte es vorher sicher nicht geschafft“, sagt sie und meint damit den Kultschnitt aus den Achtzigerjahren, den Vokuhila (vorne kurz, hinten lang), der wieder auf der Straße zu sehen ist. Selten passiere es, dass auch sie versuche, motivierte Kunden auszubremsen. Nicht alles stehe jedem. „Es ist schwer, wenn die Hände etwas machen sollen, das ich nicht fühle“, sagt sie.
Manchmal, gar nicht so selten, sei sie Stylistin und Psychologin in einem. Viele kommen ins Reden, wenn sie auf einem der Stühle in dem modernen Salon sitzen. Vielleicht auch, weil es sich komisch anfühlt, jemanden so nah an sich heranzulassen, ohne etwas über sich preiszugeben. Oder weil es die Zeit einfach mal zulässt. Denn selten wird der Alltag so ausgebremst wie beim Besuch im Friseursalon. Der Frisierstuhl wird da schon mal zur Psychologencouch. Nur, dass am Ende die Haare besser liegen. „Wir kommen den Menschen schon sehr nah – und sind doch weit genug weg“, sagt Martens.
Ein neuer Look kann zu mehr Selbstbewusstsein führen
Manchmal passiere es auch nach all den Jahren noch, dass es bei all der Empathie und Feinfühligkeit nicht immer gelinge, ganz genau herauszuarbeiten, was die Kunden wirklich wünschen. Die ungewohnte Nähe scheint manch einen wohl so einzuschüchtern, dass auf die Nachfrage „Gefällt es“ erst ein Nicken, dann – „in seltenen Fällen“, wie sie sagt – eine negative Google-Bewertung folgt. Weil das Ergebnis nicht die Erwartungen getroffen hat, weil die Gelegenheit buchstäblich nicht beim Schopfe gegriffen wurde, etwas korrigieren zu lassen, was nicht der eigenen Vorstellung entsprach. Ja, die Sache mit der Kommunikation sei wirklich eine Herausforderung, meint Martens gedankenverloren und streichelt ihre Hündin June. Die zehn Jahre alte Hundedame ist die „Wohlfühlbeauftragte“ im Laden und nimmt ihren Job sehr ernst.
Martens mag es lieber, über die Dinge zu sprechen, die sie antreiben. Die Momente, wenn sie Menschen durch einen neuen Look zu mehr Selbstbewusstsein verhilft. Den Bräuten, die sie am Morgen der Hochzeit schminkt und stylt, oder – Kontrastprogramm – der Dame, der sie einst für den anstehenden Scheidungstermin zu einem besonderen Auftritt verholfen hat. „Der ganze Look hat geschrien: Das geht dir durch die Lappen.“
Ja, Martens zehrt von Momenten wie diesen. Von Begegnungen mit Menschen, von der Möglichkeit, sich kreativ auszuleben, von der Präzision, die das Handwerk erfordert. Dass das seinen Preis hat, scheinen die meisten zu akzeptieren. Trotzdem, so sagt sie, verliere sie bei jeder Preiserhöhung auch langjährige Kunden. Aber es sei in den vergangenen Jahren immer wieder unumgänglich gewesen, die Preise anzuheben, um den Salon wirtschaftlich führen zu können. „Aber da müssen wir mit stolzgeschwellter Brust dastehen und es erklären“, sagt sie und macht schnell klar: Es geht um Transparenz, nicht darum, sich zu rechtfertigen. Schönheit, das war wohl schon immer so, hat eben ihren Preis – aber auch ihre Grenzen.
Manchmal, sagt Martens, werde von ihrem Team mehr erwartet, als sie jemals leisten können. Als könne eine neue Frisur, ein neuer Look, helfen, das alte Leben komplett hinter sich zu lassen, als übertünche ein greller Farbton die Probleme aus dem Alltag. Martens versucht es trotzdem. Dann wäscht, schneidet, färbt und föhnt sie, um das gute Gefühl, sich neu erfunden zu haben, zumindest so lange wie möglich zu erzeugen. „Manche erwarten ein Wunder. Sie wollen hier als eine neue Person rausschweben. Wir sind am Ende auch nur Stylisten.“
Nur Stylisten? Sie muss selbst über ihre Wortwahl laut lachen. Das Wort „nur“ hat sie sich eigentlich abgewöhnt. Als wäre das, was sie zu bieten hat, nicht genug. Sie ist Stylistin, Friseurin, Make-up-Spezialistin, Geschäftsführerin, Wunscherfüllerin – und das alles mit Leidenschaft und mit Berufsethos. „Wenn sich jemand einen Zopf macht, nachdem ich perfekt geföhnt und gestylt habe, sticht mir etwas ins Herz.“
