
Ausgerechnet ein Bio im Namen trägt das einzig nennenswerte börsennotierte Unternehmen aus Sachsen-Anhalt, die Vereinigte Bioenergie, kurz Verbio. 36 Jahre nach der deutschen Einheit ist es die einzige unternehmerische Idee aus dem Land, der Börseninvestoren eine passable Zukunft vorhersagen und ihr Geld anvertrauen; gegründet und immer noch geführt von dem aus einer bayerischen Agrarhandelsfamilie stammenden Claus Sauter.
Verbio ist im S-Dax notiert und kommt aktuell immerhin auf zwei Milliarden Euro Börsenwert. Höher schaffte es einst nur Q-Cells, das von West-Berlinern und Briten gegründete und wegen ansprechender Förderungen in Thalheim in Sachsen-Anhalt angesiedelte Solarunternehmen, das dann jedoch ebenso in eine Insolvenz geriet wie der dritte einigermaßen bekanntere Börsenwert aus Sachsen-Anhalt, die Mitteldeutschen Fahrradwerke Mifa.
Sachsen-Anhalt ist also eine Börsenwüste. Kein Wunder, dass es am Tag nach der Landtagswahl keine außergewöhnlichen Kursreaktionen an der Börse gab. Der Dax zeigte sich am Vormittag einen Hauch im Minus um 26.000 Punkte. Verbio legte um gut ein Prozent im Kurs zu. Die Kapitalmarktleere Sachsen-Anhalts ist eines der Probleme des Landes. Unternehmenshauptsitze bringen Arbeitsplätze und Steuereinnahmen. Es fehlt an Gründergeist, unternehmerischem Mut und erfolgreichen Umsetzungen.
Kaum wirtschaftliche Bedeutung
Das ist allerdings kein Alleinstellungsmerkmal von Sachsen-Anhalt. Die SpaceX, Anthropics und SK Hynix dieser Welt sind auch nicht in Baden-Württemberg oder Nordrhein-Westfalen entstanden.
Dass die Börse gelassen reagiert auf den Wahlerfolg der AfD, liegt auch an der geringen Bedeutung der Landespolitik. Wirklich großen kurzfristigen wirtschaftlichen Einfluss hat sie nicht. Zudem steht Sachsen-Anhalt für weniger als drei Prozent der Einwohner Deutschlands und für noch weniger Anteil an der Wirtschaftsleistung.
Die Analyseabteilungen der Banken und Vermögensverwalter äußerten sich daher nach der Wahl denn auch weniger dazu, wie es nun in Sachsen-Anhalt weitergeht, sondern eher mit Blick auf die Berliner Politik. Die meisten gehen davon aus, dass die Nervosität in der Bundespolitik zwar steigt, hoffen aber, dass die zögerlichen Ansätze an Sozial- und Wirtschaftsreformen nun wenigstens planmäßig umgesetzt und nicht zerredet werden.
Rechte Parteien werden an der Börse nicht per se negativ gesehen
Dass eine rechte Partei deutliche Stimmenzugewinne erzielte, wird an der Börse auch nicht grundsätzlich als negativ angesehen. Während der Regierung Meloni hat sich die italienische Börse überdurchschnittlich gut entwickelt und zum Beispiel den Dax deutlich hinter sich gelassen. Gerade hat die Regierung Meloni mit ihren knapp vier Jahren im Amt sogar einen Rekord für italienische Verhältnisse aufgestellt – so viel politische Stabilität gab es dort seit dem Zweiten Weltkrieg noch nie.
Belgien und die Niederlande sind Beispiele für Länder, deren Regierungsbildung oft viele Monate dauert und wackelige Vielparteienkonstrukte hervorbringt, ohne dass dies die wirtschaftliche Entwicklung oder die Börsen stark beeinträchtigt hätte.
Die Politik ist den Börsen nicht egal. Solange Unternehmen einigermaßen rechtssicher arbeiten können und die Politik sie nicht allzu sehr stört, ist die Welt aus Börsensicht in Ordnung. Es gibt zudem genug Beispiele, in denen Unternehmen ihren Sitz oder zumindest Produktionsstätten verlagert haben, wenn ihnen die Standortbedingungen zu belastend oder heikel wurden.
Insofern haben die Börsen eine globale politische Brille auf und unterliegt Politik dem internationalen Wettbewerb um gute Standortbedingungen für Unternehmen und für die Lebensbedingungen ihrer Mitarbeiter. All das fließt langfristig auch in Unternehmensbewertungen an der Börse ein. Das ändert sich aber selten an nur einem Wahlabend. Da warten die Kapitalmärkte gerne auf Ergebnisse, was letztlich am Ende für eine Politik herauskommt. Spekulationen über Untergangs- oder Wiederauferstehungsszenarien werden mit geringeren Eintrittswahrscheinlichkeiten bedacht als das Basisszenario, dass sich durch eine Landtagswahl erst einmal nicht allzu schnell allzu viel an den grundlegenden Rahmenbedingungen ändert.
