
Am Tag der unerwarteten Wende liegen schon viele Jahre kirchlicher Arbeit hinter Benjamin Schneider. Der junge Familienvater hatte sich zunächst in der Lutherischen Pfarrkirche in der Oberstadt von Marburg ehrenamtlich eingesetzt, dann an einer Theologischen Hochschule studiert und schließlich beim Christustreff in der Unistadt an der Lahn angefangen. Dort kümmerte er sich als Pastor vorwiegend um die Nachwuchsarbeit. Schneider gestaltete aber auch Gottesdienste und traute Paare. An einem Tag fiel jedoch sein Blick auf eine Plakatwand vor dem Gemeindehaus – was sein Leben veränderte.
Auf dem großformatigen Plakat warb die hessische Polizei für sich. Auch sie brauchte fortlaufend frische Kräfte. „Die Werbung sprach mich an“, erinnert sich Schneider. Sie war schon der zweite Impuls innerhalb kurzer Zeit für ihn, sich mit dem Polizeidienst zu beschäftigen. Der erste folgte aus einem Treffen mit einer früheren Konfirmandin, die sich ein paar Jahre nach der Konfirmation bei ihm gemeldet habe. „Wir haben uns verabredet und in einem Café in Marburg getroffen“, sagt Schneider.
Sie hätten über dies und das gesprochen, wie das nach einigen Jahren ohne Kontakt eben so sei. Im Verlauf habe er sie gefragt, was sie denn beruflich mache. Die junge Frau habe geantwortet, sie sei bei der Polizei. „In der nächsten halben Stunde hatte ich dann dazu viele Fragen“, berichtet er. „Das ließ mich nicht mehr los.“
400 verschiedene Tätigkeiten bei der Polizei
Der Geistliche informierte sich in der Folge im Internet über berufliche Möglichkeiten bei der hessischen Polizei. Dort fand er nicht nur Angaben zu dem vielfältigen Berufsbild mit 400 verschiedenen Tätigkeiten, den Chancen für Quereinsteiger und der Ausbildung einschließlich Studium. Er las auch: Die Polizei hatte das Einstiegsalter kurz zuvor von 32 auf 36 Jahre heraufgesetzt. Schneider konnte sich zur Zielgruppe zählen, denn seinerzeit war er 35. Das ist fünf Jahre her.
In diesem Alter mit einem beruflichen Wechsel zu liebäugeln, ist das eine. Die Familie davon zu überzeugen, etwas anderes. Seine Frau war anfangs „nicht begeistert“, wie Schneider freimütig zugibt. Ein Grund: „Wir hatten schon drei kleine Kinder.“ Gleichwohl folgte er den Impulsen. Zumal er sich schon drei Jahre zuvor mit einem Wechsel beschäftigt hatte. „Dies wäre aber eine Art Flucht gewesen – ein ,weg von‘ statt ein ,hin zu‘“, sagt er rückblickend.
Der Polizei wandte er sich bewusst zu, nicht zuletzt nach einem Gespräch mit der Karriereberatung des Präsidiums. Schneider konnte seine Frau schließlich von seiner Idee überzeugen. „Sie hat mich dann sehr unterstützt.“ Um der Prüfung körperlich gewachsen zu sein, übte er in seiner Freizeit Bankdrücken und Hindernisläufe, Sprints und Sprünge aus dem Stand. Zehn Wochen lang trainierte er – mit Erfolg.
Kirchengemeinde sollte nichts vom Wechselwunsch wissen
Schneider bereitete sich auch sehr diskret auf den Einstellungstest vor. Seine Kirchengemeinde habe nichts davon wissen sollen. Denn dort sei er schon für einen Aufstieg auf der Karriereleiter vorgesehen gewesen. Zusammen mit einem anderen Pastor sollte er demnach ein Tandem bilden. Um seinen Sinneswandel der Gemeinde zu erklären, habe er ein Interview auf die Internetseite gestellt mit Antworten zur alles überwölbenden Frage: „Wie kam es zur Wende?“
Mitten in der Corona-Pandemie trat Benjamin Schneider sein zweites Studium an. Von 2006 bis 2011 hatte er an der zum Bund Freier evangelischer Gemeinden in Deutschland zählenden Theologischen Hochschule Ewersbach in Dietzhölztal studiert. Nun fing er an der Hochschule für öffentliche Verwaltung in Gießen an. Nach drei Jahren machte er seinen Bachelor zum Polizeikommissar und konnte in Gießen in den Blaulicht-Dienst einsteigen. „Das war schön und auch der Wunsch meiner Familie“, sagt er. Wohnen sie doch in Lahntal nahe Marburg.
Das erklärte Ziel des Mannes mit Vollbart, einem festen Händedruck und freundlich dreinblickenden Augen war der Streifendienst. „Bei den Menschen sein, morgens nicht wissen, was abends gewesen sein wird“, Freund und Helfer sein, so lautete die mit seinem früheren Berufsalltag durchaus verwandte Idee dahinter. „Probleme lösen liegt mir“, sagt Schneider. Tatsächlich fuhr er auch Streife, allerdings nur vier Monate lang. Dann aber bekam er ein Angebot, das er nach eigenem Bekunden nicht ablehnen konnte.
Polizeipräsident Torsten Krückemeier bot ihm einen Wechsel in seinen Stab an. Seitdem arbeitet er als „Sachbearbeiter im Leitungsstab“. Im Kern sitze er an der Schnittstelle zwischen der Behördenleitung und der Belegschaft. Dabei gehe es viel um Kommunikation, auch strategischer Art. Schneider hat ein Treffen von Führungskräften der Polizei aus ganz Deutschland in Gießen federführend organisiert und moderiert. Zu seiner Arbeit zählen auch enge Kontakte zur Allianz für Demokratie, hinter der Vertreter aus Verwaltung, Wissenschaft, Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft stehen, darunter Krückemeier, die Gießener Unipräsidentin Katharina Lorenz und der Leiter der Arbeitsstelle Holocaustliteratur, Sascha Feuchert. Der Polizeipräsident hat im vergangenen Herbst einen Kooperationsvertrag mit beiden Professoren unterzeichnet.
„Geschultes Gespür für ethische und moralische Fragen”
„Als ehemaliger Jugendpfarrer bringt er nicht nur ausgeprägte rhetorische Fähigkeiten mit, sondern auch einen reichen Erfahrungsschatz im Umgang mit Menschen“, sagt Krückemeier über Schneider. Hinzu komme ein geschultes Gespür für ethische und moralische Fragen. Keine vergleichsweise kurze Zugehörigkeit zur Polizei sei kein Nachteil für die Mitarbeit im Stab. „Im Gegenteil: Sein unverstellter Blick auf die Organisation ergänzt die langjährige Expertise des Teams auf wertvolle Weise.“
Zwischen seiner früheren Arbeit im Christustreff und den Aufgaben bei der Polizei sieht Schneider große Schnittmengen. „Was gibt Hoffnung?“, laute eine zentrale Frage für einen Theologen. „Was gibt Sicherheit?“, sei eine wesentliche Frage bei der Polizei. Im Mittelpunkt stehe jeweils der Mensch. Beide Seiten kümmerten sich um Menschen in Not.
Ein Polizist sei im Zweifel viel mehr Sozialarbeiter, als es von außen erscheine. Das komme auch und gerade bei jenen an, die von Polizisten bei und nach Missetaten erwischt würden. „90 Prozent der Leute haben sich bei mir bedankt“, sagt Schneider im Rückblick auf seinen Streifendienst. Eine Aussage, die Kollegen von ihm aus dem jeweils eigenen Arbeitsalltag bestätigen.
