Irgendwo in Kasachstan lädt gerade ein Sechzehnjähriger einen neuen Track hoch. Darin ertönt ein Bass, der klingt, als würde ein Kühlschrank in der Hölle explodieren. Zwei Tage später läuft seine Musik unter Millionen Tiktok-Videos, Fitnessclips und Dashcam-Aufnahmen nächtlicher Autorennen. Der Teenager nennt sich vielleicht Rft3p, Yp3M3 oder RLSLX. Namen, die wirken, als hätte jemand beim Erstellen eines Gamer-Profils zu viele Energydrinks getrunken.
Der Track des Teenagers gehört zu einem Genre namens Phonk, geschrieben mit „Ph“, vermutlich, weil in der digitalen Kultur selbst orthographische Fehler irgendwann wie Markenlogos wirken. Phonk ist derzeit das erfolgreichste Pop-Genre der Welt. Mehr als eine Milliarde Menschen hörten Phonk-Musik allein im vergangenen Monat. Oder präziser: Sie hörten dieses Genre nicht wirklich. Sie wurden davon beschallt. Denn dieser Sound wird selten bewusst ausgewählt, er passiert einfach. Wie Reklamebildschirme im Bahnhof. Oder Existenzangst. Phonk läuft unter Videos wie eine zweite Tonspur des Internets. Früher hörte man Musik bewusst. Heute begleitet sie oft nur noch die endlose Bewegung des scrollenden Daumens über Glas.
Aufdringliches Raumparfüm
Wer in den vergangenen Jahren auch nur fünf Minuten auf Tiktok, Instagram oder Youtube Shorts verbracht hat, kennt diesen Sound längst, selbst wenn ihm der Name nichts sagt. Phonk klingt, als hätte ein Algorithmus versucht, Adrenalin in Audiodateien zu verwandeln. Diese Musik soll nicht Aufmerksamkeit bekommen. Sie soll Aufmerksamkeit erzeugen, ein aufdringliches, synthetisches Raumparfüm aus dumpfen Bässen und aggressiver Melancholie.
Mit dem Funk der Sechzigerjahre hat Phonk ungefähr so viel gemeinsam wie ein Proteinshake mit einem Jazzclub in Chicago. Seine Ursprünge liegen im Memphis Rap der späten Achtziger und frühen Neunziger, jenem düsteren Südstaaten-Untergrund, der klang, als würde ein Horrorfilm in einem Kofferraum abgespielt. Produziert wurde mit billigen Drumcomputern und Samples aus Horror-Soundtracks. Die LoFi-Ästhetik jener Zeit war weniger stilistische Entscheidung als schlichte Geldknappheit. Während New York und Los Angeles ihre Rap-Millionäre hervorbrachten, blieb Memphis Rap die Musik schlecht beleuchteter Tankstellenparkplätze. Gruppen wie Three 6 Mafia schufen diesen Sound aus Paranoia, Sedierung und schwerem Bassdruck, ohne zu ahnen, welche Folgen ihre Musik später haben würde.
Bewusst unpoliert
In den 2000er-Jahren entwickelte sich daraus eine experimentellere, oft instrumentale Spielart namens Phonk. Geprägt wurde der Begriff unter anderem vom Rapper SpaceGhostPurrp, der „Phonk“ als deformierte Variante von „Funk“ verwendete. Doch auch dieser frühe Phonk blieb zunächst ein Nischenphänomen auf SoundCloud und in obskuren Internetforen. Die Tracks klangen langsam und bewusst unpoliert. Es war Musik für Menschen, die nachts zu lange wach blieben. Erst Ende der 2010er-Jahre begann sich das Genre radikal zu verändern.
Vor allem russische und osteuropäische Produzenten beschleunigten die Tracks, verstärkten die Bassdrops und reduzierten die Musik auf maximale digitale Verwertbarkeit. Daraus entstand der sogenannte Drift Phonk. „Drift“, weil die Musik zunächst vor allem in Videos auftauchte, in denen Sportwagen mit qualmenden Reifen und hüpfenden Tachonadeln quer durch Kurven rutschten. Aus dem sedierten LoFi-Sound des amerikanischen Südens wurde so der hyperaktive Soundtrack einer Plattformkultur, die permanent Intensität simulieren muss. Selbst beim Scrollen soll noch ein Gefühl von Geschwindigkeit entstehen. Stille wirkt in dieser digitalen Umgebung inzwischen fast verdächtig. Selbst Erschöpfung wird heute mit maximaler Intensität inszeniert.
Das eigentlich Bemerkenswerte an diesem Genre ist jedoch weniger sein absichtlich kaputter Klang als seine perfekte Anpassung an die Logik sozialer Plattformen. Phonk funktioniert nicht trotz Tiktok, sondern wegen Tiktok. Die Stücke folgen einer nahezu idealen Kurzvideo-Dramaturgie: langsamer Aufbau, Spannungssteigerung, dann ein abrupter Bass-Drop. Das ist dann exakt jener Moment, in dem auf dem Bildschirm ein Kampfsportler zuschlägt oder ein Fußballer ein Tor schießt. Die Musik ist dabei vollständig in digitale Logiken eingebettet. Ein Phonk-Track muss nicht als abgeschlossenes Kunstwerk funktionieren. Er muss lediglich für Sekunden den richtigen emotionalen Impuls liefern.
