Elf Nationale Bildungsberichte in 20 Jahren – was hat sich in dieser Zeit verändert, welche Probleme sind geblieben?
Die Rahmenbedingungen, unter denen Bildung stattfindet, haben sich stark verändert: Wir hatten Kriege, Wirtschafts- und Finanzkrisen, die Corona-Pandemie, Zuwanderung in erheblichem Maße. Wenn man sich das alles vergegenwärtigt, ist klar: Ein System kann nur bestehen, wenn es sich permanent weiterentwickelt. Es gab viele Bildungsreformen in den vergangenen 20 Jahren, vor allem nach den schlechten Ergebnissen bei der ersten Pisa-Studie. Man muss aber auch nüchtern sagen, dass die Kernprobleme geblieben sind, zu viele Schüler, die die Bildungsstandards nicht erreichen, zu viele Jugendliche ohne Schulabschluss, eine zu hohe Koppelung von Bildungserfolg und sozialer Herkunft. Wir haben es auch nicht geschafft, eine dynamisch-agile Personalrekrutierung an den Schulen zu etablieren. Das System ist zu reaktiv, es fehlen übergeordnete Zielsetzungen. Gefolgt wird einer Projekt- statt einer ganzheitlichen Logik.
Wer soll „die koordinierte, langfristig angelegte Bildungssteuerung“ im Föderalismus übernehmen, die im Bericht gefordert wird? Auch das ist ein altes Problem in Deutschland.

Das ist so. Zugleich wäre es aus meiner Sicht aber ein Trugschluss, dass sich die Probleme lösten, wenn Bildung zentral von Berlin aus gesteuert würde. Wird Machtkonzentration falsch eingesetzt, bleibt sie wirkungslos. Sinnvoller im Rahmen des Föderalismus fände ich eine stärkere Orientierung an Bildungsdaten und ein Denken über die jeweilige Legislaturperiode hinaus. Gefragt ist mehr Mut, Veränderungen anzustoßen, die vielleicht erst in zehn Jahren sichtbar werden.
Der Bund kann Anreize setzen, sich auf solche Ziele zu verständigen. Ein gutes Beispiel ist das auf zehn Jahre angelegte Startchancenprogramm: Es gibt ein ambitioniertes Ziel vor – die Zahl der Kinder, die die Mindeststandards in Mathe und Deutsch nicht erreichen, zu halbieren –, und verlässt die Ebene der Einzelschule. Versucht wird, in einem Unterstützungssystem Multiplikatoren zu qualifizieren, die dann die Professionalisierung an die einzelnen Bildungsorte bringen. Nicht effizient ist die Durchführung vieler Einzelmaßnahmen ohne Verzahnung, auch zwischen den einzelnen Bildungsbereichen. Ein Beispiel: In Deutschland dürfen Daten, die in der Kita generiert wurden, etwa zum Sprachstand, nicht an die Schulen weitergegeben werden. Dahinter stehen Datenschutzgründe und der Ansatz, Diskriminierung zu vermeiden. Ich verstehe immer nicht, warum Förderung Diskriminierung sein soll.
Der Bericht stellt die Bedeutung der frühkindlichen Bildung heraus. Was sollte sich in diesem Bereich ändern?
Wie wichtig frühe Bildung ist, ist seit mehr als zwanzig Jahren bekannt. Neu ist, dass uns mit dem Nationalen Studienpanel Untersuchungen vorliegen, die die ganze Dramatik ungleicher Voraussetzungen deutlich machen. Wir messen Kompetenzen heute meist erst in der vierten Klasse, ihr Erwerb beginnt aber mit der Geburt des Kindes. Wir müssen die Bedeutung früher Bildung jetzt in die Praxis überführen und auch in den Kitas zur Geltung kommen lassen.
Was halten Sie von einer Abschaffung der Schulpflicht, die dieser Tage diskutiert wird?
Davon halte ich überhaupt nichts. Ich empfinde die Diskussion als fachlich völlig deplatziert und die Umsetzung nach unserer Verfassung nicht durchführbar. Deutschland hat die Schulpflicht, die, zugegeben, relativ restriktiv ist im internationalen Vergleich. Aber ich sehe sie sehr positiv, denn sie ermöglicht die Umsetzung des Rechts auf Bildung für jedes Kind. Statt jetzt zu überlegen, wie wir einer kleinen Gruppe das Homeschooling ermöglichen – das darin eine Verbesserung liegen soll, halte ich für vollkommen absurd –, sollten wir lieber unsere Kraft darauf lenken, Schule zu verbessern, sie für den Stadtteil zu öffnen, die Bildungsbereiche miteinander zu verzahnen und das Kind in den Mittelpunkt zu stellen. Das muss doch die Perspektive sein, die wir einnehmen.
Wie könnte man die MINT-Ergebnisse verbessern, die in Deutschland nach der Grundschule stark nachlassen? Im Bericht steht auch, dass in Deutschland fast jeder dritte Hochschulabschluss in den MINT-Fächern inzwischen von internationalen Studierenden abgelegt wird.
Auch in dieser Frage reagieren wir zu stark projektbezogen, oft mit vorübergehenden Kampagnen. Ich glaube, es brauchte eher ein durchgängiges Bekenntnis zu einer guten MINT-Bildung. Wir reden den Kindern teilweise auch ein, wie schwierig Mathematik und Physik sind. Aber alle unsere zentralen Zukunftsfragen betreffen den MINT-Bereich: Klima, erneuerbare Energie, Digitalisierung, E-Mobilität. Warum dieses Thema nicht anwendungsorientierter und ganz früh in den Unterricht bringen?
Gibt es eine Erklärung dafür, dass sich die Zahl der Schulabbrecher zuletzt noch einmal vergrößert hat?
Der leichte Anstieg ist unschön, aber angesichts der Herausforderungen, vor denen Jugendliche heute stehen – größer werdende psychische Belastungen, Zuwanderung mit teils unterbrochenen Bildungsbiographien, Lehrkräftemangel –, ist er eigentlich nur folgerichtig. Wir denken immer, dass wir die acht Prozent halbieren könnten, wenn wir nur guten Unterricht anbieten. Das ist aber vollkommen utopisch, denn etwa die Hälfte der Abbrecher sind Schüler mit starkem Förderbedarf, die zum Teil keinen allgemeinbildenden Abschluss machen können. Wir müssten hier also zunächst die Strukturen verändern, um Abschlüsse überhaupt zu ermöglichen.
