In einem Grandhotel waren wohl die wenigsten in ihrem Leben, geschweige denn einen Monat lang. Das ist ein Luxus, den man sich leisten können muss. In Deutschland gibt es immer noch legendäre Häuser: das Vier Jahreszeiten zum Beispiel in Hamburg oder das Adlon in Berlin. Wer dort den ganzen Oktober verbringen will, muss für ein Zimmer – nach Angebot der Plattform Booking.com – insgesamt 10.222 Euro bezahlen. Nach Angaben des Hotels lässt sich ein Aufenthalt von 30 Tagen unter Umständen auch schon ab 5400 Euro realisieren. Dafür gibt es die beste Lage der Hauptstadt, ein exquisites Interieur und viele Bedienstete, die nur dafür da sind, dem Gast die Wünsche von den Lippen abzulesen.
Mit alldem kann die Diakonie in Michaelshoven nicht dienen. Dafür ist sie auch nicht gedacht. In einem Rohbau auf dem Campus der Diakonie verlegen Bauarbeiter gerade Kabel. Gebaut wird hier nach allen Regeln der Kunst, wobei der kaufmännische Vorstand der Diakonie, Uwe Ufer, präzisieren würde: Gebaut wird nach allen geltenden Regeln. Ein paar Kilometer von Köln entsteht auf dem Gelände das Haus Sechs, ein Pflegeheim für 120 Senioren. Trotz Leitungen, nackten Betons und Gerüsten im Rohbau ist es kein hässlicher Ort. Mit dem Prunk und Pomp des Hotels Adlon ist das Heim jedoch nicht zu vergleichen. Allenfalls in einer Hinsicht: bei der Rechnung.
Altwerden ist eine teure Angelegenheit, besonders in Deutschland. Ufer weiß, wovon er spricht. Er ist im Vorstand der Diakonie für die Finanzen verantwortlich und damit auch für den neuen Bau in Michaelshoven. Arm und Reich sollen hier in Würde altern, unabhängig davon, wie viel Geld sie im Leben angehäuft haben. Die Diakonie ist gemeinnützig, das heißt, ihre mehr als 200 Einrichtungen stehen im Prinzip allen offen. Das gilt auch für die Pflegeheime. Reicht das Ersparte am Ende des Lebens nicht aus, springt der Staat ein und zahlt, was fehlt.
„Mehr, als Sie auf einem Kreuzfahrtschiff zahlen würden“
Das wird auch im Haus Sechs in Michaelshoven so sein. Im Herbst sollen die ersten Menschen einziehen. So manches Zimmer wird hier einmal 9000 Euro im Monat kosten, erzählt der Diakoniechef. Das ist je nach Angebot beinahe so teuer wie die Miete im Hotel Adlon oder noch teurer. Ufer fügt hinzu: „Und mehr, als Sie auf einem Kreuzfahrtschiff in der gleichen Zeit bei einer Vollpension zahlen würden.“ Er schätzt, dass der Eigenanteil dann bei etwa 4000 Euro läge. Das ist das Geld, das ein Bewohner aus eigener Tasche beisteuern muss. Den Rest übernimmt die Pflegekasse. Natürlich ist ein Bewohner im 9000 Euro teuren Zimmer ein Extrem. Was in Sachen Pflege möglich ist, wäre dann ausgereizt. Auch, sagt Ufer, seien steigende Kosten mitunter schon eingepreist.
Repräsentativer ist „Willi Küppers“, ein Modellfall, den die Diakonie errechnet hat, um die Gesamtkosten für ein Zimmer in ihren Heimen aufzuzeigen. Herr Küppers hat Pflegegrad drei von fünf. Zieht er im Haus Sechs ein, würde sein Platz jeden Monat 6770 Euro kosten. Das ist deutlich teurer als ein durchschnittlicher Pflegeplatz in Deutschland. Aber den kann man für neue Heime kaum heranziehen, die Investitionskosten sind durch den Neubau nicht vergleichbar. Genau die machen aber in den monatlichen Kosten einen Unterschied und auch im Eigenanteil. Die Preise unterscheiden sich auch regional und zwischen den Bundesländern. Rund 6800 Euro sind trotzdem eine stattliche Summe – selbst für ein neues Heim. Das bestätigten Branchenkenner der F.A.Z.

Dabei ist Haus Sechs in Michaelshoven keineswegs für vermögende Menschen angelegt, ganz im Gegenteil. Kommt eine Frau am Ende ihres Lebens lediglich auf eine Rente von 600 Euro, wird man ihr den Platz deshalb nicht verwehren. Dann übernimmt die Sozialhilfe. Exzessiven Luxus wird man in dem Heim nicht finden. Den Chef der Diakonie hat das zu einer naheliegenden Frage bewogen: „Warum in Gottes Namen ist das also so teuer?“ Wenn man das einmal analysiere, komme man zu „gewaltigen Erkenntnissen“. Für Ufer zeigt sich die Antwort in jedem Winkel des Gebäudes: ein undurchsichtiger Nebel an Vorschriften.
