Als Ursula von der Leyen die kleine Insel im Nuuk-Fjord betritt, wird sie schon von Einheimischen erwartet. Zwei Frauen halten eine große Grönland-Flagge hoch. Neben ihnen stehen rund zwanzig weitere Bewohner, ältere und jüngere. Sie singen zur Begrüßung ein Lied, das von ihrem Ort handelt, von Qoornoq, einem Fischerdorf, in dem jahrtausendealte Spuren der ersten Bewohner Grönlands gefunden wurden. In dem Lied geht es darum, wie schön der Ort ist und dass die Bewohner ihn nie verlassen wollen.
Es ist ein wehmütiger Text. Als er gedichtet wurde, war das Schicksal der Einwohner von Qoornoq schon besiedelt. Anfang der 1970er-Jahre wurden sie in die Hauptstadt Nuuk umgesiedelt. Das war Teil eines Modernisierungsplans, mit dem die Fischerei industrialisiert und konzentriert wurde. Die alten Holzhäuser in bunten Farben werden heute nur noch als Sommerresidenzen genutzt.
Für die Präsidentin der Europäischen Kommission ist das Lied an diesem Sonntag eine freundliche Begrüßung. Sie wird von Mette Frederiksen begleitet, der dänischen Regierungschefin, zu deren Land das autonome Grönland gehört. Und von Jens-Frederik Nielsen, dem jungen Ministerpräsidenten, 35 Jahre alt, ein sozialliberaler Politiker. Anderthalb Stunden sind sie mit Motorbooten durch den Nuuk-Fjord gefahren, um Qoornoq anzusteuern, wo man einiges von Grönland versteht: von der Schönheit dieses Landes in der Arktis, aber auch von seiner Zerbrechlichkeit.
Im Schatten der Eisberge
Die Fahrt dorthin geht vorbei am 1200 Meter hohen Sermitsiaq-Berg, auf dem in dieser Jahreszeit kein Schnee liegt. Zwölf Grad ist es warm, die Sonne strahlt vom Himmel, und die Eisberge schimmern in weißen und türkis-blauen Farbtönen. Nach Norden hin werden die bizarren Eisformationen immer größer und dichter. Vom höchsten Punkt in Qoornoq aus bietet sich ein fabelhafter Blick über den Fjord, im glatten Wasser spiegeln sich die Eisberge.
„Grönlands atemberaubende Landschaften und natürliche Schönheit werden mich noch lange begleiten“, schreibt von der Leyen anschließend auf der Plattform X. „Doch ebenso die sichtbaren Narben des Klimawandels auf dem Eisschild.“ Während das Eis schmelze, nehme eine neue Realität Gestalt an: neue Handelsrouten, neue Sicherheitsrisiken, neue Umweltbedenken. „Europa steht an der Seite Grönlands“, schreibt die Kommissionspräsidentin weiter. „Wir werden diese Veränderungen gemeinsam meistern.“ Das ist das Thema ihrer Reise in die Arktis, fünf Flugstunden von Brüssel entfernt: Die EU und Grönland bauen ihre Partnerschaft aus.
Es ist eine komplizierte Beziehung. Nachdem Dänemark 1975 der damaligen Europäischen Gemeinschaft (EG) beigetreten war, errangen die Grönländer 1979 einen Autonomiestatus, der sie von einer Kolonie zum gleichberechtigten Teil des Königreichs machte. Zur neuen Selbständigkeit gehörte dann 1982 ein konsultatives Referendum, bei dem die knappe Mehrheit der Bewohner für den Austritt aus der EG votierte, um sich die Hoheit über die Fischerei zu sichern. Der wurde drei Jahre später vollzogen. Seitdem gehört die Insel zwar nicht mehr zum Binnenmarkt, doch wurde sie als überseeisches Land und Gebiet der EU assoziiert. Die Grönländer selbst sind deshalb heute Unionsbürger. Die Partnerschaft beruht auf wechselseitigen Erklärungen, die etwa alle zehn Jahre erneuert werden.
Brüssel investiert vor allem in Bildung
Das ist der formale Anlass für von der Leyens Besuch. Am Montag unterzeichnet sie in der Hauptstadt Nuuk mit Frederiksen und Nielsen eine neue Partnerschaftserklärung. Damit stecken die drei Seiten die Beziehungen weiter ab. Die EU will in die allgemeine und berufliche Bildung auf der Insel investieren, um Arbeitskräfte zu qualifizieren. Bei nur 57.000 Bewohnern ist das besonders wichtig. Von den 225 Millionen Euro, die im gegenwärtigen Finanzrahmen für Grönland vorgesehen sind, flossen 90 Prozent in diesen Bereich.
Künftig soll aber auch mehr in Infrastruktur investiert und der Wohnungsbau gefördert werden, ein besonderer Wunsch der Grönländer. In Nuuk gibt es zwar einen neuen und großen Flughafen, was auch den Tourismus angekurbelt hat. Doch das Straßennetz und die Häfen sind stark unterentwickelt. Das alles ist wichtig für die neue Priorität, die auch im Interesse der Europäer liegt: die Förderung von natürlichen Ressourcen, im Einklang mit dem Umweltschutz. In Grönland wurden 25 von 34 seltenen Rohstoffen nachgewiesen, die aus Sicht der EU-Kommission für die Bewältigung des Klimawandels und des digitalen Wandels nötig sind.
