Eine Kollegin schickt mir eine Nachricht, am Ende ein Tränen lachendes Emoji. „Bist du das?“ Ich öffne den Link, er führt zu Google. Die Rezensionen unserer Notaufnahme. „Gehen Sie auf gar keinen Fall dorthin! Mein Auge hat so wehgetan! Nach 45 Minuten kam so eine junge Frau, die sich das Auge nicht mal angeschaut hat und gesagt hat, dass ich zu einem Augenarzt muss. Dann hat sie mich rausgeschmissen.“ Ein Stern.
Was in der Rezension nicht steht: Bereits an der Ersteinschätzung wurde dem Patienten gesagt, dass wir keine Augenärzte vor Ort haben. Dass es ungefähr eine Stunde dauert, bis wir ihn anschauen können. Er wollte warten. Das Auge war schwer entzündet. Ich war in meiner Kommunikation mit ihm sehr deutlich. Habe ihm die Grenzen meiner Möglichkeiten erklärt, dass wir ihn verlegen müssen. Als er beleidigend wurde, habe ich ihm sehr deutlich gesagt, dass er unsere Klinik gern verlassen darf. Dass dann die Möglichkeit besteht, dass er sein Augenlicht auf der betroffenen Seite verliert. Wir haben ihn, damit er nicht mehr selbstständig Auto fährt, mit einem Krankentransport in die andere Klinik bringen lassen. Dort wurde er stationär aufgenommen. Er verabschiedete sich mit den Worten: „Da schreib ich euch eine Scheiß-Bewertung, das könnt ihr mir glauben.“ Hat er. Ein Stern.
Die Öffentlichkeitsabteilung der Klinik spricht mich im Verlauf der nächsten Wochen an. Ob ich mir sicher sei, dass ich mich nicht im Ton vergriffen habe. Als ich mich in einer anderen Situation beschwere, dass ein Patient handgreiflich geworden ist, höre ich: „Da hätten Sie vorher eben deutlicher sein müssen.“ Meine Reaktion, die Polizei zu informieren, fand man dann aber doch übertrieben. Ein Stern.
Wer entscheidet, mit wem ich wie viel Zeit verbringe?
Wer darf also entscheiden, wie viel Zeit ich mit dem Menschen vor mir verbringe? Welchen Ton ich anschlage? Wie du mir, so ich dir? Aber sollte mein persönliches Selbstverständnis nicht unabhängig von dem sein, was mein Gegenüber mir bietet? Sollte mein Beruf nicht so ausgestaltet werden, durch Arbeitgeber, Strukturen, die Gesellschaft, dass ich einfach meine Arbeit machen kann? Die Frage, die sich mir zunehmend stellt, ist die einer beruflichen Sinnkrise, die ich mit vielen Kolleginnen und Kollegen teile: Was ist eigentlich meine Aufgabe? Menschen kommen wegen aller Belange des Lebens zu uns. Zu allen Tages- und Nachtzeiten. Die Aufgaben, die unsere Patienten uns stellen, sind sehr anders als jene, für die die Krankenhäuser bezahlt werden. Meine Kollegen aus der Niederlassung wissen hier sicherlich ebenfalls viel zu berichten. Das, was finanziell honoriert wird, ist oft nicht das, was den Menschen wichtig ist.
Wir können Gesprächspartner sein, Vertrauenspersonen, Helfende, Heilende. Manchmal sind wir Beschützer. Erklärer. Fürsprecher. Begleiter. Manchmal auch Störfaktoren, Hindernisse, Unverständige. Fragen Sie mit einem Blick auf das aktuelle Zeitgeschehen unsere Arbeitgeber, die Krankenkassen, auch die Politik – dann sind wir oft einfach nur Dienstleister. Vielen von uns fällt das schwer. Unseren Patienten fällt das schwer zu verstehen. Menschen kommen zu uns, um sich die Wunden versorgen zu lassen, die sie sich selbst zugefügt haben. Die Patientin hatte sich danach bei uns entschuldigt. Das nächste Mal werde sie versuchen, nur so tief zu schneiden, dass es nicht genäht werden muss. Die Wundversorgung? Wertschätzend und fürsorglich, wir haben miteinander gelacht. Nach Meinung eines anderen Patienten allerdings hätte sie zuletzt drankommen sollen, immerhin sei sie selbst an ihrer Verletzung schuld. Ein Stern.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Leichtsinn findet ebenso einen Platz in der Notaufnahme. Wie der Fünfundzwanzigjährige, der aus Langeweile seinen Penis mit einem Edding angemalt hatte. Ob wir ihm helfen könnten dabei, wie er die Farbe entfernen kann. An der Anmeldung hatte er berichtet, er habe ein urologisches Problem. Der Patient verließ die Notaufnahme unzufrieden, die Farbe befand sich noch an seinem Penis. Ein Stern.
