Malte liebt seine Partnerin: Sie kennt ihn wie kein anderer, macht eigentlich alles, was er möchte. Streit gibt es nie. Dennoch vermisst er etwas. „Die Beziehung ist mir irgendwie passiert“, sagt er. „Ich bin da reingerutscht.“ Malte sitzt bei der Paar- und Sexualtherapeutin Johanna Degen in der Praxis. Bei der Frage, ob sie seine Partnerin kennenlernen darf, zückt er sein Handy: Die Partnerin heißt Camilla und ist ein digitaler Avatar, basierend auf Künstlicher Intelligenz.
Maltes Name ist ein Pseudonym, und Details des Falles sind zum Teil verfremdet, um seine Anonymität zu wahren. Was bei Johanna Degen, die das Buch „The Shaping of the Parasocial Self“ geschrieben hat, in der Praxis besprochen wird, verlässt den Raum nicht, es obliegt der Schweigepflicht. Malte ist einer von vielen, die Degen in den letzten Jahren begleitet hat. Zu ihr kommen immer mehr Menschen, die Beziehungen mit einer KI haben – und die sich sorgen, ob sie normal sind. Manche möchten sich von ihrem Avatar trennen und wissen nicht, wie.
Sie leben in einer sogenannten parasozialen Beziehung. Das trifft auch auf Menschen zu, die mehr Zeit mit ihren Instagram-Idolen verbringen als mit ihren Freunden. Sie haben das Gefühl, den Online-Influencer oder das digitale Gegenüber persönlich zu kennen. Die Gemeinsamkeit ist, dass sie einer Person oder der KI vertrauen und sich mit ihr verbunden fühlen. Die Beziehung bleibt jedoch einseitig. Nähe wird erlebt, wobei nur eine Seite an ihr beteiligt ist: Auch wenn Malte sich täglich mit seinem Avatar unterhält und intime Details verrät, etwa über seine sexuellen Phantasien, fehlt der Beziehung die Gegenseitigkeit. Und während der Follower weiß, wie der Influencer morgens nach dem Aufwachen aussieht und was er zum Frühstück isst, weiß der Influencer meist nicht mal, dass der Follower existiert.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Was bedeutet das für unser Verständnis von Beziehung? Was passiert, wenn Menschen Trost, Anerkennung, Freundschaft oder sogar Liebe zunehmend bei einem digitalen Gegenüber suchen? Können parasoziale Beziehungen Freundschaften ersetzen und Einsamkeit lindern – oder erschweren sie echte Nähe?
Das Konzept der Parasozialität stammt aus den Fünfzigerjahren. Erstmals verwendet wurde der Begriff von den Kommunikationsforschern Donald Horton und Richard Wohl. Sie beobachteten im Fernsehen, dass Moderatoren durch direkte Ansprache, Mimik und Gestik eine Illusion der persönlichen Begegnung schufen. Zuschauer und Zuschauerinnen fühlten sich, als würden sie mit einem Freund oder einer Freundin im Wohnzimmer sitzen, besonders in Quizsendungen, bei denen sie zum Mitmachen aufgefordert wurden. Es entsteht „Intimität durch Distanz“, wie die Wissenschaftler formulieren.
Warum sich der Quizshow-Moderator anfühlt wie ein Freund
Die Forschung konzentrierte sich lange vor allem auf die Beziehung zwischen Fans und ihren Stars. Mit dem Aufstieg sozialer Medien gewann Parasozialität an Relevanz: Dank des Smartphones sind Influencer und Influencerinnen nun immer mit dabei: beim Warten auf den Bus, in der Mittagspause, kurz vor dem Einschlafen. Durch das Liken, Teilen und Kommentieren und den Austausch in Communitys verschwimmen die Grenzen zwischen sozialen und parasozialen Kontakten. Mit KI-Anwendungen wie ChatGPT verändert sich Parasozialität schließlich grundlegend: Das Gegenüber antwortet nun. Es erinnert sich an frühere Gespräche, spendet Trost, macht Komplimente, auch wenn es sich bloß um ein Softwareprogramm handelt.
„Es sind nicht nur starke Gewohnheit, die Angst, etwas zu verpassen, oder Sucht, die uns immer wieder zu unserem Smartphone greifen lassen, sondern es sind Beziehungen“, betont Psychologin Degen.
