Auch dieses Mal waren wieder schnell Tennisexperten zu hören, die behaupten, dass Novak Djokovic den Zeitpunkt verpasst hat. Den Zeitpunkt, eine glorreiche Tenniskarriere genauso glorreich und souverän zu beenden. Viele Fans von Sportlerinnen und Sportlern erwarten, dass ihre Lieblinge „auf dem Höhepunkt“ aufhören.
Vielleicht tun sie das, weil sie nach der Identifikation mit diesen Stars den vermeintlichen Abstieg, in gewissem Sinne auch ihren, nicht ertragen wollen. Wenn diese zu „Helden“ erkorenen nicht Folge leisten, wenn man dabei zusehen kann, wie sie erst ein bisschen und dann immer deutlicher ihre Leistungsfähigkeit einbüßen, gilt das manchem als schmerzhafter Makel. Mitunter verwandelt sich Sympathie in beißende Kritik: Der konnte den Hals nicht vollkriegen!
Wer sich mit der Frage beschäftigt, wann der richtige Zeitpunkt gekommen ist aufzuhören, sollte nicht auf Djokovic schauen, sondern auf Venus Williams. Die spielte, während Djokovic ausschied, ebenfalls ihre Erstrundenpartie bei den US Open. Sie verlor. Wie immer, wenn sie in den vergangenen drei Jahren zu einem ihrer 15 Profimatches angetreten ist. Wie fast immer, wenn sie in den vergangenen acht Jahren bei einem Grand-Slam-Turnier am Start war.
Was Williams im Alter von 46 Jahre leistet, ist beeindruckend. Doch anders als Djokovic darf sie auf der Profitour nur weiterhin spielen, weil ihr Turnierveranstalter rund um den Globus bereitwillig Wildcards geben. Die würden andernfalls meist an Talente gehen, die sehnsüchtig auf ihre große Chance im Tennis-Business warten. Wann Venus Williams ihre Karriere beendet, ist – genau wie bei Djokovic – allein ihre Entscheidung; wann sie keine Freifahrtscheine mehr erhält, nicht. Es wird Zeit.
