
Wahl Sachsen-Anhalt 2026
Wo die AfD besonders leichtes Spiel hat
3. September 2026 · Die AfD kann in Sachsen-Anhalt eine absolute Mehrheit erreichen. Dabei könnte ihre Politik das Einkommen vieler Wähler erheblich schmälern. Warum wählen Menschen eine Politik, die ihnen schaden könnte?
Vor etwas mehr als 20 Jahren ging der amerikanische Historiker Thomas Frank der Frage nach, warum sich in seiner Heimat, dem US-Bundesstaat Kansas, viele Wähler aus der Arbeiterklasse der konservativen Partei angeschlossen haben. „Was ist bloß mit Kansas los?“, fragte er mit Blick auf den Erfolg der Republikaner, die seit dem Jahr 1964 keine Präsidentschaftswahl mehr in Kansas verloren haben, obwohl ihre Politik nach Einschätzung von Frank den wirtschaftlichen Interessen vieler Wähler in dem Bundesstaat zuwiderläuft..
Vor der anstehenden Landtagswahl in Sachsen-Anhalt lässt sich eine ähnliche Frage stellen. Denn die AfD liegt in Umfragen stabil über der Marke von 40 Prozent. Auch eine absolute Mehrheit und eine Alleinregierung der Rechtspopulisten sind möglich. Dabei würden die Pläne der Partei nach Einschätzung von Ökonomen der Wirtschaft in dem Flächenland schaden und könnten bei den Wählern zu Einkommensverlusten führen.
Die jüngste Studie dazu kommt vom Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH), das die Folgen eines Politikwechsels in Sachsen-Anhalt für den Arbeitsmarkt berechnet hat. Die Wirtschaftsforscher gehen davon aus, dass die angekündigte Remigrationspolitik und die Ablehnung „kulturfremder Fachkräfte“ durch die AfD das Angebot an Arbeitskräften in Sachsen-Anhalt verringern würden. Die damit verbundenen Wertschöpfungsverluste für die nächsten fünf Jahre beziffert das IWH auf etwas mehr als drei Milliarden Euro oder insgesamt rund vier Prozent der jährlichen Bruttowertschöpfung von 74 Milliarden Euro.
Um auf dem Arbeitsmarkt die Lücken zu schließen, die aufgrund der demographischen Entwicklung entstehen, müsse Sachsen-Anhalt in Zukunft noch attraktiver für Arbeitskräfte aus dem Ausland werden, sagt IWH-Präsident Reint Gropp. „Die AfD macht aber genau das Gegenteil“, sagt er. Die Bevölkerung Sachsen-Anhalts weist das höchste Durchschnittsalter unter allen Bundesländern aus. Fast ein Drittel der Erwerbsbevölkerung ist älter als 55 Jahre. Bis 2035 schrumpft sie laut Prognosen um zwölf Prozent. Die Politik der Rechtspopulisten schade dort am meisten, wo sie ihre besten Wahlergebnisse erzielen, stellt Gropp fest.
Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin ist diesem „AfD-Paradox“ schon länger auf der Spur: Gerade dort, wo die strukturellen Probleme und die Unterstützung für die AfD groß sind, würden die Rechtspopulisten die bestehenden Probleme mit ihrer Politik noch verschärfen, heißt es in der jüngsten Studie des DIW dazu. Den Nachweis erbringen die Wirtschaftsforscher mit der Simulation von wirtschaftlichen Schocks, die mit der von der AfD propagierten Politik auf Bundesebene verbunden wären.
„Wir haben vier Schocks simuliert: Einen Austritt aus der EU, einen Austritt aus dem Euroraum, Remigration in Verbindung mit Abwanderung und einen verlangsamten Ausbau der erneuerbaren Energien“, sagt DIW-Präsident Marcel Fratzscher. Die wirtschaftlichen Folgen wären in den Regionen besonders groß, wo die AfD in Wahlen zuletzt besonders stark abgeschnitten hat oder in Umfragen vorn liegt. „Sachsen-Anhalt verdeutlicht dieses Muster anschaulich“, schreibt das DIW mit Blick auf die anstehende Landtagswahl.
Hohe Verwundbarkeit für externe Schocks
Das Bundesland sei älter, strukturschwächer und stärker von kleineren Unternehmen geprägt als der Bundesdurchschnitt und deshalb durch wirtschaftliche Krisen verwundbarer. „Anderen Regionen würde es leichter fallen, sich nach einem Schock neu zu orientieren“, erklärt Fratzscher.
In der DIW-Simulation würden die realen Einkommen in Sachsen-Anhalt um mehr als sechs Prozent und damit 50 Prozent stärker als im Bundesdurchschnitt sinken. In den Landkreisen mit den höchsten AfD-Ergebnissen bei der Bundestagswahl – Mansfeld-Südharz, Burgenlandkreis und Salzlandkreis – fallen die Einkommensverluste in der Simulation noch größer aus.
