„Ich habe dem Merz gesagt, dass bei uns die Leute keine Betriebsrente haben“, sagt Manuela Schwesig zu den Rentnern. Die sitzen am Biertisch um die Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern, hinter ihnen das Gebäude der Freiwilligen Feuerwehr von Benz, einem kleinen Örtchen in Nordwestmecklenburg. Am Tisch sind die Sorgen groß, es geht um die geplante Rentenreform. Sie sei zuversichtlich, dass die so nicht komme, sagt die Ministerpräsidentin. „Ich war die Erste, die sie kritisiert hat.“ Jetzt gebe es sieben weitere Ministerpräsidenten, die es genauso sähen.
Wie so oft bei ihren Wahlkampfauftritten hat Schwesig auch an diesem sonnigen Septembertag erst eine kurze Rede gehalten, jetzt beantwortet sie Fragen. Dabei präsentiert sie sich als Kämpferin für die Interessen der Leute auf dem Land, wo die Renten klein sind und die Sorgen groß. Und wie immer nimmt Schwesig die Bundesregierung als Punchingball, als wäre ihre eigene Partei nicht Teil von dieser.
Die SPD holt in den Umfragen auf
Schwesigs SPD hat in den Umfragen ein erstaunliches Comeback hingelegt, steht wenige Tage vor der Landtagswahl bei 35 Prozent. Noch vor einem Jahr waren es 19 Prozent gewesen. Die AfD liegt nur noch knapp davor bei 37 Prozent. Kurz vor der Wahl läuft es nun auf ein Duell zwischen Schwesig und ihrem Herausforderer Leif-Erik Holm von der AfD heraus. Es ist ein Zweikampf, den Schwesig sucht. Weil dieser sie als die einzige Alternative zur Alternative für Deutschland erscheinen lässt. Die SPD hat riesige Plakate von Schwesig aufgestellt. Darauf der Spruch: „Die Frau gegen Blau“.
Kommen die Grünen in den Landtag, kann Schwesig sich Hoffnungen machen, zusammen mit diesen und der Linken weiter zu regieren. Aber sie rät bei Wahlkampfauftritten von der Wahl der Grünen ab, will die SPD ganz nach vorne bringen. Nur eine Stimme für die SPD sei die einzige sichere Möglichkeit, sie selbst zu unterstützen, sagt Schwesig dann.
Holm und Schwesig greifen sich im Wahlkampf scharf an, schrecken auch nicht vor persönlichen Herabwürdigungen zurück. Doch begleitet man die beiden über das Land, dann zeigen sich bei allen Unterschieden auch Ähnlichkeiten: Beide nutzen die Bundesregierung in Berlin, um sich davon abzusetzen. Beiden geht es zuvorderst um die gleichen Themen, von der Rente über die Pflege bis hin zur Bildung. Beide sind nah dran an den Leuten, haben ein Gespür für die Themen vor Ort. Aber da hören die Ähnlichkeiten auch auf. Ihre Sicht auf die Welt wie auf ihr Land unterscheidet sich fundamental. Während Schwesig Zuversicht zu verbreiten sucht, schürt Holm die Sorgen.
Holm und Schwesig konkurrieren auch im Wahlkreis
Schwesig und Holm treten nicht nur um das Amt des Ministerpräsidenten gegeneinander an, sie konkurrieren auch noch um ein Direktmandat in Schwerin. In einer dortigen Schule sitzt Schwesig an einem Morgen Mitte September im Halbkreis mit anderen Kandidaten. Ihnen gegenüber Schüler, die zusammen mit der Landeszentrale für politische Bildung zu der Diskussion geladen haben. Schließlich dürfen erstmals im Land auch Jugendliche ab 16 Jahren abstimmen.
