
In gewisser Weise schon. In den vergangenen zehn, zwölf Jahren haben wir eine deutliche Zunahme von Tabu- und Schimpfwörtern im politischen Diskurs beobachtet. Früher wurde solche Sprache hinter verschlossenen Türen verwendet. Heute findet man sie offen in politischen Werbespots, Reden, Social-Media-Posts und anderen öffentlichen Äußerungen von Politikern.
Sie sagen zehn, zwölf Jahre. Zeitlich fällt das mit dem politischen Aufstieg Donald Trumps zusammen. Ist das ein Zufall?
Als Wissenschaftler muss man vorsichtig sein, Korrelation und Kausalität gleichzusetzen. Es gibt noch einen anderen wichtigen Faktor: den Aufstieg sozialer Medien. Diese Plattformen haben die öffentliche Kommunikation viel informeller gemacht. Menschen – auch Politiker – teilen dort spontaner ihre Gedanken, und informelle Sprache enthält häufiger Schimpfwörter. Trump war während seines ersten Wahlkampfs noch entschieden zurückhaltender. Die wenigen Fälle, in denen er öffentlich fluchte, erhielten damals enorme Aufmerksamkeit.
Warum greifen Politiker überhaupt zu Schimpfwörtern?
Sie wollen Aufmerksamkeit. Sie wollen, dass ihre Botschaften wahrgenommen werden. Darüber hinaus kann Schimpfen bestimmte Eindrücke erzeugen: Studien zeigen, dass Leute jemanden, der flucht, oft für authentischer halten. Er wirkt ehrlicher, direkter und manchmal sogar humorvoller. Das sind Eigenschaften, die für Politiker durchaus attraktiv sein können.
Wird deswegen heute so viel geschimpft?
Ja. Politiker glauben, dass das funktioniert. Politische Kommunikation ist in der Regel sorgfältig geplant. Wenn eine Partei oder ein Kandidat bewusst obszöne Sprache benutzt, dann vermutlich, weil man annimmt, damit Aufmerksamkeit, Authentizität oder eine emotionale Wirkung zu erzielen.
Es gibt nach wie vor viele Menschen, die klare Vorstellungen davon haben, welche Sprache in der Öffentlichkeit angemessen ist. Ältere Menschen, religiöse Menschen und politisch Konservativere lehnen öffentliches Schimpfen tendenziell stärker ab. Wir sind gerade in einer Situation, in der dieselben Äußerungen für manche normal und für andere immer noch schockierend sind.
Hat die politische Polarisierung im Land zu dieser Entwicklung beigetragen?
Ja, vermutlich. Schimpfwörter werden häufig verwendet, wenn Leute starke Emotionen empfinden. Und sie sollen ähnliche Emotionen beim Publikum hervorrufen. Wenn Politik als langweilig oder technokratisch wahrgenommen wird, gibt es wenig Anlass für solche Sprache. In einer stark polarisierten politischen Landschaft ist das anders.
Welche Begriffe wären vor 15 Jahren denn noch undenkbar gewesen, sind heute aber normal?
Im Grunde fast alle stärkeren Schimpfwörter. Ein Wort wie „Scheiße“ wäre für die meisten Politiker noch vor 15 Jahren kaum vorstellbar gewesen.
Und wer darf ungestraft fluchen? Einige Politiker mehr als andere?
Ja, Studien zeigen, dass Menschen Schimpfwörter eher akzeptieren, wenn sie von Politikern kommen, die sie sowieso mögen oder deren Ansichten sie teilen. Aber wenn ein politischer Gegner dieselben Ausdrücke verwendet, wird das oft als weiterer Beleg für dessen schlechten Charakter interpretiert.
Was macht das mit den Menschen, wenn sie ständig aggressiver oder unflätiger Sprache ausgesetzt sind?
Am häufigsten zeigt die Forschung eine Art Gewöhnungseffekt. Menschen reagieren mit der Zeit weniger stark auf Schimpfwörter, sie verlieren an emotionaler Kraft. Anders ist es bei Beleidigungen und diskriminierenden Schimpfwörtern. Hier gibt es Hinweise darauf, dass sie echten Schaden verursachen können: Studien mit Jugendlichen zeigen Zusammenhänge zwischen häufigen Beschimpfungen durch abwertende Begriffe und schlechterem Wohlbefinden, geringerer Bindung an die Schule und schwächeren schulischen Leistungen.
Können wir damit rechnen, dass die amerikanische Politik irgendwann auch wieder weniger flucht?
Ja, schon. Sprachliche Normen verlaufen oft in Wellen. In den Vereinigten Staaten gab es Phasen mit sehr hohen Erwartungen an angepasstes Verhalten und Sprache. Bestimmte Wörter wurden lange Zeit aus dem Fernsehen, der Musik oder öffentlichen Debatten verbannt. Gerade deshalb haben diese Wörter bis heute eine besondere Sprengkraft. Dann folgten Gegenbewegungen, die bewusst Grenzen überschritten haben. Die aktuelle Lockerung bei politischen Schimpftiraden muss also keineswegs dauerhaft sein.
Ist Schimpfen denn per se etwas Schlechtes?
Ich würde eher sagen: Es ist etwas Mächtiges. Wie jede Form von Sprache kann es konstruktiv oder destruktiv eingesetzt werden. Entscheidend ist nicht das Schimpfwort selbst, sondern die Art und Weise, wie es verwendet wird.
Ben Bergen ist Professor für Kognitionswissenschaft an der University of California San Diego und Leiter des „Language and Cognition Lab“
