Geldpolitiker und Finanzaufseher betrachten den wachsenden Markt für Stablecoins mit wachsendem Interesse. Allein auf der jüngsten Generalversammlung der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ), der Bank der Zentralbanken, beschäftigten sich mehrere Vorträge und Diskussionsrunden mit dem Thema.
Ein Stablecoin, auf Deutsch eine „stabile Münze“, ist ein privat ausgegebener digitaler Kryptowert („Token“), dessen Wert zumeist – es existieren Ausnahmen – durch werthaltige Anlagen des Emittenten abgesichert wird. Gehalten werden Stablecoins in digitalen Geldbörsen („Wallets“). Die meisten Nutzer halten sie in eigenen Wallets, eine Minderheit lässt sie von einem Anbieter in einem Kundenkonto verwahren.
Dominanz des Dollars
Vom Marktwert von rund 320 Milliarden Dollar aller Stablecoins entfallen 99,6 Prozent auf Dollar-Produkte. Euro-Stablecoins tragen 0,2 Prozent zum Marktwert bei, der verbleibende Rest auf weitere Währungen. Das Stabilitätsversprechen des Stablecoins gegenüber einem Referenzwert unterscheidet ihn von einer Kryptoanlage wie Bitcoin.
Die beiden größten Stablecoins sind USDT des Emittenten Tether mit einem Marktwert von rund 190 Milliarden Dollar und USDC des Emittenten Circle, der auf einen Marktwert von 80 Milliarden Dollar kommt. Circle hat seinen Sitz in den Vereinigten Staaten; Tether stammt aus den Vereinigten Staaten, doch ist die Muttergesellschaft heute in El Salvador domiziliert.
Die Deckung der beiden unverzinslichen Stablecoins besteht mehrheitlich aus kurz laufenden amerikanischen Staatspapieren. „USDT und USDC sind im Wesentlichen tokenisierte Forderungen auf Portfolios aus kurzfristigen US-Staatsanleihen: Jeder Token wird zum Nennwert gegen Schatzwechsel als Sicherheiten ausgegeben, und der Emittent hält die zugrunde liegenden Schatzwechsel bis zur Rückzahlung“, schreibt ein Autorenteam um den Ökonomen Edwar S. Prasad (Cornell University).

Der Euro bleibt als Emissionswährung für Stablecoins bislang unbedeutend. Mehr als die Hälfte der bescheidenen Marktkapitalisierung von rund 600 Millionen Euro entfällt auf das Produkt EURC des amerikanischen Emittenten Circle. Der im Sommer 2025 von deutschen Emittenten aufgelegte, durch Bankeinlagen und Anleihe abgesicherte Stablecoin EURAU kommt bislang nur auf gut eine Million Euro. Für die zweite Jahreshälfte 2026 ist der Markteintritt von Qivalis angekündigt, einem von 37 europäischen Banken, darunter der DZ Bank, unterstützten Projekt.
Die globale, vom Dollar dominierte Marktkapitalisierung für Stablecoins ist in den vergangenen Jahren kräftig gewachsen, allerdings hat die Dynamik in den vergangenen Monaten abgenommen. Das gilt auch für das Handelsvolumen: Zwar erfasst Visa für den Juni 2026 Handelsumsätze in USDC von 1,8 Billionen Dollar; das waren 125 Prozent mehr als im Vorjahresmonat. Für das gesamte erste Halbjahr 2026 ergibt sich allerdings ein Rückgang gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Die Umsätze in USDC (Circle) sind traditionell höher als die Umsätze in USDT (Tether), obgleich der Tether-Stablecoin über eine mehr als doppelt so große Marktkapitalisierung verfügt.
Das traditionelle Geld bleibt viel wichtiger

