Im offiziellen Credo der Pilger von Maria Ehrenberg bei Motten in der bayerischen Rhön heißt es: „Mitten im Truppenübungsplatz, der daran erinnert, dass die Welt noch immer vom Krieg bedroht ist, kommen wir zur Königin des Friedens.“ Fürwahr, keine Wallfahrtsstätte könnte ungewöhnlicher und herausfordernder sein, als diese im Sperrgebiet des nach 1936 von den Nationalsozialisten geschaffenen Militärgebiets Wildflecken. Nach dem Zweiten Weltkrieg hielt die amerikanische Armee an dem 73 Quadratkilometer großen Areal fest, gefolgt von der Bundeswehr 1994.
In den Dreißigerjahren wurden alle Dörfer geräumt und das in Panzer- und Schießbahnen Stehende geschleift, einzig die Kirche auf dem 675 Meter hohen Ehrenberg blieb dank des Engagements eines Pfarrers sowie einiger Offiziere erhalten – und sogar zugänglich. Sonn- und feiertags, wenn die Kanonen schweigen, dürfen Besucher über ausgewiesene Wege zu dem einsamen Gotteshaus laufen oder fahren, vorrangig im Hauptpilgermonat August, wenn „Marias Himmelfahrt“ gedacht wird. In der Nacht vom 14. auf den 15. August, in Bayern ein Feiertag, bleibt man oben, um abends an der Vigilfeier und am nächsten Morgen am Hochamt teilzunehmen.

So weihevoll ging es auf dem Ehrenberg nicht immer zu, weniger angesichts der Gegebenheiten als vielmehr den Zeitumständen geschuldet. Kaum begann im frühen 16. Jahrhundert das Pilgerwesen zu einem als wundertätig verehrten „Heyligenstock“, bald abgelöst von einem spätgotischen Gnadenbild der Mutter Gottes, geriet es in den Strudel protestantischer Umwälzungen. Nach schwierigen Jahrzehnten setzte das Kloster Fulda 1666 mit einer Kapelle, dem 1721 die jetzige Kirche samt 250-Stufen-Treppe folgten, ein gegenreformatorisches Zeichen, das bis zum Ende der Fürstabtei 1802 weithin leuchtete.
Seit dem Übergang an Bayern im 19. Jahrhundert waren es Gläubige, die Maria Ehrenberg mit ihren Spenden unterhielten und auch nach 1945 ihren Bestand sicherten. Der Chor wurde 1958 erneuert, und zum Heiligen Jahr 2000 das Langhaus – trotz Goldfassung des Gnadenbildes – eher nüchtern ausgestaltet. Die heimelige Frömmigkeit vieler Pilgerstätten mit Kerzenmeer und Devotionalien besitzt der Ehrenberg nicht.
Um ihn aus der Distanz zu sehen und das mächtige Bergareal zu überschauen, gibt es den Aussichtsturm auf der 660 Meter hohen Großen Haube. Durch das Fehlen zivilisatorischer Eingriffe in dem Sperrgebiet vermeint man in eine Welt von paradiesischer Unschuld zu blicken, wäre nicht das Wissen um ihre besonderen Umstände.
Wegbeschreibung
Für die Kirche Maria Ehrenberg gibt es keinen näheren Zugang als vom Parkplatz „Wasserscheide“ an der B 27 südlich von Motten. Hin und zurück läuft man gut fünf Kilometer. Da die Kapazität dort begrenzt ist, ließe sich die Wanderung optional auch im Ortsteil Kothen beginnen. Man könnte auch vor Kothen gen „Westtor“ hinauffahren und oben starten. Hierbei ist aber zu berücksichtigen, dass das Militärgelände bis 16 Uhr verlassen werden muss.
Wählt man den Fußweg vom Parkplatz an der Wasserscheide von Rhein und Weser, läuft man geradeaus in die Felder, bald übergehend in Wald. Es gibt nur diesen nach der Schranke mäßig ansteigenden Weg. Für den letzten Kilometer ist es die breite Zufahrtsstraße zum Parkplatz. Die früher majestätisch frei stehende Kirche kann wahlweise links herum oder über die Himmelsleiter der 250 Stufen erklommen werden, begleitet von aufmunternden Versen einiger Madonnenplastiken. Zur körperlichen Stärkung darf es oben die kleine Sünde einer Vesper in der mit fränkischen Schmankerln aufwartenden Freiluftgaststätte sein.
Man läuft fast den gesamten Weg retour, erst vor dem Verkehrsschild „Linkskurve“ geht es die geschwungene Piste hinab. Warnschilder „Lebensgefahr“ erinnern daran, dass man sich selbst hier in gesperrtem Terrain bewegt; erst an der großen Kreuzung unten wird es rechts hinaus in den Oberen Grund verlassen. Da dieser Abschnitt durchweg asphaltiert ist, könnte auch ganz zurückgegangen und dann in die eigentliche Wanderrunde eingestiegen werden.
Hierfür stehen am Parkplatz links abwärts die Markierungen roter Tropfen und das rote „M“ des Premiumweges „Der Mottener“ bereit, dem man sich über weite Strecken anvertraut. Unten, nahe der Bundesstraße, treffen beide Varianten zusammen und biegen links in einen Pfad durch die zum Feuchtbiotop gewandelte Talung der Kleinen Sinn. Voraus ragt der mächtige Basaltmonolith namens Pilsterstein auf. Per Pfädchen erschließt das M den witterungsresistenten, zehn bis 20 Millionen Jahre alten Ausbruchsschlot. Was von unten betrachtet blockhaft wirkt, entpuppt sich in der Nähe als fast waagrecht geschichtet, ohne dass es zu sechseckiger Säulenbildung kam.