Menschen kommen zu uns mit ihrer Version der Ereignisse. Der junge Mann, der sagt, er sei ausgerutscht und mit der Hand auf den Gehsteig geprallt. Der Bruch, den er an der Mittelhand hat, erzählt eine etwas andere Geschichte. Am Folgetag kommt eine junge Frau mit gleichem Nachnamen. Sie habe sich an einer Schrankwand heftig das Gesicht angestoßen, das Auge ist blutunterlaufen. Zur Kontrolle beim Augenarzt holt der Mann vom Vortag sie ab. Wir sehen, wie er sie beim Abholen im Auto anschreit. Sie weint. Zwei Jahre später kommt sie wieder, möchte ihre Krankenakte haben. Während ihr nun Ex-Partner im Foyer gegen die Türen hämmert, verstecken wir sie im Arztzimmer, bis die Polizei eintrifft. Die Geräuschkulisse belästigt eine andere Patientin. Sie gibt uns einen Stern.
Hätte ich da einlenken sollen?
Menschen kommen zu uns, weil sie einsam sind. Wie die Dame mit dem pinken Rollator, die wöchentlich vorbeikommt. Meist hat sie Bauchschmerzen. Wir reden mit ihr, sie bekommt eine Tablette gegen ihre Magensäure. Die hilft bei ihr auch gegen Schwindel. Dann bedankt sie sich, geht in die Cafeteria des Krankenhauses und bestellt sich ein Stück Torte. Dort sitzt sie zwei Stunden und fährt wieder nach Hause. Sie schreibt keine Bewertungen.
Keiner dieser Menschen war todkrank. Alle hatten eine Not. Wir haben sie in unsere Notaufnahme aufgenommen. Bezahlt wird das Krankenhaus dafür nur spärlich. Die Diskussion ist wie so oft: Die gehören nicht in die Notaufnahme. Mag sein. Aber: Welche dieser Patienten hätten wir wegschicken sollen? Wie setzen wir die Grenzen, wenn doch zu Beginn, beim ersten Kontakt mit dem anderen Menschen, noch gar nicht klar ist, ob es diese Grenze braucht? Am Ende eines Gesprächs ist es einfach, zu sagen: Da hätte ich einlenken sollen. Die hätten wir wegschicken müssen. Dafür muss das Gespräch aber doch erst einmal stattfinden. Die Zeit, die wir mit einem Patienten verbringen können, ist wertvoll. Sie wird nur leider nicht bezahlt. Unterhaltungen abzukürzen, Nein zu sagen, unsere Zeit als Ärzte zu horten, sparsamer zu verteilen – das wird von uns oft gefordert. Immer dann, wenn es um die anderen geht. Niemals bietet mir jemand an, die eigene Zeit abzugeben.

Im Studium lernen wir: Patienten sollen mitentscheiden dürfen. Kein vorgedruckter Bogen kann ersetzen, was ein Gespräch kann. Wie entscheiden wir also, wie lang unsere Gespräche dauern dürfen? Und wie setzen wir Grenzen bei Menschen, bei denen wir nicht beginnen können mit dem Verständnis der Krankheit? Wann stellt ein Patient so viele Fragen, dass ich sagen darf: So, jetzt ist es genug, den Rest schauen Sie bitte im Internet nach? Man lernt, sich kurzzufassen. Nicht immer fühlt sich das richtig an. Und: Es bleibt unseren Patienten schwer zu vermitteln. Denn Angst, Bedenken, Sorge und Unsicherheit führen Menschen in Grenzsituationen. Hier darf viel gesagt werden, was sonst nicht tolerabel ist. Aber auch das kann man lernen: Respektlosigkeit nicht in gleicher Art zu begegnen. Denn wir sollen Profis sein. Profis, wenn es dem Gegenüber nicht mehr gelingt, sich zu beherrschen. Weil das, was gerade erlebt wird, überwältigend ist, lebensverändernd. Dann sind wir diejenigen, die freundlich bleiben sollen, fürsorglich. Weil die Extreme unseres Gegenübers unser Alltag sind.
Welche Bedeutung hat mein eigener Harndrang, meine eigene Müdigkeit, wenn jemand vor mir liegt, dem es nicht gut geht? In den Augen, die auf uns gerichtet sind, ist die Wertung oft sehr klar. Wie kommt der Arzt darauf, Pause zu machen, während die Patientin noch auf ihre Wundversorgung wartet? Das kann man als Patientin nur persönlich nehmen. Hingegen die, die über unsere Arbeitsbedingungen entscheiden, scheinen nicht zu wissen, dass unser Beruf die Kriterien einer Ausnahmesituation so oft erfüllt, bis man den Zustand wieder Alltag nennen darf. Jedem, der hier verständnislos den Kopf schüttelt und uns rät, wir sollen in solchen Situationen härter, ablehnender, forscher sein, denn immerhin verdienen auch wir eine Pause, einen pünktlichen Feierabend, wir entscheiden selbst über unsere Bedingungen, sage ich dies: Sie haben völlig recht. Bitte behalten Sie deshalb auch dann dieses Verständnis bei, wenn es um Ihre Mutter, Ihren Sohn oder Sie selbst geht.