Früher sprach man von Liedern. Heute handelt es sich eher um modulare Reizeinheiten für möglichst viele digitale Situationen. Das zeigt sich auch an der Form der Veröffentlichung. Viele Tracks dauern nur eine Minute. Produzenten veröffentlichen dieselben Stücke in mehreren Tempovarianten gleichzeitig: „Slowed“, „Super Slowed“, „Sped Up“. Musik wird zur adaptiven Software. Je nachdem, ob jemand nachts melancholisch aus dem Fenster eines Nachtbusses blickt oder im Fitnessstudio künstliche Entschlossenheit simuliert, liefert der Algorithmus die passende Abspielgeschwindigkeit gleich mit. Dabei entsteht eine eigentümliche Austauschbarkeit. Viele Tracks wirken wie Variationen desselben emotionalen Zustands aus Größenphantasie, Adrenalin, Erschöpfung und unterschwelliger Weltuntergangsstimmung. Gerade diese Monotonie scheint jedoch Teil des Erfolgs zu sein. Die Musik funktioniert wie Nikotin.
Auch die visuelle Ästhetik des Genres folgt dieser Logik. Die Coverbilder zeigen häufig Mangafiguren mit glühenden Augen, nächtliche Straßenschluchten, neonbeleuchtete Städte oder anonymisierte Silhouetten vor apokalyptischen Himmelkulissen. Vieles erinnert an japanische Cyberpunk-Comics oder überhitzte Computerspielgrafiken. Die Bilder wirken bewusst künstlich, fast vollständig synthetisch. Es ist die Ästhetik einer Kultur, die sich längst stärker aus Bildschirmen speist als aus physischer Realität.
Tracks werden im Kinderzimmer erstellt
Während klassische Subkulturen sich früher noch gegen die Mehrheitsgesellschaft definierten, erscheint Phonk eher wie die offizielle Musik einer Welt, die vollständig im Internet aufgegangen ist. Der Sound rebelliert nicht gegen digitale Plattformen, er verkörpert sie. Dazu passt, dass die eigentlichen Stars dieses Kosmos oft merkwürdig unsichtbar bleiben. Viele Produzenten verwenden kryptische Phantasienamen und verzichten bewusst auf Öffentlichkeit.
Der klassische Popstar des zwanzigsten Jahrhunderts lebte von Skandalen und Wiedererkennbarkeit. Der Phonk-Produzent dagegen ist nur noch ein unaussprechlicher Username mit Spotify-Link. Herkunft und Persönlichkeit verlieren in diesem System an Bedeutung. Entscheidend ist nicht mehr, wer einen Track produziert hat, sondern ob er innerhalb weniger Sekunden Aufmerksamkeit stabilisieren kann. Manche Phonk-Künstler produzieren ihre Tracks im Kinderzimmer ihrer Eltern, obwohl sie längst Millionen mit den Streams scheffeln. Dafür genügen ein Laptop, gecrackte Musiksoftware und ein intuitives Verständnis dafür, wann der Bass einsetzen muss.
Inzwischen verändert sich das Genre erneut. Besonders stark ist derzeit der Einfluss brasilianischer Spielarten des Baile Funk wie Som Automotivo oder Funk Mandelão. In zahllosen Tracks erklingen die nasal verzerrten Stimmen brasilianischer MCs, als würden sie direkt aus einem übersteuerten Lautsprecherturm einer Favela-Party scheppern. Der globale Datenstrom recycelt brasilianische Straßenslang-Silben heute genauso effizient wie einst amerikanischen Südstaaten-Gangsta-Rap. Ihre Bedeutungen verdampfen jedoch auf dem Weg durch die Tiktok-Feeds fast vollständig. Übrig bleibt ein rhythmisches Fauchen, das weniger verstanden als körperlich gespürt wird. Sprache wird hier nicht mehr als Mitteilung konsumiert, sondern als Atmosphäre. Die erfolgreichste Popmusik unserer Zeit ist nicht jene, die Menschen lieben. Sondern jene, die sie kaum noch bemerken. Sie läuft einfach mit.
Phonk zeigt auch, dass die entscheidenden musikalischen Szenen der Gegenwart nicht mehr in Clubs, Städten oder regionalen Milieus entstehen. Sie bilden sich auf Discord-Servern, SoundCloud-Seiten und Tiktok-Feeds, während sich der kulturelle Mittelpunkt in Plattformarchitekturen verlagert hat.
Vielleicht wird man später einmal sagen, dass Phonk die eigentliche Kunstform der Zwanzigerjahre war. Pop ohne Rockstars, Interviews und Weltschmerzposen. Musik, die perfekt dafür gemacht ist, sofort wieder vergessen zu werden.
Vom Autor erscheint Ende Juni das Buch „It Began In Ipanema“ (Sorry Press).
