Wenn es ums Geld geht, hat Franziska Zolldahn keine Scheu, ihr Gegenüber bis ins letzte Detail zu löchern. „Wie steht es um das Vermögen Ihrer Eltern? Könnten die etwas beisteuern?“ Das sind Fragen, die sie immer wieder stellt – auch wenn sie manchem unangenehm sind. Doch das darf Zolldahn nicht stören, sonst würde sie ihrem Job nicht gerecht. Als Beraterin beim Baufinanzierungsvermittler Interhyp ist es ihre Aufgabe, für ihre Kunden den besten Baukredit zu finden. Und da gehört es nun mal dazu, deren finanzielle Situation gut zu kennen. Schließlich gilt: Je mehr Eigenkapital sie mitbringen, desto günstiger sind die Konditionen bei der Bank.
Zolldahn stellt die Frage aber nicht nur der Vollständigkeit halber. Sie tut es, weil sie weiß, dass die Antwort immer häufiger „Ja“ lautet. Ihre Kunden zögern zwar manchmal anfangs etwas. Doch es kommt nicht mehr selten vor, dass Eltern ihren erwachsenen Kindern schon zu Lebzeiten etwas vermachen und nicht erst nach dem Tod – eine Art vorgezogenes Erbe.
Das berichtet nicht nur Zolldahn, sondern das bestätigen auch Erbschaftsberater wie Claus Büttner. „In den vergangenen Jahren ist das Thema vorweggenommene Erbfolge deutlich präsenter geworden“, sagt er. Ähnlich klingt die Antwort der Deutschen Bank: Vorgezogene Erbschaften spielen in den Beratungen vermehrt eine Rolle, so die Bank. Es werde immer mehr Vermögen zwischen den Generationen übertragen.
Die Babyboomer haben ein enormes Vermögen aufgebaut
In vielen Fällen ist der Anlass der Hauskauf. Immobilien sind schließlich teuer geworden. Besonders in den Großstädten ist es für junge Paare kaum mehr möglich, ohne elterliche Unterstützung das notwendige Eigenkapital aufzubringen. Wer das Glück hat, eine Familie mit genug finanziellen Ressourcen zu haben, nimmt die Unterstützung auch an. Doch das ist nur ein Teil der Erklärung. Der Trend zum vorgezogenen Erbe reicht tiefer, als es auf den ersten Blick scheint. Zumal mit dem früheren Erbe neue Konflikte einhergehen. Innerhalb der Familien. Aber auch in der gesamten Gesellschaft.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Dass Erbschaften immer häufiger vorgezogen werden, hat mehrere Gründe. Da ist erstens die Lebensphase, in der sich aktuell viele Babyboomer befinden. Sie gehen in Rente und sortieren ihre Finanzen. Sie überlegen, wie viel sie selbst noch brauchen und ob sie es sich leisten können, ihren Kindern schon etwas abzugeben. Was dabei gerade passiert, ist nichts Geringeres als der wohl größte Wohlstandstransfer in der deutschen Geschichte. Daher lohnt es sich, die Generation der Babyboomer genauer zu betrachten. Geboren in den 1950ern und 1960ern, ist diese Generation die reichste, die jemals gelebt hat. Erstmalig verfügt nicht nur eine kleine Elite von Adeligen und tüchtigen Geschäftsleuten über einen gewissen Wohlstand, sondern auch die Mittelschicht, sagt der schwedische Wirtschaftshistoriker Daniel Waldenström.
„Die Babyboomer haben ihren Wohlstand durch harte Arbeit erworben. Aber sie haben auch von einer außergewöhnlichen Entwicklung an den Märkten profitiert“, sagt er. Sowohl Aktien als auch Immobilien haben in den vergangenen Jahrzehnten stark an Wert gewonnen. Wer in den 1980ern oder 1990ern eine Wohnung oder ein Haus in einer deutschen Großstadt gekauft hat, darf sich freuen, dass die Immobilie heute ein Vielfaches ihres Ursprungspreises wert ist. Manche Babyboomer erben zudem gerade selbst von ihren eigenen Eltern. Wenn sie für ihre eigene Rente ausreichend versorgt sind, geben sie das Vermögen direkt an die nächste Generation weiter.
