
Auf den ersten Blick unterscheidet sich der Hessentag in Fulda kaum von anderen Landesfesten. Es gibt Bratwurststände, eine Blaulichtmeile und Musikbühnen, volle Shuttlebusse und Selfies vor dem Riesenrad. Wer vom Domplatz zur Stadtpfarrkirche, zur Severikirche oder in die Fuldaauen hinübergeht, merkt aber schnell, wie stark hier auch das Christliche präsent ist. Das ist in einer Stadt, in der Bonifatius begraben liegt und die man als Bischofssitz kennt, wenig verwunderlich.
Der Landkreis Fulda, im Osten Hessens gelegen, ist traditionell katholisches Kernland. Rund 220.000 Menschen leben hier, etwa zwei Drittel gehören der katholischen Kirche an, rund ein Fünftel sind evangelisch. Der Dom mit dem Grab des „Apostels der Deutschen“, die Michaelskirche aus karolingischer Zeit und die vielen Gemeindekirchen sind die sichtbaren Zeichen für die historische Bedeutung der Religion.
Diese Topographie greift der Hessentag auf. Die Stadtpfarrkirche ist zur Hessentagskirche geworden. Das Motto „Im Herzen eins“ beschreibt dabei nicht nur ein Gefühl, sondern die Arbeitsweise. Das Bistum Fulda, die Evangelische Kirche von Kurhessen‑Waldeck und die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau organisieren das Programm zum ersten Mal bei einem Hessentag gemeinsam. In der traditionell katholischen Stadt zeigen sie ökumenische Gemeinsamkeit.
Gottesdienst unter freiem Himmel
Besonders sichtbar wird das im Gottesdienst auf dem Domplatz. Dort feiern am Sonntag Tausende unter freiem Himmel, hören eine dialogische Predigt von Bischöfin Beate Hofmann und Bischof Michael Gerber und erleben, wie Band, Projektchor, Posaunenchor und Kinderchöre das Motto musikalisch aufnehmen. Was dort begonnen hat, setzt sich anschließend in der Stadt fort. Bischöfin und Bischof besuchen zusammen das Caritas‑Projekt „Brot und Wein“, eine stille Station in der Severikirche, Aktionen sozialer Träger und die Himmelsbühne in den Fuldaauen. Viele Passanten sprechen sie dabei auf den Gottesdienst an. Christlich ist der Hessentag hier nicht im Sinn eines frommen Sonderprogramms, sondern als öffentliche Form von Begegnung und Gespräch.
Polizeiseelsorge im Polizeibistro
Wie konkret und alltagsnah christliche Angebote auf dem Hessentag sind, zeigt das Polizeibistro. Zwischen Infoständen und Einsatzfahrzeugen gibt es dort ein niedrigschwelliges Seelsorge-Angebot, das während des gesamten Festzeitraums geöffnet ist. Die Standgestaltung macht mit fünf Themenfeldern sichtbar, worum es in der Polizeiseelsorge geht: Einsatzbegleitung, Berufsethik, Gottesdienst, Grenzerfahrungen und Gespräche. Fotos aus dem Polizeialltag zeigen, wo Seelsorgerinnen und Seelsorger ansprechbar sind – bei Nachtdiensten, nach schweren Unfällen, in Krisensituationen, aber auch in ruhigen Momenten zwischendurch.
Vier Orte strukturieren das kirchliche Angebot. Die Stadtpfarrkirche wird unter dem Namen „Herzmitte“ zur Hessentagskirche mit Licht‑, Klang‑ und Videoinszenierungen, Orgelmusik zur Mittagszeit, Posaunen-Serenaden am frühen Abend und einem Impuls zur Nacht. Die Severikirche nimmt als „Herzzeit“ Besucherinnen und Besucher aus dem Trubel heraus und bietet Raum für Stille, Gebet und kurze meditative Formate. In den Fuldaauen steht die Himmelsbühne. Unter dem Stichwort „Herzklang“ gibt es dort Konzerte, ein Familienprogramm, einen ökumenischen Posaunentag und einen Abschlussgottesdienst. Und am Riesenrad lädt die Segensgondel unter dem Namen „Herzblick“ dazu ein, hoch über den Dächern der Stadt zur Ruhe zu kommen und sich segnen zu lassen.
Dass all das ausgerechnet in Fulda passiert, ist kein Zufall. Die Stadt gilt vielen bis heute als katholisch geprägtes Pflaster, das durch die Geschichte des Bistums und frühere Bischöfe ein klares Profil hat. In einer Bistumsstadt wie Fulda, in der Bonifatius als Stadtpatron auf Ampeln und in Straßennamen präsent ist, wäre ein Hessentag ohne kirchliche Akzente kaum vorstellbar.
Der gemeinsame Auftritt der Kirchen beim Hessentag knüpft daran an, wirkt zugleich aber offener und breiter. Christliche Angebote sind hier nicht nur für Stammkirchgänger gedacht, sondern für die vielen, die wegen Musik, Neugier oder Zufall in die Kirche hineinschauen oder in die Segensgondel steigen. Die Mischung aus Tradition, ökumenischer Zusammenarbeit und niederschwelligen Formaten gibt dem Hessentag im Bistum Fulda christliche Momente, ohne dass das Fest seinen Charakter als Landesfest verliert.