Künftig werden wir immer mehr lernen müssen, Nein zu sagen – egal, wie man zu seinem Beruf steht. Unsere eigenen Stellen werden nämlich gestrichen, weil die Kliniken sich nicht mehr leisten können oder wollen, uns zu beschäftigen. Unsere Aufgabe ist, damit umzugehen. Was das bedeutet? Eine meiner Kolleginnen zieht ins Ausland. Sie ist nicht die einzige. Sie wurde mit ihrem Partner von einem Headhunter gefunden. Beide sind Fachärzte, hochqualifiziert. Er arbeitet hier 80 Stunden pro Woche, es wurden in seinem Team die Stellen über Jahre nicht nachbesetzt. Ihr Vertrag wird nicht verlängert. Man muss Personalkosten sparen. Sie lernen jetzt beide Spanisch, die Kurse werden ihnen vom Headhunter bezahlt.
Viele Ärzte verlassen das System und kehren nie mehr zurück
Ein anderer Kollege beschäftigt sich nun hauptberuflich mit seinem Instagramkanal. Er hat das Gefühl, so mehr Menschen zu erreichen, er klärt über Erkrankungen auf. Bringt Menschen bei, sich selbst besser zu helfen. Er nimmt keine Werbeverträge an, spendet seine wenigen Einkünfte an ein Hospiz. Er sagt: Auf seinem Instagramkanal hören ihm die Menschen wenigstens zu. Es sind viele. Halbtags arbeitet er zusätzlich privatwirtschaftlich, nicht mehr als Arzt. Er verdient damit mehr Geld im Monat als vorher im Vierteljahr. Ihm fehlt die ärztliche Arbeit, sagt er. Er kehrt dennoch nicht zurück. Nicht in dieses System, das unter seiner eigenen Last zusammenzubrechen droht.
Er erinnert sich an einen unserer letzten gemeinsamen Dienste: eine volle Notaufnahme. Eine junge Patientin mit Depressionen, die keinen Termin beim Psychiater erhalten hatte. Ein Herr mittleren Alters, der eine Einweisung von vor drei Monaten in der Tasche hat. Er habe vergessen, dass er ins Krankenhaus solle. Der Zettel ist zerknittert, als ob er ihn schon oft in der Hand gehabt habe. Die Einweisung: „Verdacht auf Bronchialkarzinom“. Ein Elternpaar, dessen Kind einen Papierschnitt am Finger hat. Ein schwer verletzter Motorradfahrer. Ein Rettungswagen, der einen jungen Mann bringt, mit einer Magen-Darm-Erkrankung. Seine Frau, mit den gleichen Beschwerden, sei zu Hause. Irgendwer müsse ja die ebenfalls kranken Kinder versorgen.
Der Motorradfahrer verstirbt. Seine Schwester, als Sozia, ist noch am Unfallort für tot erklärt worden. Die Eltern treffen zehn Minuten später in unserer Notaufnahme ein und fragen, wie es ihrem Sohn geht. Die junge Patientin mit der Depression versucht, sich an einem Kabel zu erhängen. Ich schneide das Kabel durch, mein Kollege hält sie dabei fest, sie reißt ihm ein Haarbüschel aus. Der junge Mann mit dem Durchfall versteht nicht, warum er nicht stationär aufgenommen wird. Er hat sich von einem Freund eine Pizza in die Notaufnahme bringen lassen. Die isst er, während er mit mir diskutiert. Der Lungenkrebs des Herrn bestätigt sich. Er weint. Die Eltern des Kindes schreiben noch im Wartezimmer eine Rezension: „Wenn wir gewusst hätten, dass wir nur ein Pflaster bekommen, wären wir gleich zu Hause geblieben.“ Ein Stern.
Im Nebenraum erklärt mein Kollege einem älteren Herrn im Beisein seiner Ehefrau, dass er einen aggressiven Bauchspeicheldrüsenkrebs hat. Danach sehen wir, wie sie sich schluchzend in den Armen liegen. Nach 50 Jahren Ehe haben sie nun erfahren, wann ihre gemeinsame Zeit vorbei sein wird. Sie werden keine Muße haben, uns eine Bewertung zu schreiben. Wir sollten vielleicht aufhören, die anderen zu lesen.