An der Felswand lässt man das weit ins Hinterland führende Wegzeichen M zunächst zurück und steigt wieder ab. Der Tropfen und mehrere Ziffern leiten, vorbei am historischen Sauerbrunnen, hinüber nach Kothen. Mit der Zeichenqualität ist es dort weniger gut bestellt, aber es geht stets an der Auersbergstraße entlang und auf der anderen Ortsseite hinaus. Der Asphalt setzt sich in offener Flur fort, der Preis dafür, dass die renaturierte Sinn keinen Uferweg mehr besitzt.
Nach gut einem Kilometer zwischen Hangwiese und Feuchtgebiet stößt man wieder zum M. Mit ihm quert man rechts das Flüsschen und kurz danach die Bundesstraße. Der lange Anstieg auf den Hauben-Höhenzug kann beginnen. Am Wiesenhang biegt man mit dem M zwei-, dreimal ab – dabei wird das Zeichen roter Winkel mitgenommen – und dann geht es im Wald ohne Unterlass geradeaus bergan.

Zum Verschnaufen ist ausgangs der langen Rampe eine Schutzhütte platziert. Nun kann man auf dem ebenen Gipfelpfad auf der bayerisch-hessischen Grenze eine abwechslungsreiche Galerie heimischer Baumarten sehen, selbst Heidekraut und Blaubeeren wachsen auf der knapp 600 Meter hohen Kleinen Haube. Der Anstieg zu ihrer noch etwas höheren großen Schwester beginnt an einer vielarmigen Kreuzung. Dort besteht auch die Möglichkeit, direkt zum Parkplatz zurückzukehren.
Dichter Laubbaumbestand lässt nicht erahnen, welch grandioses Rhön-Panorama vom eleganten, 24 Meter hohen Aussichtsturm der Großen Haube zu sehen ist. Im Norden zeichnen sich die Konturen von Wasserkuppe, Pferdskopf und Milseburg ab, während gegenüber das jungfräuliche Wildflecken-Massiv das Bild beherrscht.
Wieder die 122 Stufen abgestiegen, führt das M noch 150 Meter geradeaus, bevor es rechts in den unscheinbaren Hangpfad zu einem von dunklen Fichten umstellten Basaltsteinbruch aus der Zeit um 1900 weist. Danach links, geht es unverändert die Flanke hinunter, dann ein Stück vor dem Wald entlang, ehe es rechts abwärts zwischen Viehweiden und am Weiler Haubenhof weitergeht. An der nachfolgenden Gabelung wendet man sich nach links, ebenso an den nahen Bäumen.
Das Ziel ist nun fast in Sicht, allerdings lenkt ein merkwürdiges Gebilde davon ab: zwei schräg hintereinandergestellte „Ringe“ auf einem hohen Mast. Die Schautafel daneben verrät, dass es sich um die Installation einer der „Himmelsschauplätze“ des „Sternenparks Rhön“ zur individuellen Beobachtung der Gestirne handelt. Jetzt in den Tagen der Perseiden lohnt es sich besonders, wobei man zur Orientierung stets den Polarstern im Auge hat – justiert durch die beiden Ringe.
Die „Himmelfahrt“ endet wenige Schritte weiter mit dem Queren der Bundesstraße für den Zugang zum Parkplatz.
Anfahrt
Motten liegt etwa 15 Kilometer südlich von Fulda und ist via A 66, Ausfahrt Fulda-Süd, und die B 27 zu erreichen. Der Parkplatz „Wasserscheide“ liegt gut zwei Kilometer südlich davon. Die Straße zum Ehrenberg ist vom Ortsteil Kothen ausgeschildert. Motten wird am Wochenende nur bedingt von öffentlichen Verkehrsmitteln angefahren.
Sehenswert
Exponiert und exklusiv: An ungewöhnlicher Stelle ist die Wallfahrtskirche Maria Ehrenberg zu suchen. Sie steht auf 675 Meter Höhe inmitten des nach 1936 angelegten Truppenübungsplatzes Wildflecken in der Rhön. Nach persönlicher Fürsprache überdauerte sie die Räumung und durfte zunächst weiter als Pilgerziel eines spätgotischen Bildnis der Mutter Gottes dienen – selbst nach 1945 trotz militärischer Weiternutzung. Vorwiegend durch Spenden ließ sich die bis ins frühe 16. Jahrhundert reichende, im Barock neu erbaute Kirche bewahren und zuletzt – Chor (1958) und Langhaus (2000) – mit moderneren Elementen versehen. Sonntags darf der Gnadenort zu Fuß oder per Auto aufgesucht werden. Vom Aussichtsturm auf der 660 Meter hohen Großen Haube ist das Militärgelände, frei von jeglicher Bebauung, gut zu überblicken.
Öffnungszeiten
Sperrgebiet Wildflecken, sonn- und feiertags von 10 bis 16 Uhr (bis Oktober); Messe 10.30 Uhr; dann ist auch eine kleine Gaststätte geöffnet. Der Aussichtsturm auf der Großen Haube steht immer offen.
