„Eigentlich riecht man nach einer guten Nacht nie nach sich selbst.“
Der Satz fällt auf der Rückbank eines Autos, irgendwo zwischen Sachsenhausen und meiner Haustür. Es ist kurz nach fünf Uhr am Morgen. Draußen beginnt der Himmel langsam hell zu werden. Das Radio läuft so leise, dass man die Reifen auf dem Asphalt hören kann.
„Wie meinst du das?“, frage ich.
„Du umarmst Menschen. Irgendjemand legt dir den Arm um die Schulter. Du tanzt. Du begrüßt dich, verabschiedest dich. Irgendwann riechst du nicht mehr nach deinem eigenen Parfüm. Du nimmst einfach alle anderen mit nach Hause.“
Wenige Minuten später schließe ich meine Wohnungstür auf. Ich werfe den Schlüssel auf den Tisch, ziehe die Schuhe aus. Bevor ich schlafen gehe, greife ich noch einmal nach meiner Jacke. Sie riecht nicht mehr nach mir. Sie riecht nach fremdem Parfüm. Nach kaltem Rauch.
Und plötzlich bin ich wieder im Pearly Gates. Mittendrin. Unten an der Bar ist es diese Art von voll, bei der man nicht mehr richtig geht, sondern schiebt. Unterarme kleben auf dem Tresen, Gläser werden über Köpfe hinweg weitergereicht, irgendwo lacht jemand zu laut. Es riecht nach Parfüm, Schweiß und diesem süßlichen Hauch von verschüttetem Alkohol, der sich in Bars irgendwann wie ein zweiter Boden über alles legt.

Manche tanzen direkt neben dem DJ, andere lehnen an der Wand und rauchen. Von oben kann ich fast den ganzen Raum überblicken. Gesichter, die ich seit Jahren immer wieder sehe, ohne zu wissen, wie sie heißen.
Eine Frau bleibt neben mir stehen, legt mir die Hand auf die Schulter.
„Du riechst übrigens echt gut.“
Es gibt kaum einen anderen Ort in dieser Stadt, an dem sich Fremde so selbstverständlich berühren. Man spricht Menschen direkt ins Ohr, die man eigentlich nicht kennt. Tagsüber wäre das fast unvorstellbar. Würde mir mittags in der Innenstadt ein Fremder so nah kommen, würde ich automatisch einen Schritt zurückgehen. Hier macht das niemand. Wir haben gelernt, Abstand zu halten. Die Nacht hat uns vieles davon wieder abgewöhnt.
Tagsüber kennen wir den Namen eines Kollegen, aber nicht seinen Geruch. Nachts kennen wir manchmal den Geruch eines Menschen, dessen Namen wir nie erfahren werden.
Die Nase noch immer in der Jacke vergraben, komme ich wieder ins Hier und Jetzt. Ich denke an das Schulterklopfen. An das Kompliment, das nach einer solchen Nacht irgendwie an Wert verliert: „Du riechst übrigens echt gut.“ Je länger ich darüber nachdenke, desto unwahrscheinlicher wird es, dass sie überhaupt noch mein Parfüm gerochen haben kann. Nach ein paar Stunden zwischen Umarmungen, Zigarettenrauch und Schweiß hätte ich selbst nicht mehr sagen können, wonach ich eigentlich rieche.
Man nimmt etwas von anderen Menschen mit nach Hause, ohne es zu merken. Manchmal ein Lächeln. Manchmal den Geruch eines Parfüms, das nie das eigene war. Das Hemd, das die Gerüche der Nacht gesammelt hat, wird morgen gewaschen und gebügelt. Ich werde es wieder zu meinem Hemd machen. Einige Tage später werde ich damit in einem Meeting sitzen. Dort kennt jeder meinen Namen. Niemand wird wissen, welche Gerüche das Hemd wie eine Art stummer Zeuge der Nacht mit nach Hause getragen hat. Und auch die Jacke wird, nachdem ich sie gelüftet habe, wieder mehr zu mir gehören. Aber gerade riecht sie noch nach einem ziemlich gelungenen Abend. Nach Rauch, nach Ausgelassenheit und fremden Parfüms. Nach Menschen, deren Namen ich vielleicht nie erfahren werde.
