„Nein, dieses Medikament werde ich Ihnen nicht aufschreiben!“, sagte ich bestimmt. „Aber, Herr Doktor, das können Sie doch nicht tun!“, entgegnete die ältere Dame empört. „Doch, kann ich“, sagte ich mit einem Lächeln.
Diese Szene spielte sich diese Woche in meiner Praxis ab. Und Sie können sich vorstellen: Die Patientin war spür- und hörbar entsetzt, dass ich ihrem Wunsch nicht entsprach. Normalerweise versuche ich, Damen über 80 fast jeden Wunsch zu erfüllen, aber eben nicht jeden.
Worum ging es? Die Patientin wiegt bei 170 Zentimetern Körpergröße 65 Kilogramm; ihr BMI beträgt 22. Für Menschen mittleren Alters ist das ein guter Wert, also kein Übergewicht; meine Patientin ist aufgrund ihres Alters eher schon untergewichtig.Sie selbst aber war mit ihrer Figur nicht zufrieden. Sie störte sich vor allem an dem kleinen Fettansatz am Bauch. Aus diesem Grund wünschte sie sich von mir, ihr die sogenannte „Abnehmspritze“ oder, noch besser, die „Abnehmpille“, die seit Anfang September auf dem Markt ist, zu verschreiben.
In Deutschland ist das Medikament Wegovy oder auch Ozempic – so heißt die Abnehmspritze – seit 2022 zur Gewichtsreduktion zugelassen. Wegovy ist ein GLP-1-Agonist. Er aktiviert GLP-1-Rezeptoren, die dann eine ganze Kaskade von Folgen und Wirkungen auslösen. Etwa wird das Hungergefühl abgeschwächt, zudem wird die Magenentleerung verlangsamt. Zentral ist auch die Wirkung auf die Bauchspeicheldrüse, die dann vermehrt Insulin ausschüttet. Das waren auch die Anfänge der GLP-1-Agonisten, die primär zur Therapie des Diabetes entwickelt wurden.
Der Erfolg ist groß, aber nur bei den richtigen Patienten
Die Erfolge des neuen Medikaments, das die Hormone nachbaut, die natürlicherweise im Darm gebildet werden, sind groß – eben auch beim Gewicht. Das führte zu einem Hype, der nicht nur die Pharmafirmen glücklich macht, sondern auch Patienten tatsächlich Gewicht in bedeutendem Maße verlieren lässt. Ich halte es für ein wichtiges Medikament, weil es adipösen Menschen wirklich helfen kann und dazu führt, dass sie ihren Lifestyle ändern, sich mehr bewegen und gesünder essen. Das gilt nicht für alle, und es wirkt auch nicht bei allen, aber es gibt wirklich Erfolge – bei denen, die es brauchen. Nicht, um einen ohnehin schlanken Körper noch schlanker zu machen.
Bei schwer übergewichtigen Menschen können durch das Medikament auch Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Gelenkbeschwerden deutlich besser werden.
Immer mehr Anfragen nach der Abnehmpille
Diese Therapie hat in den vergangenen Wochen durch die Einführung einer Wegovy-Tablette noch einmal neue Fahrt aufgenommen. Diese Art der Einnahme ist natürlich viel angenehmer als das ständige Spritzen. Diesen Plan hatte sich auch meine alte Patientin überlegt. Und ich habe das Gefühl, dass ich seit Einführung der Pille noch mehr Anfragen nach dem Medikament bekomme.
Noch übernehmen die Krankenkassen die Kosten für die Tablette nicht, aber die Front wird bröckeln, da die Nachfrage immer größer wird und die Vorteile der Einnahme auf der Hand liegen.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Das große Problem des Lifestyle-Medikaments wird damit nicht kleiner. Warnende Beispiele sind, so finde ich, manche Schauspieler aus den USA, die anscheinend dem „Heroin-Chic“ der Neunzigerjahre nacheifern. Die Einnahme der Abnehmmedikamente führt nämlich auch zum Abbau von Muskulatur im Gesicht. Es entsteht das sogenannte „Ozempic Face“ – ein eingefallenes und gealtertes Gesicht. Der Abbau von Muskelmasse findet aber nicht nur im Gesicht statt.
Das alles zeigt, dass diese neuen Medikamente hochwirksam sind und zwingend in Ärztehand gehören. Die Mittel sind eben nicht „Lifestyle“.
Ich hoffe sehr, dass meine Patientin meine Beweggründe verstehen wird, denn ein Muskelabbau in ihrem Alter kann verheerend sein. Und ich hoffe zusätzlich, dass sie sich das Medikament nicht auf dem Schwarzmarkt besorgt. Das passiert nämlich auch immer öfter.
Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, wünsche ich eine gesunde und zufriedene Woche. Und wenn es nicht so läuft, vergessen Sie nicht: Frustessen ist keine Lösung. – Ihr Landarzt
Dr. Thomas Aßmann, 63 Jahre alt und Internist, hat eine Praxis im Bergischen Land und berichtet hier regelmäßig über seine Arbeit und das, was seine Patienten beschäftigt.