Einkommensverluste in Sachsen-Anhalt
Um einen Austritt aus der EU oder aus dem Euroraum zu erwirken, reicht es nicht, eine Landtagswahl zu gewinnen. „Aber auch auf Landesebene kann viel passieren, der Wert ist deshalb eine gute Approximation“, sagt Fratzscher über die wirtschaftlichen Folgen für den Fall, dass die Rechtspopulisten ihr Programm in Sachsen-Anhalt umsetzen können. Die Remigration von Flüchtlingen ist Teil des 100-Tage-Programms, das die AfD gleich nach einem Regierungswechsel in Magdeburg realisieren möchte.
Warum wenden sich trotz der erwartbaren negativen wirtschaftlichen Folgen so viele Wähler in Sachsen-Anhalt der AfD zu? Das DIW selbst liefert mit seiner Analyse der Bundestagswahlergebnisse 2025 einen Teil der Antwort. Wirtschaftliche Faktoren wie das verfügbare Einkommen oder die Arbeitslosigkeit sind für die Stärke der AfD demnach zwar relevant, spielen bei der Erklärung regionaler Unterschiede in den Wahlergebnissen aber nur eine untergeordnete Rolle.
Demographie bestimmt die Stärke der AfD
Auch das Thema Migration spielt – wenn überhaupt – eine untergeordnete Rolle, zumindest was die beobachtbaren Fakten betrifft. Wo es einen Zusammenhang gibt, fiel er zuletzt überraschend aus: Vor allem in Ostdeutschland hat die AfD bei der Bundestagswahl 2025 gerade dort stärker abgeschnitten, wo der Ausländeranteil besonders niedrig ist.
Der wichtigste Faktor ist die Demographie. „Dort, wo junge, gut qualifizierte Menschen weggehen, ist der Zweitstimmenanteil der AfD substanziell höher“, sagt Fratzscher. Dieser Zusammenhang lasse sich zum Beispiel anhand der AfD-Ergebnisse in Landkreisen mit einem höheren Anteil von Menschen im Alter von mindestens 60 Jahren oder in Kreisen mit geringer Abiturquote nachweisen.
Mit acht sozioökonomischen Strukturmerkmalen ließen sich bei der Bundestagswahl laut DIW insgesamt 85 Prozent der regionalen Unterschiede beim Zweitstimmenanteil der AfD erklären. Dabei hätten die strukturellen Unterschiede zwischen den verschiedenen Regionen bei der Wahl im Jahr 2025 einen deutlich größeren Einfluss auf das Wahlverhalten gehabt als vier Jahre zuvor. „Die Größe der Effekte hat für die meisten Variablen zugenommen“, sagt Fratzscher. Das sei ein Zeichen für eine wachsende Polarisierung.
Auch Emotionen schaffen einen Nutzen
Für die Politik folge aus diesen Befunden, dass sie den falschen Fokus setze, wenn sie sich auf Migration und ökonomische Fragen verenge, sagt Fratzscher. Wo junge Menschen abwandern, gebe es vor allem einen Mangel an Perspektive. „Kneipen und Geschäfte schließen, Schulklassen und Krankenhäuser werden zusammengelegt, die Infrastruktur wird ausgedünnt“, beschreibt der Ökonom die Symptome der Perspektivlosigkeit, die in strukturschwachen Landkreisen für Frustration sorgen.
Auch für IWH-Präsident Gropp stehen ökonomische Beweggründe vor der Wahlentscheidung in Sachsen-Anhalt nicht im Vordergrund. „Offenbar werden andere Faktoren höher gewichtet, es geht in diesem Wahlkampf sehr stark um das Lebensgefühl und andere emotionale Dinge“, sagt der Ökonom. Der AfD gelinge es besser als anderen Parteien, die Menschen auf dieser Ebene anzusprechen. „Damit schafft die AfD für ihre Wähler zwar kein zusätzliches Einkommen, aber sehr wohl einen Nutzen“, sagt Gropp.
Der Historiker Thomas Frank kam vor mehr als 20 Jahren im Falle von Kansas zu einem ähnlichen Schluss. Den Republikanern sei es gelungen, mit emotional aufgeladenen Themen wie Abtreibung und Migration Wähler an sich zu binden, deren wirtschaftliche Interessen bei anderen Parteien besser aufgehoben wären, lautete eine seiner Thesen. Donald Trump hat in Kansas bei seinen drei Anläufen auf die US-Präsidentschaft dreimal gewonnen. Über die politischen Kräfteverhältnisse in dem Bundesstaat im Mittleren Westen und die Emotionalisierung der Politik wundert sich schon lange niemand mehr.
