
Auch in der Nacht zum Donnerstag attackierte Iran wieder Jordanien. Der Angriff habe einer amerikanischen Armeebasis gegolten, verkündete die Revolutionsgarde und sprach von zerstörter militärischer Infrastruktur dort. Eine Bestätigung gab es vorerst nicht; das jordanische Militär teilte später lediglich mit, es habe vier iranische Raketen und sechs Drohnen abgefangen.
Dass es solche Angriffe seit Tagen gibt, ist unstrittig. Drei amerikanische Soldaten wurden durch den Einschlag einer iranischen Rakete auf der Luftwaffenbasis Muwaffaq Salti am Freitag getötet – sie waren die ersten amerikanischen Opfer eines direkten iranischen Angriffs in dem Krieg. Im Internet zirkulieren Videos, die zeigen sollen, wie dort stationierte Soldaten sich vor Angriffen in Sicherheit bringen.
Jordanien steht meist weniger im Fokus als die arabischen Golfanrainer. Das Land ist von dem Krieg, der seit Tagen wieder eskaliert, aber massiv betroffen – sowohl mit Blick auf seine Sicherheit als auch wirtschaftlich und politisch. In den Wochen nach dem amerikanisch-israelischen Angriff auf Iran Ende Februar war Jordanien vor allem durch Raketen und Drohnen gefährdet, die den Luftraum über dem Land durchquerten und bisweilen dort abgeschossen wurden. Aber schon damals gab es auch iranische Angriffe auf Militäreinrichtungen, die von den USA genutzt werden – sowie in einem Fall von der Bundeswehr.
Freude über Raketenangriffe auf Israel
Seit dem Wiederaufflammen der Angriffe hat das Regime in Teheran diese Attacken verstärkt. Die Iraner griffen derzeit anscheinend bevorzugt „kleinere, schwächere Länder“ in der Region wie Jordanien, Kuwait und Bahrain an, sagt der jordanische Politikanalyst Oraib Al-Rantawi. „Sie glauben, dass es keine ernsthafte Reaktion geben wird.“
Eine weitere Möglichkeit ist, dass Iran innere Spannungen verschärfen will. Viele Jordanier sehen die Politik der USA kritisch, weil sie ihnen – sowie Israel – ankreiden, die Aggressoren in diesem Krieg zu sein. Hinzu kommt anhaltender Unmut über den Gazakrieg – die Mehrheit der Bevölkerung ist palästinensischer Herkunft. Als im Frühjahr iranische Raketen über Jordanien in Richtung Israel flogen, wurde das von vielen sogar begrüßt. Die Führung des Königreichs steht dagegen fest an der Seite der USA, von deren Unterstützung sie abhängig ist; auch mit Israel arbeitet Jordanien zusammen. „Es gab eine Kluft zwischen der offiziellen Haltung und der öffentlichen Meinung“, sagt Rantawi mit Blick auf die erste Phase des Krieges.
Der Direktor des Al-Quds-Zentrums für politische Studien in Amman glaubt, diese Kluft sei jetzt geschrumpft, weil die iranischen Angriffe zurzeit ausschließlich jordanisches Territorium träfen. Andere Beobachter gehen dagegen nicht von einem Wandel der Stimmung in der Bevölkerung aus. Genau lässt diese sich nicht ergründen, weil der Raum für öffentliche Meinungsäußerungen in Jordanien streng limitiert ist. „Der Onlineraum wird viel stärker überwacht als zuvor“, sagt die jordanische Politikanalystin und Publizistin Katrina Soummour. Dabei gebe es „keine klaren Kriterien dafür, was legal ist und was nicht“.
Fliegen die USA von Jordanien Angriffe auf Iran?
Klar ist, dass über manche Themen nur hinter vorgehaltener Hand gesprochen wird. Etwa über Jordaniens militärische Kapazitäten, vor allem mit Blick auf den Irankrieg. Während jordanische Kampfflugzeuge Drohnen abschießen können, verfügt das Militär laut der Einschätzung von Beobachtern über keine Mittel gegen iranische Raketen. Mutmaßlich übernehmen amerikanische Truppen dies. Spekuliert wird auch, ob die USA von Jordanien Angriffe auf Iran fliegen.
Jordaniens Regierung gibt nicht einmal zu, dass es amerikanische Militärbasen im Land gibt. Diese Behauptung Irans sei „komplett falsch“, sagte Außenminister Ayman al-Safadi erst vor einer Woche wieder. Die staatliche Nachrichtenagentur Petra meldet dementsprechend keine Angriffe auf solche Einrichtungen, sondern berichtet fast nur über erfolgreiche Abschüsse iranischer Raketen. Kritik an Iran wird zumeist nur im Zusammenhang mit Angriffen auf Golfstaaten geäußert.
Der restriktiven Informationspolitik liegt die Angst vor eskalierendem Unmut zugrunde. Die Bevölkerung leidet ohnehin massiv unter den wirtschaftlichen Folgen des Krieges – gestiegenen Preisen und dem Einbruch des Tourismus. Die Regierung scheint angesichts dessen entschlossen, heikle Themen wie die amerikanische Präsenz oder die genaue Haltung gegenüber Iran totzuschweigen.
Iranische Propagandakampagnen im Nahen und Mittleren Osten
Solch ein Vorgehen kann auch kontraproduktiv sein. Am Montag behauptete Iran, bei Angriffen auf das amerikanische Militär hätten „präzise Informationen“ geholfen, die Jordanier zur Verfügung gestellt hätten. Zuvor hatte die Revolutionsgarde an die Bevölkerungen Jordaniens und Kuwaits appelliert, bei der „Befreiung islamischer Länder“ von den „amerikanischen Besatzern“ zu helfen. Das könnte indessen auch Desinformation sein. Katrina Soummour weist darauf hin, dass Iran in der Region seit Jahren „äußerst erfolgreiche und weitreichende Propagandakampagnen“ betreibe.
Nur selten äußert sich Kritik an der amerikanischen Präsenz so direkt und öffentlich wie vor wenigen Tagen. Rund 130 jordanische Politiker, Intellektuelle, Aktivisten und Stammesvertreter veröffentlichten einen Aufruf an die Regierung, das Sicherheits- und Militärabkommen mit den USA aufzukündigen. Jordanien solle stattdessen eine Politik der „echten Neutralität“ verfolgen, forderten sie.
