Island ist neben Japan das einzige Land, das Finnwale kommerziell jagt. Laut Weltnaturschutzorganisation sind die Meeressäuger gefährdet, die zuständigen isländischen Behörden aber sagen, in den eigenen Gewässern gebe es genügend Finnwale. Im Ausland führt das regelmäßig zu Empörung. Viele Isländer aber haben einen eher pragmatischen Zugang zu den Tieren.
Auf der Insel ist das Klima rau. Über Jahrhunderte war das Leben sehr beschwerlich. Regelmäßig suchten Seuchen die Insel heim, und von der Feldarbeit konnte man kaum leben. Auch Bauern betätigten sich daher auf den kleinen Booten, die vor der eigenen Küste fischten. Der Fischfang sicherte das Überleben, wurde Teil der Identität. Eine Walfangnation aber war Island nicht. Wale nutzte man nur dann als Ressource, wenn sie an der Küste strandeten. Walfang weit draußen auf den Meeren betrieben die anderen, etwa die Norweger, die Island lange beherrschten.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Rund anderthalb Autostunden nördlich von Islands Hauptstadt Reykjavík, am Ende des „Walfjords“, hat Islands einziges aktives Walfang-Unternehmen Hvalur („Wal“) seinen Sitz. Es wurde 1948 von Loftur Bjarnason gegründet. Heute gehört es seinem Sohn Kristján Loftsson, einem Milliardär, der im Fischgeschäft zu einem der reichsten und auch einflussreichsten Männer des Landes wurde. Schon als Dreizehnjähriger fuhr Loftsson als Ausguck auf einem der Walfangboote seines Vaters mit. Er gilt als medienscheu, auf eine Interviewanfrage der F.A.S. antwortet er nicht.
Wale und Delphine sind äußerst intelligent. Sie können miteinander kommunizieren und sich selbst im Spiegel erkennen. Sie trauern um ihre toten Jungen, indem sie diese tagelang mit sich tragen, sie können sogar erlernte Verhaltensweisen wie Jagdmethoden und Werkzeuggebrauch weitergeben – also eine Art Kultur entwickeln.
Loftsson soll dazu im Jahr 2010 laut der Nachrichtenagentur AFP gesagt haben, das glaube er nicht, das seien nur die Ideen von „Verrückten“. Wenn Wale so intelligent seien, warum blieben sie dann nicht außerhalb der isländischen Hoheitsgewässer? „Wale sind für mich einfach nur ein weiterer Fisch, eine reichlich vorhandene Meeresressource, nichts weiter“, sagte er. Wenn man etwa Finnwalen erlaube, sich in den Gewässern um Island ungestört zu vermehren, „würden sie zu einer Plage werden“.
Oft braucht es mehrere Schüsse, bis ein Wal tot ist
Loftssons Unternehmen hat derzeit zwei Walfangschiffe im Einsatz, Hvalur 8 und Hvalur 9. Beide schon alt, ausgerüstet mit Harpunen, an deren Spitzen rund vier Kilogramm Sprengstoff befestigt sind, der tief im Körper der Tiere explodiert.
Eine Jagd kann dauern. Manchmal wird ein Wal mehrere Stunden verfolgt, bis er erschöpft und nah genug ist für einen Schuss. Oft braucht es mehrere Schüsse, bis er tot ist. Die Internationale Walfang-Kommission hat 1982 ein Walfangmoratorium beschlossen, aber Island erkennt es nicht an. In der Vergangenheit kam es bei der Jagd oft zu Tierschutzverstößen, weswegen es 2023 durch die damalige Fischereiministerin für einige Wochen sogar untersagt worden war.
Zwei Jahre hatte Loftsson auch keine Wale gefangen, es schien sich nicht mehr zu rentieren. Nun aber jagen seine Boote wieder. Das geschieht in den Sommermonaten, weit draußen im Meer. Laut Walschützern hat das Unternehmen bereits mindestens zehn Wale geschossen, einer davon soll trächtig gewesen sein. Die toten Tiere werden längsseits der Boote festgemacht und zur Verarbeitungsanlage gebracht, wo sie eine Rampe hinaufgezogen und mit Messern aufgeschnitten werden. Dafür klettern Männer in Gummistiefel auf die riesigen Tiere und schälen sie. Über die Fleischverarbeitungsanlage tönt laut Musik, die Stimmung scheint gut zu sein.

Die Landschaft rings um die Verarbeitungsanlage ist karg und weit. In einer felsigen Bucht daneben liegen zwei ausgemusterte alte Walfangschiffe, die Hvalur 6 und die Hvalur 7. Sie wurden 1986 von Aktivisten der Meeresschutzorganisation Sea Sheperd im Hafen von Reykjavík versenkt, irgendwann wieder gehoben, wurden aber nicht mehr in Betrieb genommen.