Der Markt verdient Aufmerksamkeit und Analyse, eine ernsthafte Herausforderung für das etablierte Geldsystem lässt sich bislang jedoch nicht herleiten. Die Marktkapitalisierung von gut 300 Milliarden Dollar entspreche nicht einmal einem Prozent der Dollar-Geldmenge, betonte die Ökonomin Gita Gopinath (Harvard University) in einem Vortrag am Rande der Generalversammlung der BIZ. Die Dollar-Geldmenge beläuft sich derzeit auf rund 36 Billionen Dollar, bestehend aus 19,1 Billionen Dollar Bankeinlagen auf Konten in den Vereinigten Staaten, 14,5 Billionen Dollar Bankeinlagen auf Konten außerhalb der Vereinigten Staaten und 2,5 Billionen Dollar Banknoten und Münzen.
Eine Diskussion lässt angesichts der Sorgen vor einem weiter zunehmenden Einfluss der Vereinigten Staaten durch die Dominanz des Dollars ein Zurückbleiben Europas befürchten. Eine weitere Abhängigkeit von amerikanischen Zahlungsinfrastrukturen gestatte es den Vereinigten Staaten, Standards, Abhängigkeiten und womöglich ihre Währung zu exportieren, schrieben Christoph Burger und Joachim Wuermeling vor rund drei Monaten in der F.A.Z. Und sie setzten düster fort: „Die geopolitische Dimension ist ebenso nüchtern. In Fremdwährungen denominierte Stablecoins können die monetäre Souveränität gefährden. Denn wird die eigene Währung verdrängt, verliert die Zentralbank an Steuerungsfähigkeit. Für Unternehmen gilt Ähnliches. Wer Einkauf, Löhne und Steuern in Euro bezahlt, braucht auch digitale Liquidität in Euro – um Wechselkursrisiken, Komplexität und Unsicherheit zu vermeiden.“
Angesichts der gegenwärtigen Bedeutung des Markts für Stablecoins erscheinen diese Befürchtungen ebenso übertrieben wie die Vermutung, Donald Trump und seine Leute schüfen mit den Stablecoins einen weiteren großen Absatzmarkt für amerikanische Staatspapiere. Auch Sorgen von Geschäftsbanken, die Nutzung von Stablecoins im internationalen Zahlungsverkehr werde ihre Gewinnmargen in diesem Geschäft schmelzen lassen wie der Sommer einen Schneeball, lassen sich hinterfragen.

Ökonomen werfen mit Blick auf Stablecoins zusätzlich die Frage nach der Einheitlichkeit des Geldes auf. Das Wertverhältnis zwischen Bargeld und Bankeinlagen einer Währung ist traditionell konstant. Aber kann man sich auf eine Konstanz des Wertverhältnisses von Stablecoins zu Bargeld und Bankeinlagen verlassen? Frank Smets, der Chefökonom der BIZ, zeigte sich im Gespräch mit der F.A.Z. nicht überzeugt. „Mit Stablecoins ist das nicht immer gewährleistet; ihre Preise können schwanken und dadurch die Bedingung der Einheitlichkeit von Geld nicht erfüllen.“ (F.A.Z. vom 28. Juni 2026). Zudem gebe es rechtliche und regulatorische Fragen, zum Beispiel im Zusammenhang mit Geldwäsche, Finanzierung des Terrorismus und anderen illegalen Aktivitäten. Der Wert eines Stablecoins hänge vom Reservevermögen des Emittenten, seinem Einlösungsversprechen, der rechtlichen Struktur und dem Vertrauen des Marktes ab, sagte Bundesbankpräsident Joachim Nagel Mitte Juni auf einer Veranstaltung in Eltville.
Gute Regulierung steigert nicht die Attraktivität
Aus europäischer Sicht lohnt in jedem Fall die Frage, warum der Euro im Geschäft mit Stablecoins scheinbar hoffnungslos hinter dem Dollar zurückbleibt. Eine Spur führt zu einer typisch europäischen Praxis, der sich andere Länder wie Japan angeschlossen haben: Der Markt wurde reguliert, bevor er überhaupt entstehen konnte. Die europäische Regulierung („Micar“) sei aus der Sicht von Aufsehern geradezu beispielhaft gewesen, lobte Shin Hyun-song, Gouverneur der Zentralbank von Korea und hochangesehener Finanzökonom, auf einer Veranstaltung der BIZ.