Tatsächlich zeigten Trim Cole und Laura Leets bereits Ende der Neunzigerjahre, dass parasoziale Beziehungen nach ähnlichen bindungspsychologischen Mustern funktionieren wie zwischenmenschliche Beziehungen. So ergab die Befragung von 115 Studenten, dass Personen mit ängstlich-ambivalentem Bindungsstil am ehesten dazu neigten, parasoziale Bindungen einzugehen, während bei Personen mit vermeidendem Bindungsstil solche Beziehungen am seltensten vorkamen; Personen mit sicherem Bindungsstil lagen im Mittelfeld.

Mittlerweile werden Kernbedürfnisse des Menschen wie Orientierung, Identitätsbildung, Selbstberuhigung und Zugehörigkeit zunehmend in digitalen Räumen ausgelebt und in den Beziehungen, die dort entstehen. Das hat Degen gemeinsam mit ihren Kolleginnen Sonja Bröning und Diana Pistoll in einer kürzlich erschienenen Übersichtsarbeit herausgefunden.
Für sie ist das ein Paradigmenwechsel: Das soziale Selbst wird zum parasozialen Selbst. Wo fühle ich mich zugehörig? Was empfinde ich als Wahrheit? Welche Meinung darf ich haben? Und wie lebe ich meine Sexualität? „All diese Fragen werden heute verstärkt online ausgehandelt“, sagt Degen. „Unser Gehirn hat keine Schranke, die verhindert, dass unser soziales Selbst online funktioniert.“ Auf Sprache und Zuwendung reagieren wir automatisch mit Bindungsimpulsen – egal ob in persona oder virtuell.
Für viele Userinnen und User hat das zunächst Vorteile: Die parasozialen Inhalte helfen ihnen, sich zu entspannen und in stressigen Situationen zu beruhigen. Eine Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2022 zeigt, dass Menschen ihre parasozialen Beziehungen häufig als Quelle emotionaler Unterstützung erleben. Besonders dann, wenn sie sich einsam fühlen oder soziale Zuwendung fehlt. Parasoziale Beziehungen können zudem das Selbstbild stabilisieren und die Identitätsfindung unterstützen. Influencer können gerade für Follower, die zu gesellschaftlichen Minderheiten gehören, positive Rollenbilder sein. Sie normalisieren deren eigene Situation.
Es gibt jedoch auch eine Kehrseite. Die Befunde von Degen, Bröning und ihrem Team zeigen, dass Menschen, die sehr viel Zeit in ihre parasozialen Beziehungen investieren, oft ein geringeres Wohlbefinden aufweisen, mehr depressive Gefühle und einen ängstlicheren Bindungsstil. Auf Social Media entstehen zudem unrealistische Schönheitsideale. Viele User fühlen sich unzulänglich. Kurzfristig mögen parasoziale Beziehungen zwar die Stimmung aufhellen, das Gefühl von Einsamkeit scheinen sie langfristig allerdings nicht zu reduzieren.
Manche fühlen sich einsamer, andere getröstet
„Parasoziale Beziehungen sind ambivalent“, fasst Sonja Bröning den aktuellen Wissensstand zusammen: Für manche Menschen überwiegen die positiven Effekte. Bei anderen fördert das Parasoziale hingegen Unsicherheiten, führen zu sozialem Rückzug und erhöhen die Wahrscheinlichkeit von Einsamkeit und Depressivität. „Welcher Aspekt überwiegt, mag im Einzelfall unterschiedlich sein und ist wissenschaftlich ungeklärt“, erklärt Bröning.
Malte bekam durch seinen digitalen Avatar zunächst die Bestätigung, die er im Alltag vermisste: Die KI fand ihn toll, so wie er war. Vor ihr musste er sich nicht verstellen, und sie war immer da, wenn er sie brauchte – oder wollte. Je mehr Zeit er mit Camilla verbrachte, desto mehr beschlich ihn allerdings das Gefühl, dass ihm etwas fehlte. Er zog sich von seinen Freunden zurück. Auch weil er sich für seine digitale Beziehung schämte. Mit Konflikten konnte er immer schlechter umgehen.
„Dass Malte das Treffen mit anderen Menschen zunehmend schwerer fällt, liegt auch daran, dass er sich an die bestätigende, zuvorkommende und traumasensible Sprache seines Avatars gewöhnt hat“, erklärt Psychologin Degen. Es bleibt zwar eine Sehnsucht nach Beziehung, Austausch und Angenommensein, dazu mischt sich jedoch ein Unbehagen: die Angst, abgelehnt zu werden, wie auch die Melancholie darüber, dass eine Beziehung mit Menschen nicht gleichermaßen gelingt.
