Der Wolf ist ins Gerede gekommen. Seit der Einwanderung einiger Tiere vor gut 25 Jahren, aus denen unterdessen mehr als 1600 wurden, häufen sich Nachrichten von Angriffen auf Weidevieh. Mag die reale Gefahr für Menschen gering sein, die Urängste vor dem „bösen Wolf“ werden selbst aufwendige Beobachtungen („Monitoring“) des Verhaltens von Canis lupus nicht rasch überwinden.
Wie groß die Gefährdung früher war, als weniger einzelne, sondern alle Tiere zu „Problemwölfen“ wurden, wenn sie zur Winterzeit in ungeschützte Ortschaften eindrangen und im Sommer die Hutewiesen heimsuchten, ist vielfach überliefert. Nahm die Bedrohung überhand, zogen ganze Heerscharen an Jägern und vor allem Dienstverpflichteten zum Stellen der Wolfsrudel aus. Am effektivsten waren Treibjagden und mit Ködern präparierte Fallen.
Bejagungen sind vom 15. Jahrhundert an belegt, verschärft, nachdem die Population im Dreißigjährigen Krieg stark wuchs, bis zur weitgehenden Ausrottung um 1850. Seit 1904 galt Deutschland als „wolfsfrei“. Wie zum Triumph verzeichneten viele Regionen den Abschuss ihres „letzten“ Isegrims, wenn nicht gar in situ kenntlich gemacht. Ein solcher „Wolfsstein“ hat sich bei Altenbuch im Spessart erhalten, das als überhegtes Jagdrevier der Mainzer Erzbischöfe besonders unter Wolfsplagen litt.
Ursprünglich pflanzte man am Ort des Geschehens eine „Wolfsbuche“, die, morsch geworden, 1930 von einer kleinen Steinpyramide ersetzt wurde. Kaum mehr entzifferbar ist, dass der Fangschuss 1780 durch Johann Wolfgang Josef Mantel erfolgte. Er entstammte einer bekannten, in Mainzer und später bayerischen Diensten stehenden Jäger- und Forstmeisterfamilie.
Tat und Datum kollidieren allerdings mit der vom nahen Bischbrunn reklamierten „Ehre“, dort sei das Wolfsfinale im Spessart zu suchen. Ob der genannte Schütze Josef Sator identisch mit dem Revierförster Johann Sator ist, blieb ungeklärt, könnte aber zur Legendenbildung passen. Schließlich war er es, der 1773 durch das Erschießen des Erzwilderers Johann Adam Hasenstab dem Unwesen der berüchtigtsten „Spessarträuber“ ein Ende gesetzt hatte.
Dass diesem zuvor zweimal die Flucht gelang und er angeblich die bettelarme Bevölkerung bedachte, trug wesentlich zum Ruf eines „Robin Hood“ bei. Vergessen ging er jedenfalls nicht. Am Sterbeplatz im Kropfbachtal steht ein kleines Kreuz und auf seiner Begräbnisstätte Breitenbrunn ein größeres.
Beginnend am Geburtsort Rothenbuch, verbindet sie gar ein 80 Kilometer langer Hasenstab-Wanderweg. Sein Reiz liegt in der Unmittelbarkeit der Landschaft. Noch immer – oder besser wieder seit flächenhaften Aufforstungen im 19. Jahrhundert – wirkt der Spessart mit seinen geschlossenen Wäldern und stillen Tälern fast unberührt. Wölfe muss man nicht fürchten. Bislang fielen zwischen Main und Kinzig nur „Durchzügler“ auf.
Wegbeschreibung
Wie der Name verheißt, umgeben Buchen aller Wachstumsstufen den Ausgangsort Altenbuch. Im zeitigen Frühjahr ist es ein besonderes Erlebnis, in den Forst einzutauchen. Eine fast meditative Stimmung liegt über dem zarten Grün der Triebe und lässt die Anstrengung beim langen Anstieg zum Wolfsstein vergessen. Gut 250 Höhenmeter sind zu meistern. Die Führung übernimmt von der Bushaltestelle „Mitte/Kirche“ an der rote Strich; zum Parken bieten die Straßenränder viel Raum. Eine kleine Fläche liegt an der Leichgasse. Von dort ließe sich das bedeutendste Bauwerk Altenbuchs, die barocke Pfarrkirche St. Wolfgang, direkt aufsuchen, so man nicht zum Schluss eine Schleife anhängt.
Die Markierung weist rechtsseitig – etwas verblasst – in die Straße Tanneck, aus der es oberhalb von Wiesen und dann im Wald weitergeht. Ohne Unterlass, aber nicht zu steil schraubt sich der Weg zwischen Buchen aufwärts. Gut eine halbe Stunde benötigt man bis zur Wegegabelung, an deren rechtem Rand der Wolfsstein kaum noch die umgebende Hainbuchenhecke überragt.