Paul Watson, der Sea Sheperd einst gegründet hatte, will nun auch die diesjährige Walfangsaison stören und hat das Schiff Bandero seiner „Captain Paul Watson Stiftung“ in isländische Gewässer entsandt. Er hat die Mission „Operation 86“ genannt, offenbar in Erinnerung an die Versenkung der Boote damals. Die isländische Küstenwache beobachtet sein Schiff.
Als der Walfang Mitte Juni wieder losging, kletterten einige Walfangaktivisten in Reykjavík in die Ausguckkörbe der beiden Walfangschiffe. Einer der Aktivisten fuhr darin von Reykjavík bis zur Walfangstation mit. Drei Stunden verbrachte er dort oben und fror. Die jüngste Hitzewelle in Europa war an Island vorbeigegangen.
80 Prozent der Isländer essen kein Walfleisch
Die vielen Touristen in Reykjavík tragen Fleecepullover und Regenjacken. Zu Hunderten flanieren sie über die Laugavegur, die Einkaufsmeile im Zentrum der Stadt. Ein Restaurant wirbt mit dem Menü „Papageientaucher und Wal“: Zum Start geräucherter Papageientaucher mit frischem Salat und Himbeer-Vinaigrette, als Hauptgericht dann Minkwal (auch Zwergwal genannt) mit frischem Gemüse, Ofenkartoffeln und Pfeffersauce.
Gut besucht sind die Ausfahrten zur Walbeobachtung. Verschiedene Anbieter im Hafen werben für diese „Abenteuertouren“. Auf kleinen, schnellen Booten fahren sie die Touristen raus in die Bucht von Faxaflói, die nördlich von Reykjavík beginnt. Die ist mit durchschnittlich 35 Metern vergleichsweise flach. Sie öffnet sich nach Westen in Richtung Atlantik, nahrungsreiches Tiefenwasser strömt hier herein und macht die Gegend zu einem Futterplatz für Wale. Oft kann man Finnwale, aber auch Buckelwale Minkwale, Delphine oder auch Orkas sehen.

Am Hafen in Reykjavík befindet sich auch das Walmuseum. Es zeigt lebensgroße Modelle der Tiere aus isländischen Gewässern. Die stärkste Nachfrage nach Walfleisch in Island komme von ausländischen Besuchern, steht dort. 80 Prozent der Isländer äßen nie Walfleisch, Walbeobachtung sei die bessere Alternative, als die Tiere zu essen.
In einem der Räume hängt ein riesiger Finnwal, die Tiere werden bis zu 25 Meter lang. Andächtig gehen die Besucher unter ihm hindurch. Finnwale sind nicht vom Aussterben bedroht, aber gefährdet. Dennoch gab die isländische Regierung in diesem Jahr die Erlaubnis, 150 Finnwale zu fangen.
Die Entscheidung basiert auf einem Gutachten des Hafrannsóknastofnun, das ist das unabhängige isländische Meeresforschungsinstitut. Für 2025 war das Töten von 209 Finnwalen erlaubt. Die Zahl wurde in diesem Jahr nicht etwa deshalb reduziert, weil es weniger Wale an Ort und Stelle gibt. Sondern weil zu diesen noch keine neuen Daten vorliegen. Also verringerten die Wissenschaftler die mögliche Fangmenge sicherheitshalber um 20 Prozent.
20.000 bis 30.000 Finnwale
Das Meeresforschungsinstitut hat seinen Sitz in einem modernen Gebäude direkt am Wasser in Hafnarfjörður, einer Stadt etwas südlich von Reykjavík. Im Erdgeschoss hat sich eine Gruppe fröhlicher Mitarbeiter versammelt, jemand hat Geburtstag, es gibt Kaffee und süße Stückchen. Oben treffen wir den Meeresbiologen Gudmundur Oskarson. Der muss lachen, als wir ihm erzählen, dass in Deutschland kürzlich ein gestrandeter Buckelwal für großes Aufsehen gesorgt hatte und dass die Behörden den Aktivisten erlaubt hatten, das Tier einzucremen, zu füttern und zu transportieren. „Ihr habt andere Mengen dieser Tiere“, sagt er.
In isländischen Gewässern gebe es 20.000 bis 30.000 Finnwale, sagt Oskarsson. Island habe nicht wie andere Nationen über Jahrhunderte die Wale gejagt. Wenn man aus den großen Vorkommen der Wale in isländischen Gewässern die von der Regierung erlaubte Anzahl entnehme, sei das „absolut kein Problem und im Rahmen internationaler Standards“. Auch Buckelwale könnte man eigentlich jagen, deren Population habe sich gut erholt, und die Tiere fräßen sehr viele Fische weg. Aber das Bejagen von ihnen sei unmöglich, Buckelwale hätten allein aufgrund ihrer Größe wohl einen „extra Kredit“ bei den Leuten.