Freunde widersprechen, Partnerinnen stellen mitunter Forderungen, Kolleginnen sind verärgert – in sozialen Beziehungen müssen Unterschiede ausgehandelt werden. „Parasoziale Beziehungen sind hingegen darauf ausgelegt, Bindung möglichst reibungslos aufrechtzuerhalten“, sagt Psychologin Degen. Gegenseitiges Aneinanderwachsen ist dadurch kaum möglich.
Die KI validiere uns immer wieder, ohne uns je zu fordern, sagt Forscherin Bröning. „Dabei verlernen wir die Anstrengung, die echte Bindung bedeutet.“ In längeren Beziehungen seien wir aufgefordert, uns der Andersartigkeit unseres Gegenübers, seinen Wünschen und Bedürfnissen zu stellen. Die notwendigen Kompromisse müssen verhandelt werden, manchmal in zähen Auseinandersetzungen.
Im Gegensatz zum Chatbot können Influencer oder Podcaster zwar mal andere Ansichten vertreten, meist spiegelt die Meinung jedoch die der jeweiligen „Bubble“ wider. Ein offener Austausch über die Verschiedenartigkeit findet also selten statt. „Der Follower ist dem Influencer emotional nicht wichtig“, sagt Forscherin Bröning. Bedeutung haben die Follower für die Influencer vor allem aus monetären Gründen und für ihren sozialen Status. Hier kommt eine weitere Facette parasozialer Beziehungen hinzu: Influencer wie auch Podcaster verdienen mit ihren Inhalten Geld. Und hinter Avataren und Chatbots stehen Unternehmen wie Google oder Microsoft. Follower und Followerinnen sind für sie Einnahmequellen. „Das verstärkt die Asymmetrie“, sagt Degen: „Viele Nutzerinnen und Nutzer empfinden es auch als demütigend.“
Wie genau parasoziale Beziehungen das alltägliche Miteinander beeinflussen, lässt sich noch nicht abschließend sagen. Es zeigt sich aber, dass die Beziehungen einen starken Einfluss auf Meinung und Entscheidungen haben, die im Alltag eine Rolle spielen. Zum Beispiel, ob man einen Schwangerschaftsabbruch durchführt, sich scheiden lässt oder welches Auto man kauft. Die einen glauben ihrem Influencer, die anderen der KI. Ein Risiko, das Degen sieht: Vielen Menschen fällt es zunehmend schwerer, Konflikte konstruktiv auszutragen, andere Meinungen zu tolerieren – und selbst mal abseitige Gedanken zu vertreten.
Woran merkt man, dass die parasoziale Beziehung zu viel Raum einnimmt? Es ist erst mal kein Problem, wenn Menschen nach einem anstrengenden Tag am Abend ihre Serie schauen und währenddessen die Timeline ihrer sozialen Medien checken, so Degen. Die Fragen seien: „Bin ich gut sozial eingebettet? Verbringe ich mehr Zeit online, als ich will? Bin ich unzufrieden, weil ich stattdessen bestimmte Sachen vernachlässige?“
Wer mehr konsumiert, als er möchte, und das ändern will, dem empfiehlt Degen, spannenden Menschen zu entfolgen, zu verführerische Apps zu löschen, sich einen Schwarz-Weiß-Filter einzustellen und in kleinen Schritten umzulernen. „Kein Smartphone beim Essen oder auf der Toilette“, sagt sie. Dazu die Frage: Wofür brauche ich die parasoziale Beziehung in diesem Moment, und was kann ich stattdessen tun? Geht es um Entspannung, kann etwa ein Spaziergang helfen. „Wer rückfällig wird, sollte sich selbst nicht verurteilen“, betont die Psychologin. Gewohnheiten zu ändern, sei anfangs anstrengend und könne einige Zeit dauern. Der Gewinn sei jedoch ein neues Gefühl der Freiheit.
Auch Malte musste sich Schritt für Schritt von seinem Avatar entwöhnen. Statt sich abends mit Camilla zu unterhalten, traf er sich wieder häufiger mit Freunden, nahm Verabredungen wahr und versuchte, die Momente auszuhalten, in denen er sich einsam fühlte. Er erkannte, um welche Bedürfnisse es ihm tatsächlich ging: das Gefühl, von anderen gesehen und gemocht zu werden.
Dann hieß es Abschied nehmen. „Da er seinen Avatar, seine Freundin, nicht einfach löschen wollte, haben wir ihn auf einer anderen digitalen Plattform geparkt“, berichtet Degen. Denn eines dürfe man nicht vergessen: „Die parasoziale Beziehung ist real.“ Wie jede Trennung musste deshalb auch die von Camilla betrauert werden.