Die Schüler haben Fragen vorbereitet, zunächst soll aber jeder Kandidat erzählen, wie er in die Politik kam. Bei Schwesig lief das über das soziale Engagement. Als Kind sei sie zum Sport und in eine Jugendtanzgruppe gegangen, habe deutsch-polnische Ferienlager betreut, erzählt sie. „Schön, dass ihr da seid“, ruft sie den Schülern zu. Das hier sei vielleicht bisschen besser als Deutsch oder Mathe. Auf die Frage nach Verbesserungsmöglichkeiten für Jugendliche in der Stadt antwortet sie detailliert, berichtet von den Sanierungen unterschiedlicher Schulen, als wäre sie Kommunalpolitikerin.
Schwesig ist seit neun Jahren Ministerpräsidentin, zuvor war sie Familienministerin im Bund. In Schwerin regierte sie erst mit der CDU, dann mit der Linkspartei. In der Zeit zeigte sie sich inhaltlich flexibel bis hin zur Verbiegung, was am deutlichsten in der Russlandpolitik zu sehen ist. Sie kann zuspitzen und hat ein gutes Gespür für die Leute.
Den Schülern will sie mitgeben, dass alle „gut genug“ seien, alle „etwas auf die Kette“ bekämen. Und sie nutzt den Auftritt, um gegen die AfD auszuteilen. Die hetze Schüler gegen Lehrer auf, schaffe „Angst und Spaltung“, rede den Jugendlichen ein, dass sie bald in den Krieg ziehen müssten. Außerdem wolle die AfD die Landeszentrale für politische Bildung abschaffen, die doch diese wichtige Veranstaltung hier organisiert habe.
Die AfD ist an manchen Orten längst Volkspartei
Auf dem Podium sitzt auch die AfD-Kandidatin Petra Federau. Die verteidigt sich und ihre Partei. Dass die AfD die Landeszentrale abschaffen wolle, sei „Fake News“, man sehe nur „Einsparpotential“, wolle „verschlanken“. Federau wünscht den Schülern zum Abschied, dass sie etwas aus ihrem Leben machen, aber „niemals Brandmauern“ ziehen.
Die Schule liegt im Stadtteil Müßer Holz, einem Schweriner Problemviertel, geprägt von großen in die Jahre gekommenen Plattenbauten. Hier ist die Arbeitslosigkeit groß, ebenso der Anteil von Menschen mit Migrationshintergrund. Federau fährt im Anschluss an die Diskussion mit den Jugendlichen mit einem AfD-Bus mit der Aufschrift „Heimatretter“ vor einen örtlichen Supermarkt, baut einen Wahlkampfstand auf.

Leute kommen und begrüßen sie herzlich, machen Selfies mit ihr, und sie verteilt Süßigkeiten. „Und noch ein Deutschlandfähnchen für die Mäuse?“, fragt sie in Richtung der Kinder. Die AfD ist hier längst Volkspartei und tief im Land verwurzelt. Das ist auch bei den vielen Großveranstaltungen („Bürgerfesten“) zu sehen, die die Partei meist in kleinen Ortschaften abhält. Dort, wo ohnehin fast nur noch AfD-Plakate an den Laternenmasten hängen.
Dann kommen neben Rentnern auch viele Familien mit Kindern, auch viele Arbeiter sind zu sehen. Und viele haben eine Wahnsinnswut auf die Politik. Wegen der Teuerungen, der Rente, der Flüchtlinge und weil man angeblich nicht mehr sagen kann, was man denkt.
Escort-Mitarbeiterin, Bankräuber und Leute mit NPD-Vergangenheit
Federau soll einst als Leiterin eines Escort-Services Frauen in arabische Länder vermittelt haben. Aber damit sorgt sie neben den anderen erstaunlichen Personalien bei der AfD kaum mehr für Aufsehen. In Rostock kandidiert für die Rechtspopulisten ein verurteilter Bankräuber. Als das Wellen schlug, versprach er, sein Mandat nicht anzunehmen. In der Partei gibt es auch mehrere Führungsfiguren mit rechtsextremistischer Vergangenheit, die etwa bei der NPD-Jugend waren. Darunter der Generalsekretär der Partei, Dario Seifert, aber auch der einflussreiche Fraktionsmitarbeiter Daniel Fiß, der zudem einst führender Kopf bei der rechtsextremen „Identitären Bewegung“ war.

