Junge Linke von heute werden es wahrscheinlich kaum glauben können, dass alte weiße Männer wie Henryk M. Broder, Harald Martenstein oder Dieter Nuhr einmal so waren wie sie und schon vor vielen Jahren ihren Beitrag zur sozialistischen Weltrevolution leisten wollten. Aber so war es.
Das gilt für fast alle der gut ein Dutzend Autoren, die Ulli Kulke und Reinhard Mohr in „Wenn das Denken die Richtung ändert“ versammelt haben. Es sind Männer und Frauen, die man heutzutage wohl kaum noch als Linke bezeichnen würde. Fast alle aber sind ehemalige Achtundsechziger. Sie waren Linke und Grüne, träumten nicht nur von der Revolution, sondern arbeiteten auch an ihr.
So wirkten beispielsweise Andreas Baader und Gudrun Ensslin für den Ulli Kulke von 1970 ein wenig wie Bonnie und Clyde. Ihre Brandanschläge auf zwei Frankfurter Kaufhäuser waren da zwei Jahre her. Das Jahr 1970 war die Geburtsstunde der Roten Armee Fraktion. Oder Antonia Grunenberg: Auch sie war, wie so viele andere, davon überzeugt, dass es gute und schlechte Gewalt gebe, plädierte für den bewaffneten Kampf.
Ein bisschen Spaß muss sein
Bei anderen ging es nicht so weit. Broder etwa bezeichnet sich selbst mit Blick auf sein ehemaliges Linkssein als Mitläufer, der eben dabei sein wollte. „Ich vermute, die jungen Leute, die heute für den Klimaschutz auf die Straße gehen, Kreuzungen besetzen und sich auf den Asphalt festkleben, handeln aus ähnlichen Motiven. So wie es Roberto Blanco besungen hat: ,Ein bisschen Spaß muss sein, dann kommt das Glück von ganz allein . . .“
Doch irgendwann war bei ihm und den anderen Schluss mit dem linken Glück und dem linken Spaß. Nicht einmal die Nackten der Kommune 1 konnten das verhindern.
Doch warum sollten sich die heutigen Linken (und alle anderen) für diese Reise in die Vergangenheit und das Ändern des Denkens überhaupt interessieren und es nicht einfach als das Geschwätz von früher einiger alter weißer Männer und Frauen abtun? Wenn etwa Dieter Nuhr von seiner Jugend erzählt, sind wir tief in den Siebzigerjahren, als die Teenies noch buntgefärbte Pullunder und Pythonlederstiefel trugen, es weder Internet noch Handys gab und man nicht vor der Klimaerwärmung, sondern vor der nächsten Eiszeit warnte.

„Bei Adolf wäre das nicht möglich gewesen“
Es gibt gleich mehrere Antworten darauf: Zum einen gelingt es den Autoren, den Leser in eine Zeit mitzunehmen, in der das Linkssein noch eine ganz andere Relevanz und Bedeutung hatte als in der Gegenwart. Das Linkssein war nicht nur Lifestyle, es war nicht Wokeness-Aktivismus, dem es vor allem um bizarre Sprachkonstrukte geht. Es war viel mehr als das.
Samuel Schirmbeck erinnert sich in dem Buch daran, wie sein Vater ihm drei Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg ein Schwarz-Weiß-Foto aus dem „Spiegel“ zeigte: „Nackte Frauen, Jüdinnen, die in eine Grube getrieben wurden, wo sie dann, wie mein Vater erklärte, erschossen wurden.“ Seitdem sei er „links“, ohne dass er das damals als Siebenjähriger so hätte benennen können, schreibt Schirmbeck. „Ab da galt die Regel: Je weiter man von Leuten entfernt ist, die so etwas verbrochen haben, geduldet oder befürwortet, desto besser, desto linker.“
Es war eine Generation, die sich von den Verbrechen ihrer Elterngeneration lossagte, die zugleich erleben musste, wie alte Seilschaften weiterhin bestanden, das Nazi-Denken noch in den Köpfen steckte und bei Familienfeiern Sätze fielen wie „Bei Adolf wäre das nicht möglich gewesen“.
Die öffentliche Meinung hat sich verändert
Aber obwohl das damalige Linkssein viel mehr als eine Modeerscheinung war und die Gründe für diese politische Einstellung viel tiefer reichten, als sie es heutzutage womöglich überhaupt können, gab es die Abkehr, erscheint im Nachhinein die linke Haltung bei vielen nur als eine Verirrung in jungen Jahren.
