
Friedrich Merz grüßt im Bundeswehrparka aus einem Panzer. Die Fotos vom letzten Truppenbesuch des Bundeskanzlers erschienen in vielen spanischen Medien. Das liegt nicht nur daran, dass in Madrid der sozialistische Regierungschef Pedro Sánchez lieber als Pazifist auftritt und auf solche Bilder verzichtet. In Spanien verfolgt man sehr aufmerksam und mit gemischten Gefühlen, dass Deutschland wieder aufrüstet und die stärksten Streitkräfte Europas aufbauen will. Fühle sich denn Deutschland wirklich so sehr von Russland bedroht, dass es sogar die Wehrpflicht reaktivieren wolle, fragten einige fast ungläubig in dem Land im äußersten Südwesten Europas.
„Deutschland rüstet wieder auf, begleitet von Zweifeln angesichts der Geister der Vergangenheit“, lautete eine Überschrift der Zeitung „El País“. Und die Wirtschaftszeitung „Expansion“ rätselte besorgt, was die deutschen Verteidigungsanstrengungen für Europa bedeuten. Denn die Bundesregierung schlägt einen völlig anderen Weg als Spanien ein. Die linke Minderheitsregierung in Madrid lehnt es als einziger NATO-Partner ab, fünf Prozent ihres Haushalts für Verteidigungsausgaben auszugeben, wie es das Bündnis beschlossen hat. Pedro Sánchez ist nur zu 2,1 Prozent bereit – alles andere wäre „Vergeudung“, sagt er. Beim Wohlfahrtsstaat werde seine Regierung „keinen einzigen Cent“ kürzen.
„Spanien hat keine Kriege mit Deutschland geführt, und die beiden Länder sind keine direkten Nachbarn. Daher fürchtet man die deutsche Aufrüstung nicht“, sagt Héctor Sánchez Margalef vom außenpolitischen Thinktank CIDOB in Barcelona. Auch gegen eine entschlossenere deutsche Führungsrolle gebe es keine größeren Einwände: Man fürchte eher deutsche Untätigkeit als deutsches Handeln. „Aber Spanien bedauert, dass die Aufrüstung nicht Teil einer europäisierten Agenda ist, sondern einer nationalen. Die Strategie sollte europäisch sein, mit klaren Zielen und gemeinsamen Finanzierungsinstrumenten“, fordert Sánchez Margalef.
Das Vertrauen in Deutschland ist weiterhin groß
Spanier haben laut Umfragen ein widersprüchliches Verhältnis zu Deutschland: Sie halten Deutsche für streng und egoistisch; politisch und wirtschaftlich ist nach ihrer Ansicht Deutschland ihrem Heimatland jedoch überlegen. Das Vertrauen in die Bundesrepublik und ihre demokratischen Institutionen sei weiterhin groß, beobachtet der CIDOB-Forscher aus Barcelona.
Die Angst davor, dass sich daran etwas ändern könnte, sollte in Berlin die russlandfreundliche AfD an Einfluss gewinnen, halte sich in Grenzen: „Ich bin mir nicht sicher, ob die meisten Spanier die Umfragewerte der AfD überhaupt kennen. Die Sorgen mit Blick auf die französischen Wahlen im kommenden Jahr sind größer“, sagt Sánchez Margalef.
Vor allem wirtschaftlich geht es Spanien besser als Deutschland. Das spanische Wachstum liegt seit Jahren bei mehr als zwei Prozent. Dass das viel reichere Deutschland auf einmal bei den Renten und der Krankenversicherung spart, um die Wirtschaftskrise und die neuen Ausgaben zu bewältigen, wird nicht hämisch, sondern eher mitfühlend registriert.
Seit spanische Gastarbeiter in den Sechzigerjahren in die Bundesrepublik gingen, gebe es weiterhin eine „ausgeprägte Idealisierung Deutschlands, das gelernt hat, friedlich und zugleich stark und effizient zu sein“, sagt Enric Juliana von der Zeitung „La Vanguardia“. „Die Spanier neigen dazu, Deutschland zu bewundern, es in Schwierigkeiten zu sehen, bereitet vielen Unbehagen. Wenn Deutschland kürzt, werden die Spanier unruhig“, sagt der Kommentator.
Linksregierung setzt bei Verteidigung auf Europa
Selbst die harte deutsche Haltung gegenüber Spanien während der Finanzkrise hinterließ keine bleibenden antideutschen Ressentiments. Das Vertrauen ist größer.
Wenn, dann sei auf der spanischen Linken die Sorge vor einer möglichen Wiederkehr des deutschen Militarismus vermutlich stärker ausgeprägt als auf der Rechten, sagt Enric Juliana. Aus spanischem Interesse hofft er darauf, dass die deutsche Aufrüstung zu keiner Abwendung von der EU führen könnte: „Ohne die EU würde Spanien sich sehr orientierungslos fühlen und wäre wieder seinen alten inneren Dämonen ausgeliefert.“
Die spanische Linksregierung setzt bei der Verteidigung auf Europa. Sein Land sei bereit, „morgen“ den Weg zu einer gemeinsamen europäischen Armee zu ebnen, kündigt Pedro Sánchez an – ohne eigene finanzielle Zusagen zu machen. Bei der Bewältigung der Pandemiefolgen hatte sich die EU gegenüber Spanien als großzügig erwiesen.
Aus deutscher Sicht muss Spanien erst einmal seinen Verteidigungsbeitrag erhöhen. „Wir müssen uns alle an diese Zahlen halten“, mahnte Bundeskanzler Merz im Weißen Haus im März bei seinem Treffen mit Donald Trump, ohne Sánchez damals gegen die Attacken des Präsidenten öffentlich zu verteidigen.
Mehr als die Differenzen über die Rüstungsausgaben belastet die Beziehungen jedoch die deutsche Loyalität zu Israel. Mit seiner Fixierung auf die Vergangenheit ist Deutschland nach der Meinung Spaniens der große Bremser in der EU, der eine härtere Linie gegenüber Benjamin Netanjahu verhindert. Der Regierungschef wirft dem Israeli einen „Genozid“ vor – und Ländern wie Deutschland „Komplizenschaft und Gleichgültigkeit“. Für Spanien beansprucht Sánchez indes, auf der „richtigen Seite der Geschichte“ zu stehen.