Die Isländer haben einen sehr nüchternen Blick auf den Walfang. Kürzlich gab es zwar einen kleineren Protest in der Hauptstadt, aber die Teilnehmerzahl war überschaubar. Eine Mehrheit lehnt den Walfang laut Umfragen ab, aber kaum einen regt das Thema wirklich auf. Manche halten das Töten der großen Meerestiere für antiquiert. Andere sagen, wenn man keine Wale mehr töten dürfe, müsse man schon die Frage stellen, was dann eigentlich mit den Rentieren sei. Dürfe man die noch schießen? Und auch ein Lachs habe schließlich Gefühle. Immer schwingt dabei mit: Ihr von außen sagt uns Isländern bitte bloß nicht, was wir zu tun haben.
Die sozialdemokratisch geführte isländische Regierung will den Walfang verbieten, weil er nicht im öffentlichen Interesse sei. Im Herbst könnte ein Gesetz dazu kommen, aber es gibt innerhalb der Koalition noch Meinungsverschiedenheiten. Die Regierung strebt einen EU-Beitritt an – in der EU ist der Walfang aber streng verboten.
EU-Beitritt würde ein Ende des Walfangs bedeuten
Ende August sollen die Bürger Islands in einem Referendum darüber entscheiden, ob die Beitrittsverhandlungen mit der EU wiederaufgenommen werden sollen, die 2015 vorerst beendet worden waren. Bisher ist das Land bei dem Thema gespalten. Die Gegner befürchten, dass ein Beitritt den noch recht jungen Reichtum des Landes bedroht, dass künftig etwa Trawler aus anderen Ländern in den immer noch sehr fischreichen Gewässern rings um die Insel unterwegs sein werden.
Auch Loftsson, der Anteile an isländischen Fischereifirmen hält, dürfte einen EU-Beitritt ablehnen. Der isländische Tierschutzverband vermutet, dass Loftsson mit der „barbarischen Jagd“ auf die Wale versuche, die Beitrittsverhandlungen zu beeinflussen. Aus der Sicht des Verbandes wird der Walfang weiterverfolgt, um einen EU-Beitritt zu sabotieren – und so der Fischindustrie zu helfen.
Die Aktivistin Anahita Sahar Babaei von der Organisation „Hvalavinir“ (Walfreunde Islands) sagt, es gebe gar keinen Markt für das Fleisch, der Walfang sei nur die Trophäenjagd eines Milliardärs. Babaei wurde in Iran geboren, kam nach Island, um einen Film über den Walfang zu drehen. Dann aber blieb sie, erzählt sie lachend bei einem Gespräch in einem Café.

Sie kann schwärmen von Island, von der Friedfertigkeit der Leute, zugleich ist sie entsetzt von ihrem Umgang mit Tieren. Davon, dass sie Tausende Polarfüchse im Jahr schießen. Auch Eisbären, die auf Eisschollen den weiten Weg von Grönland herübertreiben.
Wenn es um den Walfang geht, gerät die Aktivistin in Wut. Sie saß selbst schon aus Protest in einem der „Krähennester“ auf einem Walfänger. Der Name „Loftsson“ ist für sie ein rotes Tuch, ihm scheint sie alles zuzutrauen. Und sie glaube, dass die Vergabe von Quoten zum Walfang pure Korruption sei, da in dem Land mit seinen weniger als 400.000 Einwohnern „jeder der Cousin von irgendjemandem“ sei.
Babaei bezweifelt auch, dass so viele Finnwale in der Fangregion leben, wie vom Meeresinstitut behauptet. Die Zählungen der Population seien falsch, behauptet sie, schließlich seien sie von Nammco finanziert, der North Atlantic Marine Mammal Commission, bei denen nur Walfangnationen wie Island und Norwegen Mitglied sind.
Die gängigen Korruptionsindizes bescheinigen dem nordischen Land allerdings, ziemlich vorbildhaft zu sein. Und was die Daten zu den Walpopulationen angeht, so sind diese zwar tatsächlich im Rahmen von NAMMCO-Unternehmungen erhoben worden, allerdings von unabhängigen Wissenschaftlern. Auch werden sie von einem internationalen Gremium aus Wissenschaftlern und Statistikern überprüft.
„Es sind nicht die Walfänger, die die Fangquoten für Finnwale in der NAMMCO festlegen“, sagt dazu der Meeresbiologe Mads Peter Jorgensen, der am Grönländischen Institut für Natürliche Ressourcen forscht und als einer der führenden Experten zu Finnwalen im Nordatlantik gilt. Er sagt, es gebe keine begründeten Zweifel an der Nachhaltigkeit des isländischen Walfangs, die Fangmengen lägen weit unter dem, was gefangen werden könnte, ohne dass die wachsende Finnwalpopulation um Island beeinträchtigt würde.