Und das ist die nächste Stärke in diesem Buch: die ganz persönlichen Erfahrungen, die erklären, warum jemand nicht mehr links ist oder auch nach heutigen Maßstäben nicht mehr als links erscheint – sich aber eigentlich gar nicht so sehr geändert haben will, die Welt, die Gesellschaft und die Politik das aber taten. Monika Gruber schreibt: „Ich habe mich seit meiner Kindheit weltanschaulich keinen Zentimeter nach links oder rechts bewegt. Ich stehe immer noch genau da, wo meine Eltern stehen und auch meine Großeltern standen. Das Einzige, das sich verändert hat, ist die öffentliche Meinung.“
Broders links-revolutionäre Phase endete im Juni 1976 mit der Flugzeugentführung nach Entebbe, der Aufteilung der Passagiere in Juden und Nichtjuden und dem Verhalten der linksradikalen Szene, die das für legitimen Widerstand hielt, die Befreiungsaktion der Israelis aber als Staatsterrorismus betrachtete. Damals hatten zwei Mitglieder der linksextremistischen „Revolutionären Zellen“ und palästinensische Terroristen eine Air-France-Maschine in ihre Gewalt gebracht und sie zur Landung in Entebbe in Uganda gezwungen. Bei Ulrike Ackermann war es eine Gefängniserfahrung in Prag 1978: „Es war ein gewaltsames Ein- und Untertauchen in einer grauenhaften Welt mit völlig anderen Maßstäben, Prozeduren, Verkommenheit und Abgründen, denen ich mich nicht entziehen konnte.“
Die Linke, der Antisemitismus und die Hamas
Samuel Schirmbeck wiederum wurde durch die „abgrundtiefe Gleichgültigkeit großer Teile der deutschen Linken gegenüber den Opfern islamischen Terrors“ vom Linkssein entfremdet. In Algier habe sein Denken die Richtung geändert – gegen die Linke in Deutschland, die jene Kräfte unterstützte, welche seine muslimischen Freunde umbrachten. Der islamistische Terror forderte Abertausende Tote.
Hier und an vielen anderen Stellen des Buches sind wir auf einmal in der Gegenwart: bei der Linken und ihrem Verhältnis zu Antisemitismus, Israel und der Hamas, dem Schweigen oder Schönreden bei islamistischen Gräueltaten oder auch dem Wegsehen bei dem Zusammenhang von Migration und Kriminalität.
Und natürlich landen wir auch bei der Flüchtlingskrise 2015, dem Umgang mit Corona, bei Cancel Culture, bei der AfD und den Gründen für ihren Aufstieg in den vergangenen Jahren und der Frage, ob wir derzeit einen Rechtsruck im Land erleben. „Der Glaube mancher Linker, mit einem AfD-Verbot ließe sich der Wurzelboden für den Rechtspopulismus herausreißen, ist nicht realistischer als die Vorstellung von AfD-Anhängern, man könne Deutschland die relative ethnische Homogenität meiner Jugendjahre zurückbringen“, konstatiert beispielsweise Hubert Kleinert.
Missstände erkennen, wo Missstände auftreten
Man muss nicht unbedingt einer Meinung sein, mit dem, was er und die anderen zu den Problemen der Gegenwart schreiben, wie sie die Lage des Landes einschätzen. Man kann sogar so weit gehen und in ihren Ausführungen gar eine Legitimation für das linke Denken sehen – die Freiheit der Jugend, sich auch zu irren und diese Erfahrungen zu machen:
„Wer handelt, macht Fehler“, schreibt Antonia Grunenberg. „Doch es ist geradezu widersinnig, von Mittzwanzigern zu erwarten, sie wüssten, was eine gute politische Ordnung ist. Mittzwanziger haben den Erfahrungshintergrund ihrer Lebensjahre. Aber das heißt ja nicht, dass sie nicht Missstände erkennen, wo Missstände auftreten.“
Vor allem aber ist dieses Buch eines: Die Aufforderung zu denken und dabei die Bereitschaft zu haben, sein Denken zu ändern – und das Land zu verteidigen „gegen jeden Extremismus, ob rechts, links oder islamistisch, gegen Dummheit, Fanatismus und Geschichtsvergessenheit“.