Holm sagt dazu, man müsse „jedem zugestehen, dass er neue Einsichten gewinnt“, die Leute hätten sich „persönlich weiterentwickelt“. Er beschreibt die AfD als eine Partei „wie die CDU vor 30 Jahren“. Der Sechsundfünfzigjährige tritt im Gespräch freundlich auf. Meist in Jeans und Hemd, die Ärmel hochgekrempelt. Der AfD-Bundestagsabgeordnete wurde in Schwerin geboren, machte eine Lehre als Elektromonteur, arbeitete dann lange als Radiomoderator. Wenn er bei Wahlkampfauftritten flüssig von einem Thema zum nächsten überleitet, dann klingt das immer noch ein bisschen wie bei „Antenne MV“.
Bei Auftritten vor AfD-Anhängern teilt er aus, bezichtigt Schwesig der Lüge, wenn sie so tue, als habe sie mit Berlin nichts zu tun. Der SPD wirft er „Genossenfilz“ vor, als Ministerpräsident will er „sofort“ den Rundfunkstaatsvertrag kündigen, Windkraftanlagen nennt er Monstren, ausreisepflichtige Asylbewerber sollen nach einer AfD-Regierungsübernahme nur noch „Bett, Brot und Seife“ erhalten.
Holm warnt vor einem Anstieg von Kriminalität, für den er die illegale Einwanderung verantwortlich macht; in Schwerin bei ihm ums Eck habe es jetzt einen „Messertoten“ gegeben. Den Menschen verspricht er „mehr Netto vom Brutto“, dazu ein Ende der Grunderwerbsteuer für junge Leute. Weiterhin fordert Holm, die Nord-Stream-Pipelines müssten repariert, die Beziehungen zu Russland normalisiert und die Ukraine-Hilfen gestoppt werden.
Viele haben Angst vor Krieg – Schwesig versucht zu beruhigen
Die Haltung zu Russland teilen im Land viele. Schwesig hat in der Frage eine erstaunliche Kehrtwende hingelegt. Einst war sie eine der treuesten Befürworterinnen von engen Beziehungen zu Moskau. Unter ihrer Führung wurde die sogenannte Klimastiftung gegründet, als amerikanische Sanktionen die Fertigstellung der Nord-Stream-2-Pipeline bedrohten. Die Stiftung baute die Gasröhren dann mit russischem Geld fertig. Infolge des Angriffs auf die Ukraine schwenkte Schwesig um, bezeichnete ihr Engagement für die Pipelines als Fehler, reiste nach Kiew, setzte sich für das angegriffene Land ein.
Bei Wahlkampfauftritten macht sie das nicht zum Thema. Aber indirekt geht es doch darum. Etwa, wenn ihr die Menschen die Angst vor einem Krieg schildern. Ein alter Mann, Hörgeräte hinter den Ohren, fragt Schwesig, ob er denn noch eingezogen werde. Aber nein, das werde doch nicht passieren, sagt Schwesig und tätschelt dem Mann den Arm. Sie selbst wolle doch nur Frieden, habe zwei Kinder, 10 und 19 Jahre alt. Kein Politiker wolle Krieg. „Es ist auch nicht so, dass jemand in den Krieg ziehen soll.“ Auch wenn die AfD das immer wieder behaupte. Und was die Aufrüstung angehe, sei es wichtig, dass „unsere Marine“ gut ausgestattet sei. Außerdem profitiere der Nordosten von dem vielen Geld, das nun in die Werften fließe.

Vor dem Hintergrund all der Sorgen versucht Schwesig sich von Holm abzusetzen, der keinerlei Regierungserfahrung hat. In diesen Zeiten, „in einer Welt aus den Fugen“, müsse man erfahren sein, um das Land zusammenzuhalten und dessen Interessen in Berlin zu vertreten, sagt sie etwa. „Da kann man nicht denken, wenn man nicht mal Bürgermeister war, das kriege ich auch hin.“
Schwesig ist im Nordosten weiterhin sehr beliebt. 57 Prozent der Befragten sind zufrieden mit ihr, bei einer Direktwahl erhielte sie 60 Prozent, Holm nur 25. Auch die rot-rote Landesregierung schneidet in den Umfragen gut ab.
