
Das ist das Problem mit besinnungsloser Liebe: Sie raubt den Verstand. Verliert sich in idealisierten Visionen, ignoriert Realitäten, verzerrt jede Wahrnehmung. Wenig lieben die Deutschen so sehr wie die italienische Küche – dieses echte, einfache, ewig sommerlich-heitere Glück. Die Folgen dieses pathologischen Fetischs finden sich in jeder zweiten deutschen Fußgängerzone, in teuren Münchener Vororten und im letzten brandenburgischen Sportheim: lauer Latte macchiato in grob gemusterten Gläsern, aufgeweichte Eiernudeln mit rosigem Formschinken in fetten Sahnesaucen, veganes Matcha-Tiramisu. Ein Schatten, ein Abklatsch, eine lächerliche Travestie – in blinder Verzückung dankbar heruntergespült mit Lugana-Fluten aus den Weinfabriken Venetiens.
Nur wenige Inseln echter Italianità ragen aus dem Morast der in China produzierten, grün-weiß-rot gelabelten und mit hornhautgleichem Reibe-„Käse“ überflockten Konserventomaten. Diese Inseln sind Menschen – Menschen, die nach endloser Teigführung in glutheißen Öfen sekundenschnell echte neapolitanische Pizzen backen und mit nichts veredeln als mit ein paar Blättchen Basilikum, einem Faden Olivenöl. Die langsam durch Bronzematrizen gepresste und geduldig getrocknete Pasta (zum Grammpreis mancher Hühnerbrust) mit ein wenig Pecorino und Pfeffer zu „Cacio e Pepe“, einem Pfeiler der römischen Tradition, verwandeln. Die Wolfsbarsch auf der Haut braten und so puristisch wie nur möglich, vielleicht mit ein paar Artischocken, servieren. Es sind rare Juwelen in einem unüberschaubaren Geröllfeld.