Doch die in Europa und Asien ersonnenen Regulierungen glichen zwar einem komfortablen, schön beleuchteten und gut klimatisierten Haus, führte Shin weiter aus. Allerdings wolle in diesem Haus kaum jemand wohnen. Denn die amerikanische Regulierung bleibt im Vergleich lockerer, und der Marktführer Tether wird in El Salvador noch weniger reguliert. Dennoch findet das Geschäft im Dollar statt. „Warum haben sich die Stablecoins in anderen Währungen als dem Dollar trotz sehr guter regulatorischer Rahmenbedingungen nicht durchgesetzt?“, fragte Shin.
Er gab mit Verweis auf eine neue Untersuchung aus der Federal Reserve Bank of Kansas eine Antwort: Offenbar werden auf Dollar lautende Stablecoins stärker als bisher vermutet international als ein anonymes, unverzinsliches Wertaufbewahrungsmittel ähnlich wie Bargeld nachgefragt. Banknoten, vor allem höhere Nennwerte, sind seit Langem als Wertaufbewahrungsmittel in vielen Ländern beliebt. Offenbar entwickelt sich der Stablecoin als eine Konkurrenz zu Dollar-Banknoten, von denen sich ein erheblicher Teil außerhalb der Vereinigten Staaten befindet.
Stablecoins erlauben Anonymität
Auch Gopinath erblickte auf der Grundlage aktueller Forschungen im Wunsch nach Anonymität eine wichtige Ursache der Nachfrage nach Stablecoins. Eine solche Nachfrage bestehe durchaus, meinte Michelle Bullock, die Gouverneurin der Reserve Bank of Australia. Aber es handele sich nicht um ein Massenphänomen. In Australien kommen drei zugelassene Stablecoins auf eine Marktkapitalisierung von zusammen 10 Millionen Australischen Dollar – nahezu ein Nichts im Vergleich zum Bargeldumlauf von rund 100 Milliarden Australischen Dollar.

Die Untersuchung aus der Federal Reserve Bank of Kansas zeigt, dass die Bedeutung der Stablecoins als Zahlungsmittel für Transaktionen bisher überschätzt wird. Gleichwohl stellen sich Banken auf eine wachsende Bedeutung ein. „Im Zuge der weiteren Entwicklung der Regulierung, der Marktinfrastruktur und der Beteiligung institutioneller Anleger werden Stablecoins zunehmend im Zusammenhang mit Zahlungsverkehr, Cash-Management, tokenisierten Vermögenswerten und grenzüberschreitenden Finanzströmen in Betracht gezogen“, heißt es bei der Standard Chartered Bank. Nach einer von der Ökonomin Wenxin Du (Harvard Business School) auf der BIZ-Konferenz vorgestellten Analyse bieten Stablecoins mit Blick auf Kosten und Effizienz aus heutiger Sicht jedoch keine „Wunderlösung für grenzüberschreitende Zahlungen“.
Shin hat schon vor Jahren die Schaffung von Stablecoins in unserer Zeit mit der Schaffung unbaren Geldes durch die Bank von Amsterdam im 17. Jahrhundert verglichen. Damals gab die Bank gegen Gold und Silber als Sicherheit Bankeinlagen aus, die eine Vereinfachung des Zahlungsverkehrs erleichterten. Die Bank von Amsterdam, damals ein privates Institut, arbeitete erfolgreich, bis sie ihre eigenen Regeln verletzte und zu viel Kredit an fragwürdige Adressen vergab.
In einer Arbeit mit Rodney Garratt vertrat Shin vor wenigen Jahren die These, dass die Zukunft des Geldwesens nicht in einer Rückkehr zur unregulierten privaten Geldemission wie in der Zeit der Bank von Amsterdam, sondern in einer Tokenisierung des Geldes im erprobten zweistufigen Banksystem mit einer (meist staatlichen) Zentralbank und Geschäftsbanken bestehen sollte. Im Projekt Hangang, das er auf dem jüngsten Forum der Europäischen Zentralbank in Sintra vorstellte, erprobt er als Gouverneur der Bank von Korea eine digitale Welt, in der auf einer Plattform Token aus Zentralbankgeld, Geschäftsbankengeld und Wertpapieren miteinander agieren können.