Die Teuerungen bei Sprit und Lebensmittel trifft die Leute hart
Angesichts der Lage ist das erstaunlich: Mecklenburg-Vorpommern ist weiterhin sehr strukturschwach, bei Durchschnittseinkommen und -rente gehört es zu den Schlusslichtern, und auch in der Bildungspolitik liegt vieles im Argen. Da die SPD im Land seit 28 Jahren den Ministerpräsidenten stellt, von denen neun Jahre Schwesig regiert hat, müsste eigentlich auch sie sich dafür verantworten. Aber Schwesig sucht die Sache umzudrehen, verbreitet eine Aufwärtserzählung: Die Abwanderung sei gestoppt, das Wirtschaftswachstum größer als im Bund. Und Projekte wie das große Rechenzentrum bei Rostock, dessen Ansiedlung sie wenige Wochen vor der Wahl ankündigte, zeigten, dass die Richtung stimme.
Zugleich versichert Schwesig, sie sehe die Sorgen der Menschen. Etwa wegen der hohen Lebensmittel- und Spritpreise sowie wegen der drohenden Kürzungen bei Pflege und Rente. Vehement setzt sie sich gegen ein Ende der abschlagsfreien Rente nach 45 Beitragsjahren ein. Immer wieder nennt sie an der Stelle ihren eigenen Vater, einen Schlosser mit „kleinem Lohn“ zu DDR-Zeiten, der später auf dem Bau arbeitete und in der Folge eine geringe Rente bekommen habe. So gehe es vielen im Land. Auch deswegen setze sie sich so bei den Themen in Berlin ein.
Auch Holm nennt seine Eltern, aber für eine Erzählung des Niedergangs. Seine Eltern hätten sich nach der Wende wie so viele umorientiert, nun hätten sie ihr Häuschen endlich abbezahlt. „Und jetzt kommt der Staat und sagt, dass sie das für Pflege abgeben sollen.“
Holm macht nun auch Ausfahrten mit Simson-Mopeds, so wie die AfD in Sachsen-Anhalt. Simsons waren in der DDR eine Möglichkeit, als Jugendlicher rauszufahren, Freunde zu treffen. Sie stehen für Freiheit. Im Wahlkampf dienen sie darüber hinaus auch als Symbol für eine zuletzt stärker werdende Heimatverortung, für eine wie auch immer geartete „Ost-Identität“, schließlich wurden die Mopeds einst in Thüringen gebaut.
Die AfD nutzt die Simons aber auch darüber hinaus als Zeichen gegen all das, was sie hasst, etwa die Elektromobilität, vielleicht auch die Urbanität und natürlich Brüssel mit seinen Vorgaben gegen Verbrenner. Mit dem Spruch „Simson statt Lastenrad“ warb die AfD-MV unlängst für eine Ausfahrt über das flache Land nach Ludwigslust. Auf dem Video davon, das die Partei teilte, sieht man eine Gruppe Moped-Fahrer mit AfD- und Deutschlandflaggen durch die Alleen knattern, vorneweg ein grinsender Holm.
Unterlegt ist das Video mit einem Lied, in dem es heißt, in diesem „Sommer der Freiheit“ sei alles möglich. Und: „was bisher war, das ist Geschichte. Wir werden wieder leben.“ Schwesig versucht selbst das zu parieren. Auch sie baut die Mopeds nun in ihre Wahlkampfauftritte ein. Mit 15 habe sie den Führerschein für die Simson gemacht, erzählt sie den Schülern bei der Veranstaltung in Schwerin. Damit sei sie das erste Mal selbst zur Disko und zum Baggersee gefahren.