Bevor man sich dem Hasenstabweg anschließt, kann ein Abstecher zum 500 Meter entfernten Jagdhaus „Dianalust“ eingeschoben werden. Das intakte Gebäude zählte zur Kette von Versorgungsunterkünften, mit denen das Königreich Bayern im 19. Jahrhundert den südlichen Spessart überzog. Eine Aufnahme zeigt den letzten König Ludwig III. inmitten einer Jagdgesellschaft.
Zurück, hält man sich vor dem Wolfsstein halb links abwärts im Gefolge des stilisierten Konterfeis von Hasenstab samt Flinte. Nach Ankunft im Kropfbachtal und Rechtswendung in eine Kastanienallee sichtet man gut 800 Meter weiter die von einem Sandsteinkreuz markierte Stelle, an der den Räuberhauptmann am 3. Juni 1773 sein Schicksal ereilte. Angeblich war es eine goldene Kugel, mit der ihn Förster Sator tötete. Zur Belohnung gab es 15 Gulden „Kopfprämie“.
Auch anschließend begleiten prachtvolle Kastanien das streckenweise biotopartige Tal, ehe wieder Wald einsetzt und bald am Richtungspfosten „Abzw. Schollbrunn“ die Bachseite gewechselt wird. Auf der anderen Seite geht es gleich rechts in den Pfad, mit dem sich die Szenerie drastisch wandelt. Eben noch luftige Vegetation, wuchert es nun wild, während der Kropfbach Stämme und moosbewachsenes Gestein umspült.
Knapp 1500 Meter weiter verlässt man den Hasenstabweg und quert mit dem Zeichen roter Strich abermals das Gewässer. Darauf erhält das Landschaftsbild eine zusätzliche Steigerung: den Steilhang, an dessen Absatz es entlanggeht, säumt ein ausgedehntes Feld mächtiger Sandsteinfelsen. Erst knapp vor der großen Wegekreuzung Sandacker, die man bei leichtem Hinan erreicht, endet dieser Abschnitt, aber noch nicht das Felsgebiet.

Nachdem rechts gen Altenbuch zum Zeichen rotes X gewechselt wurde, liegt auch hier locker verteiltes Gestein unter hohen Buchen. Ausgangs zweier großzügiger Kurven bleibt es zurück, und der Abstieg gen Altenbuch setzt ein. Das 1938 zu einer Gemeinde vereinte Ober- und Unteraltenbuch ist seither buchstäblich in die Länge gewachsen, und man muss ausgangs eine entsprechende Passage in Kauf nehmen. Abweichend von der Hauptstraße lässt sich zur Besichtigung der Wolfgangkirche der Ausschilderung „Trachtenhaus“ folgen; dahinter geht es zum ortsbeherrschenden Gotteshaus.
Selbst in diesem abgelegenen Dorf ließ der Landesherr von Unteraltenbuch, Kurmainz, 1770 einen barocken Neubau errichten. Nur war er nicht so groß wie heute. Ohne stilistischen Bruch wurden um 1900 zwei Querhausarme angefügt, und die Ausstattung wurde perfekt angepasst.
Anfahrt
Mit dem Fahrzeug über die A 3, Ausfahrt Rohrbrunn, und weiter gen Dammbach bis zum Abzweig nach fünf Kilometern in Richtung Altenbuch Der Ort wird auch am Wochenende einmal in der Stunde von Bussen der Linie 83 angefahren. Allerdings ist aus Frankfurt zweimal umzusteigen – in Aschaffenburg und Miltenberg oder Stadtprozelten.
Sehenswert
In den wenigen, einst bitterarmen Ortschaften des inneren Spessarts sind kaum Sakralgebäude von Rang anzutreffen. Die von Kurmainz anstelle einer Kapelle in Altenbuch um 1770 errichtete Pfarrkirche St. Wolfgang ist außergewöhnlich. Durch die erhöhte Lage auf Wirkung berechnet, entsprach sie dennoch nicht dem heutigen Aussehen. Erst die um 1900 angefügten Querhausarme vervollständigten gewissermaßen das barocke Bild. Auch die damals erneuerte Ausstattung, darunter ein säulengezierter Altar, wurde stilistisch perfekt angepasst. Durch das Besiedlungsverbot ihres ausgedehnten Jagdreviers sah sich Mainz primär zwei „Feinden“ im Spessart ausgesetzt – Wölfen und Wilderern. An die Jagd auf sie erinnern ein pyramidenartiger „Wolfsstein“ oberhalb von Altenbuch sowie ein Sandsteinkreuz im Kropfbachtal, wo der berüchtigte Räuberhauptmann Johann Adam Hasenstab sein Leben aushauchte.