In diesen Sektor soll nun auch ein Teil der 200 Millionen Euro fließen, die von der Leyen als Gastgeschenk mitgebracht hat – Geld für neue Projekte in diesem und im nächsten Jahr. Für ein Land, dessen Staatshaushalt gut eine Milliarde Euro im Jahr umfasst, ist das viel. Und alles in allem wendet die EU nirgendwo auf der Welt mehr Geld pro Einwohner auf als in Grönland. Von der ersten Tranche sollen Investitionen in ein Bergwerk an der Ostküste fließen, das von einem kanadischen Unternehmen aufgebaut wird und Molybdän fördert. Dieses chemische Element erhöht die Festigkeit, Korrosions- und Temperaturbeständigkeit von hochwertigem Stahl. Aus der zweiten Tranche soll ein Graphitbergwerk in Südgrönland Geld bekommen, das von einer britischen Firma erschlossen wird. Mit den Beträgen werden Risiken für private Investoren vermindert, um diese anzulocken.
Nun geht es auch um Rohstoffe
Noch steht das alles erst am Anfang. Die Förderung der Rohstoffe ist schwierig, weil sie oft tief unter dem Eis liegen. Noch schwieriger ist es, sie außer Landes zu bringen. „Transport und Infrastruktur sind unsere größten Herausforderungen“, sagt Christian Keldsen vom grönländischen Unternehmerverband. „An eine Weiterverarbeitung im Land ist gar nicht erst zu denken, dafür fehlen uns die Arbeitskräfte.“ So etwas sei nur in Europa möglich, sagt der Mann dänischer Herkunft, der in Nuuk geboren wurde und lange in Frankreich gelebt hat.
Keldsen sieht auch große Chancen für die EU, um unabhängiger von China zu werden. In Grönland spielt der Staat schon keine Rolle mehr. Die Chinesen hatten Minderheitenanteile an zwei Bergwerken, mussten diese aber verkaufen. Sie durften auch nicht für drei neue Flughäfen bieten – eine politische Entscheidung der Regierung.

Mit den beiden Bergwerken, die nun von der EU unterstützt werden sollen, hat Europa zumindest einen Fuß in der Tür. Und es ist schon einen Schritt weiter als die Vereinigten Staaten. Die texanische Ölfirma Greenland Energy, die enge Kontakte zu Präsident Donald Trump unterhält, will im Osten der Insel Öl fördern. Im Juli brachte sie Ausrüstung dafür in einen Hafen an der Küste – ohne Genehmigung der Regierung in Nuuk. Die protestierte und untersagte weitere Lieferungen. Der Genehmigungsprozess soll sich bis mindestens nächstes Jahr hinziehen, auch weil es lokale Proteste gibt. Die Bewohner fürchten, dass Umweltverschmutzungen ihnen die bisherige Lebensgrundlage entziehen könnten, das Jagen von Moschusochsen und Eisbären.
Man kann immer noch Geschäfte mit den Amerikanern machen
Er verweist auf die Pazifikinsel Guam, die ein Drittel ihres Einkommens aus der US-Militärpräsenz dort erzielt. Allerdings sind die Umstände in Grönland anders. Denn die Dänen und Grönländer wollen auf jeden Fall die volle Souveränität über ihr Territorium bewahren. Die US-Regierung will die Stützpunkte jedoch kaufen und unter eigene Hoheit stellen – auch als Garantie für den Fall, dass ein souveränes Grönland die NATO verlässt.
Der Druck, der auf der Insel lastet, kommt am Montag in der Pressekonferenz zum Ausdruck, in der von der Leyen die neuen Investitionen verkündet. „Grönland bleibt standhaft und hat auch unter enormem Druck standgehalten“, sagt die Kommissionspräsidentin in Anspielung auf US-Gebietsansprüche. Die dänische Ministerpräsidentin dankt ihr für die Unterstützung. „Deine Stimme ist sehr deutlich gewesen“, sagt Frederiksen. „Wir brauchten das, und wir brauchen es jetzt wieder.“
Von der Leyen bekräftigt noch einmal, dass die EU „in voller Solidarität“ zum Königreich Dänemark stehe. Nur die Grönländer selbst könnten über ihre Zukunft entscheiden. Die territoriale Integrität, Souveränität und Unversehrtheit der Grenzen seien grundlegende Prinzipien des Völkerrechts. Das alles soll sich auch in der neuen Arktis-Strategie widerspiegeln, welche die Kommission im Oktober präsentieren will. Deren Ansatz beschreibt von der Leyen so: „Die Arktis ist nicht mehr ein entfernter Norden.“ Man wolle die Zukunft gemeinsam mit den Anrainern gestalten und für mehr Sicherheit, eine bessere Anbindung und mehr Wohlstand sorgen.
Grönland profitiert schon jetzt davon. „Die geopolitischen Umstände spielen natürlich eine Rolle bei der Weite und Tiefe der Projekte, die wir entwickeln“, sagt von der Leyen. Es ist keine Kampfansage an die USA, wohl aber Ausdruck eines neuen Selbstbewusstseins der Europäer.