Der Lichtfall unterlag der staatlichen Regulierung
Es ist etwa 15.50 Uhr. In einem Zimmer, oder dem, was davon schon zu besichtigen ist, scheint die Nachmittagssonne vom Westen in den Raum. Durch ein großes Fenster in der Mitte fällt ein sattes Licht und leuchtet den kahlen Beton aus. Wenn es nach der Diakonie gegangen wäre, hätte dieses Zimmer wohl ein paar Minuten weniger Licht abbekommen. Die Pläne sahen vor, das Gebäude etwas mehr zur Waldgrenze hin auszurichten. Doch der Landschaftsverband Rheinland insistierte, war der Lichtfall doch 2023 streng reguliert. Wie die Zimmer zu den Himmelsrichtungen stehen müssen, war genau vorgegeben.

Die Diakonie musste das Gebäude deshalb um rund sieben Grad drehen. Was diese Anpassung gekostet hat, könne man nicht genau beziffern, sagt Ufer, vermutlich drei Monate Zeit und zwischen 50.000 und 100.000 Euro. Inzwischen gibt es diese Regel nicht mehr.
„Mindestens 48 Quadratmeter muss ein Zimmer in einem Pflegeheim haben“, erklärt Ufer. Da sind Flure und Gemeinschaftsflächen inbegriffen. Wie man genau auf diese Zahl kommt, sei ihm schleierhaft. Für ein „absolutes Tophaus“ reichten 40 oder 42 Quadratmeter durchaus. Jedes Zimmer hat sein eigenes Bad, auch das ist Vorschrift, und es darf von nur einem Menschen bewohnt werden, zumindest in 80 Prozent der Fälle. Das verlange die Einzelzimmerquote, sagt Ufer. Im Haus Sechs hat man deshalb vollkommen auf Doppelzimmer verzichtet. Früher habe die Diakonie ein Pflegeheim mit 300 Bewohnern betrieben, sagt Ufer, ausschließlich in Zweibettzimmern.
Unnützes Dämmmaterial verbaut, um KfW-Förderung zu behalten
Damit in dem Haus einmal niemand erstickt, wurde in die Mauerwerke eine „Zwangsbelüftung“ eingebaut. So nennt es Ufer. Das wäre eigentlich nicht notwendig gewesen, sagt er. Schließlich gebe es auch Bürogebäude ohne Luftzufuhr, in denen bislang niemand gestorben ist. Aber das Gebäude musste in einer Weise gedämmt werden, die über das normale Maß hinausgeht: dreifach verglaste Fenster und 280 Millimeter dickes mineralisches Dämmmaterial auf den Fassaden.
Die Diakonie hat das von Sachverständigen prüfen lassen. Deren Fazit sei eindeutig gewesen. Einen wirklichen Effekt habe das Material nur bis zu einer Dicke von 160 Millimetern. Ufer beschreibt mit der Hand jene Kurve, die man ihm gezeigt hat. Sie steigt stetig, bis sie auf einem Plateau stagniert. Alles darüber hinaus sei an Dämmmaterial unnütz. Hätte die Diakonie anders gebaut, hätte sie die Förderung der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) verloren. Will man für so ein Projekt einen guten Zins für den Baukredit, müsse man auch deren Auflagen erfüllen, sagt Ufer.
Erdbebensicher muss es sein
„In Köln dauert eine Baugenehmigung zwei bis drei Jahre – nicht für den Bau eines Atomkraftwerks, sondern für den Bau einer Pflegeeinrichtung“, erklärt der Diakoniechef. „Zum Beispiel wurde uns jetzt in die Baugenehmigung geschrieben, dass wir erdbebensicher bauen müssen.“ Die Diakonie habe deshalb den Bewehrungsstahl in der Bodenplatte um mehrere 100 Prozent aufgestockt. Eine teure Angelegenheit, deren Nutzen Ufer bezweifelt. Für ihn sind all das nur Beispiele. Aber sie addieren sich zu einem dichten Geflecht aus Regularien, Behörden und Institutionen, dem kaum beizukommen ist.

Ufer hat den Bau des Hauses Sechs zum Anlass genommen und diese „Planungsvorgaben“ gesammelt, strukturiert und kategorisiert. Das Dokument hat 21 Seiten. Die Liste umfasst 616 Regularien und Vorschriften. Einen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt der Diakoniechef nicht. Die meisten der Regeln sind im Plural formuliert, dahinter verbergen sich wohl mehrere Einzelvorgaben. Verkompliziert werde das Ganze zusätzlich dadurch, dass eine Reihe unterschiedlicher Behörden jeweils eigene Regeln an den gleichen Sachverhalt stellten, erklärt Ufer. Die seien aber oft nicht aufeinander abgestimmt. Teilweise legten Behörden Vorgaben auch verschieden aus. In vielen Fällen führe das alles zu Widersprüchen und Zielkonflikten. In Michaelshoven musste mehrfach umgeplant werden.
