Zivilisten haben an Bord der TCG Anadolu normalerweise nichts zu suchen. Aber heute macht Nadir Kılınç, der Kapitän des größten Schiffs der türkischen Marine, eine Ausnahme. Er führt sogar persönlich durch Hangars und Decks des Flugzeugträgers, der bis zu 29 Hubschrauber, 41 Drohnen und 700 Soldaten an Bord nehmen kann.
Er führt die Besucher vorbei an gepanzerten Mannschaftstransportern, über ein Welldeck, das geflutet werden kann, um die beiden Landungsschiffe mit Sturmtruppen abzusetzen, auf stählernen Treppen bis hoch aufs Flugdeck, wo Hubschrauber vertäut sind. Mit ein paar Modifikationen könnten dort F-35-Jets landen. Vor der Sprungschanze über dem Schiffsbug steht, wie auf das Abflugkommando wartend, eine große TB3-Drohne des Baykar-Konzerns.
Eine Stärkedemonstration: militärisch, technologisch, wirtschaftlich
Kürzlich schwamm der Träger noch für NATO-Übungen in der Ostsee. Dass der 230 Meter lange graue Stahlkoloss nun wie eine Machtdemonstration am Fuße des Topkapi-Palastes in Istanbul schräg gegenüber vom Goldenen Horn und dem Bosporus liegt, ist kein Zufall. Denn wenige Kilometer entfernt findet die größte Rüstungsmesse der Türkei statt. Auch die „SAHA 2026“ ist eine Demonstration türkischer Stärke, militärisch, technologisch, wirtschaftlich.
Die Zahlen sprechen für sich: Vor acht Jahren fand die Schau zum ersten Mal statt. Da kamen 189 Aussteller aus zwölf Ländern und 13.000 Besucher. Zur fünften Ausgabe der Messe besuchten im Mai 100.000 Leute die Stände von 1760 Unternehmen aus 76 Ländern. Darunter waren Zulieferer aus Deutschland, Raketenverkäufer aus Sudan, Chinas führender Waffenproduzent Norinco oder der Drohnenspezialist Grim aus der Ukraine. Dessen Vertreter fragen Besucher aus Sorge vor russischen Spionen nach dem Ausweis, ehe sie Auskunft über ihr schnell wachsendes Geschäft geben.
Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan kommt auch. Er preist die türkische Rüstungsindustrie als Ökosystem, das nicht nur in der Region, sondern weltweit als vertrauenswürdig geschätzt werde. Damit umschreibt er den radikalen Wandel der Türkei von einem Rüstungsimporteur zu einem Exporteur von Hightech-Waffen. Laut amtlichen Daten sind die Rüstungsexporte seit 2002 um das Vierzigfache gestiegen: von 248 Millionen Dollar auf zehn Milliarden Dollar im vergangenen Jahr.
Die Krisen der vergangenen Jahre und regionalpolitische Interessen Ankaras tragen dazu bei, das Land zum elftgrößten Rüstungsexporteur zu machen. Das schlägt sich in Bilanzen und Kursnotierungen nieder. Der Aktienkurs des Elektronikherstellers Aselsan beispielsweise hat sich binnen Jahresfrist in Lira verdreifacht. Mit umgerechnet 30 Milliarden Dollar Börsenkapitalisierung ist er der größte Brocken am Istanbuler Aktienmarkt.
Geholfen hat dabei die Regierung in Ankara, die das Verteidigungsbudget zuletzt laut den Stockholmer Friedensforschern von Sipri um knapp 7,2 Prozent auf 30 Milliarden Dollar aufgestockt hat. Das entsprach 1,9 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP), womit die Türkei das NATO-Kriterium von zwei Prozent knapp verfehlte. Das und die Krisen in der Region dürften dazu führen, dass das Land mehr Geld ausgeben wird. Steigende Exporte kommen hinzu. Für das laufende Jahr wird ein Plus von zehn Prozent angepeilt.
Das gelingt nur, weil türkische Hersteller auf dem Weltmarkt gefragte Technologien im Angebot haben. Die im Ukrainekrieg berühmt gewordenen großen Drohnen aus dem Hause Baykar fliegen heute in 37 Ländern, auch solchen der NATO. Indonesien kauft das noch in der Erprobung steckende Stealth-Kampfflugzeug Kaan von Turkish Aerospace (TAI), in Pakistan werden U-Boote mit türkischer Hilfe modernisiert, Malaysia erwirbt Raketen von Roketsan und Schiffe von STM. Korvetten werden für die Ukraine gebaut und vermutlich bald auch für Kroatien. Als großen Erfolg verbuchte man in Ankara Anfang des Jahres den Verkauf von Hürden-Trainingsjets an Spanien samt Flugsimulatoren von Havelsan.