Ein Beispiel: Barrierefreiheit. Für eine Pflegeeinrichtung ist das ein denkbar essenzielles Thema und eines, für das Regularien unverzichtbar sind. Das sieht auch Ufer so. In seiner Zusammenstellung findet sich der Punkt in ganz unterschiedlichen Regelwerken. Erfüllt werden müssen DIN-Normen zur Barrierefreiheit, Vorgaben der Bauordnung Nordrhein-Westfalen, Anforderungen der Pflegerichtlinie NRW, es gibt Förderstandards zum Thema, Regeln der WTG-Behörde – das ist die ehemalige Heimaufsicht – und des Denkmalschutzes. Dem Betrieb eines Pflegeheimes würden viele der Regeln aber überhaupt nicht dienen, sagt Ufer.
Nun ist es mit dem Bau nicht getan, für den Betrieb gibt es eigene Regelwerke. „Wir kriegen alles vorgegeben“, sagt der Chef der Diakonie: die Anzahl der Mitarbeiter, die Qualifikationen, die diese Mitarbeiter nachweisen müssen. Die Diakonie bekomme vorgeschrieben, wie gegessen, getrunken, gemessen wird, und zur Belohnung müsse sie jeden Handgriff dokumentieren. „Wir müssen ausschließlich in behördlichen Säulen denken, aber ob den Menschen damit geholfen ist, ist eine Frage, die sekundär interessiert“, sagt Ufer, überlegt und fügt hinzu: „Wenn überhaupt.“
„Wenn Sie das im Ausland erzählen, die lachen sich schlapp“
Die Diakonie hat sich auch in anderen Ländern umgeschaut, in Spanien und in den Niederlanden hat sie Pflegeheime besucht. „Wenn sie das im Ausland erzählen, die lachen sich schlapp“, wettert Ufer. Ein Platz im Pflegeheim sei dort nicht nur weitaus günstiger. Schaue man sich Befragungen an, seien die Bewohner auch zufriedener. Das müsse einen halbwegs logisch denkenden Menschen ins Grübeln bringen. Pflege man seine Eltern zu Hause, würden all jene Regeln ohnehin nicht gelten. Für Ufer ist die Lage eindeutig: „Ich habe für mich entschieden: Wir irren! Unser System ist krank, und es ist vor allen Dingen auf Dauer nicht mehr refinanzierbar.“
Dass ein Heimplatz in einem neuen staatlich reglementierten Haus bis zu 9000 Euro an Kosten verursachen könne, sei alarmierend. „Die Systeme kollabieren“, sagt Ufer. „Wenn die geburtenstarken Jahrgänge pflegebedürftig werden, dann knallt es. Das ist Mathematik.“ Es sei nun ein Punkt gekommen, da müsse man sich fragen: „Die Normen, die wir hier haben, wem dienen die eigentlich?“ Durch die Verringerung der Bürokratie könne man die Kosten für einen Pflegeheimplatz um 40 bis 50 Prozent verringern, schätzt Ufer. Allein im Bau verursache das jetzige Regelwerk 30 Prozent Mehrkosten, ohne dass das der Umwelt, den Bewohnern oder dem Heim nutze.

19,5 Millionen Euro hat die Diakonie in das Haus Sechs investiert. 30 Prozent weniger Kosten hätten einen gewaltigen Unterschied gemacht. „Ich bin kein Fan davon, zu sagen, wir brauchen das alles nicht, aber wir haben jegliches Maß verloren“, sagt Ufer.
Die hohen Kosten sind nicht nur für das System schwierig. Für viele Pflegebedürftige sind sie eine persönliche Tragödie. Fast 38 Prozent der Bewohner in deutschen Pflegeheimen können sich ihren Platz ohne Sozialhilfe nicht leisten. Zu dem Ergebnis kommt der Gesundheitsökonom Heinz Rothgang in einem Gutachten für den Krankenversicherer DAK. Bis 2035 könnten es schon 43 Prozent sein, sollte sich an den Bedingungen nichts ändern. Das zu sehen, schmerzt Ufer. „Es darf nicht sein, dass ein Mensch ein Leben lang gearbeitet und für sich selbst gesorgt hat, und dann muss er sein ganzes Vermögen auflösen und von Sozialhilfe leben, weil das Alter so teuer ist“, sagt der kaufmännische Vorstand der Diakonie.
Beim Verlassen des Rohbaus deutet Ufer mit dem Arm in Richtung einer anderen Baustelle. Haus Sechs ist nicht das einzige Projekt, an dem gerade auf dem Campus gearbeitet wird. Einige Meter weiter entsteht eine Einrichtung für Menschen mit schweren Behinderungen. 24 Bewohner sollen dort einmal leben. Die Diakonie hat für sie Autostellplätze angelegt. Doch die Bewohner werden nie ein Auto fahren. Ihre Einschränkungen lassen das gar nicht zu. Eine Rolle gespielt hat das am Ende nicht. Die Vorschriften ließen den Verzicht auf die Stellplätze nicht zu.