Jetzt hofft man auf weitere Verkäufe in Europa. Die Zeitung „Die Welt“ will von deutschem Interesse an türkischen Mittel- und Langstreckenraketen erfahren haben, auch wenn die noch in der Testphase sind. Unabhängig davon engagieren sich türkische Unternehmen immer stärker auch in Gemeinschaftsunternehmen und der Produktion vor Ort in Italien, Polen, Ungarn, Rumänien, Estland.
NATO-Chef Rutte staunt und schmeichelt
Als NATO-Generalsekretär Mark Rutte kürzlich in Ankara, wo im Juli der NATO-Gipfel stattfindet, der Türkei beschied, sie habe eine „Revolution der industriellen Verteidigungspolitik“ durchlaufen, streichelte er die türkische Seele. Noch besser kam dieser Satz beim zweitgrößten NATO-Truppensteller an: „Wir können viel von dem lernen, was die Türkei hier macht.“
Skalierung zum Beispiel. Mahmut Akşit, Chef des Triebwerkherstellers TEI, beschreibt die Lage der Verteidigungsindustrie wie einen Graphen, der nach einem lange Zeit flachen Verlauf stark ansteigt: „Wir haben die Fertigkeiten und die Kapazitäten, wir produzieren jetzt.“ Für weitere Erklärungen fehlt die Zeit. Er muss dem Chef der Luftwaffe seine neue Hubschrauberturbine erläutern.

Die aktuelle Weltlage spielt der Türkei in die Hände. Die Vorratslager der Militärs sind leer, die Produktion kommt auch in den USA nicht hinterher. Türkische Medien wissen von Lieferanfragen aus der Golfregion.
„Die türkische Verteidigungsindustrie wächst jeden Tag“, sagt ein Vertreter des Verteidigungsministeriums. Aktuell sind es laut staatlicher Beschaffungsagentur (SSB) 3500 Betriebe mit mehr als 100.000 Beschäftigten. SSB-Vizepräsident Hakan Karataş sagte unlängst, bis 2028 sollten es 150.000 sein. Vier Fünftel der Produktion seien heute lokal. Präsident Erdoğan will die Rate möglichst auf 100 Prozent steigern.
Die Agentur untersteht ihm. Sie gibt der Industrie Entwicklungsaufträge und bestellt Material für die Waffengattungen. Geliefert werde pünktlich innerhalb des Budgets, heißt es. Der Staat ist an großen Herstellern wie Aselsan, Havelsan, Roketsan oder TAI beteiligt. Da, wo der direkte Durchgriff fehlt, etwa beim privaten Drohnenbauer Baykar, kontrolliert SSB über die Beschaffungspolitik die Richtung der Rüstungsproduktion.

Denn diverse Waffenembargos, beginnend mit dem Trauma der Zypernkrise 1974, haben die Türkei nach Worten von SSB-Vize Karataş eines gelehrt: „Eine völlig unabhängige Verteidigungsindustrie ist eine strategische Stärke, die sicherstellt, dass die Türkei am Verhandlungstisch Gehör findet.“ Deshalb baut man die Waffen selbst.
Was dabei herauskommt, zeigt die SAHA 2026: die erste türkische Interkontinentalrakete zum Beispiel, Yildirimhan, mit einer Reichweite von 6000 Kilometern, auf Lkw montierte lasergestützte Drohnenabwehr, Unterwasserdrohnen oder den „Eisernen Dom“. Der soll das Land einmal vor Angriffen aus der Luft schützen und jüngst zur Abwehr iranischer Raketenanflüge benötigte Patriot-Raketen überflüssig machen. Am Ende der Schau stehen Bestellungen von acht Milliarden Dollar in den Büchern.
Mit dem Gewinn aus der Messe wollen die Veranstalter, so sagt ihr Sprecher, Baykar-Chef Haluk Bayraktar, Drohnen- und Bildungszentren in allen 81 türkischen Provinzen aufbauen. Dazu gehört ein öffentlicher Drohnenpark in Istanbul. Dort sollen junge Leute lernen, Drohnen zu bauen, zu testen und zu fliegen. Das gut besuchte, mit Netzen umspannte Drohnentestareal auf der Messe gibt darauf einen Vorgeschmack.