Da sei natürlich auch eine emotionale Komponente, sagt Erbschaftsberater Büttner. „Viele Babyboomer haben sich ihren Wohlstand auch mit der Motivation aufgebaut, dass es den eigenen Kindern später gut gehen soll. Sie wollen deshalb selbst noch miterleben, wie ihr Nachwuchs das Vermögen nutzt und sich damit beispielsweise eine Familie aufbaut.“
Damit nicht genug, befeuert auch ein ganz pragmatischer Faktor den Trend: die Steuern. Erbschaften sind nur bis zu einer gewissen Grenze steuerfrei. Eltern können jeweils 400.000 Euro an ihre Kinder übertragen, Großeltern an ihre Enkel 200.000 Euro. Dieser Freibetrag erneuert sich alle zehn Jahre. Wer also ein hohes Vermögen hat und früh anfängt zu vererben, zahlt insgesamt weniger Steuern. Schon allein deshalb raten Erbschaftsberater gerne dazu, mit „warmer Hand zu schenken“, wie gerne bildhaft gesagt wird.
Die Gräben zwischen Erben und Nicht-Erben zeigen sich früher
Hierzulande finden Schenkungen (was vorgezogene Erbschaften sind) am häufigsten in der Altersklasse zwischen 35 und 45 Jahren statt. Das Phänomen ist allerdings kein ausschließlich deutsches. Die britische Autorin Eliza Filby hat ein ganzes Buch darüber geschrieben und plädiert dafür, ehrlicher über „die Bank von Mama und Papa“ zu sprechen. Sie schildert die Vorzüge, die junge Erwachsene genießen, wenn sie von ihren Eltern finanziell unterstützt werden.
Filbys These lautet: Je früher das Vermögen der Eltern übertragen wird, desto eher können die daraus entstehenden Privilegien genutzt werden. Sie reichen vom Studium an der Eliteuniversität und der Unterstützung beim Hauskauf bis hin zu der Frage, wer sich traut, ins Risiko zu gehen, um ein Unternehmen zu gründen.
Das sorge auch für Spannungen innerhalb von Freundesgruppen, stellt sie fest. Denn die Gräben zwischen Erben und Nicht-Erben zeigen sich schleichend in den Zwanzigern und Dreißigern. Etwa wenn sich ein Paar aus der eigenen Freundesgruppe plötzlich ein schickes Haus am Stadtrand kaufen, von dem man nie erwartet hätte, dass sie sich das leisten könnten. Oder wenn Freunde Urlaube buchen, die offensichtlich weit über ihr Budget als Normalverdiener hinausgehen. Wie können die sich das leisten, wird hinter vorgehaltener Hand gerne getuschelt. Selbst mit engen Freunden spreche man ungern über Geld, konstatiert Filby in einem Podcast. „Über nicht selbst erarbeitetes Geld spricht man noch viel weniger.“
Denn gesellschaftlich triggern die Erbschaften das, was der Ökonom Maximilian Stockhausen als „Leistungs-Gerechtigkeitsempfinden“ bezeichnet. „Wer erbt, hat dieses Geld geschenkt und nicht durch eigene Leistung bekommen – und das wird häufig als ungerecht empfunden“, sagt er. Die Kritik ist nicht neu, sondern so alt wie das Erben selbst. So argumentierte der britische Philosoph John Stuart Mill im 19. Jahrhundert damit, dass Erbschaften dem Leistungsprinzip widersprächen. Doch angesichts des Trends zum vorgezogenen Erbe und der Rekordsummen, die jährlich vererbt werden, erlebt das Thema eine neue Hochkonjunktur.
Genaue Zahlen dazu, wer wie viel erbt, gibt es nicht, weder global noch deutschlandweit. Basierend auf den Steuerdaten melden die Finanzämter einen Höchststand von 113 Milliarden Euro bei Erbschaften und Schenkungen. Und darin ist jenes Vermögen, das unter den Freibeträgen liegt, noch nicht einmal enthalten.
Meldungen dieser Art befeuern die Debatte rund um die Reform der Erbschaftsteuer. Zur Wahrheit gehört aber auch: Die Erbschaften, von denen hier die Rede ist, betreffen nicht primär Superreiche, sondern die obere Mittelschicht, die zum Beispiel Omas Häuschen weitergibt – und da findet ja fast jeder Politiker, dass das bitte steuerfrei bleiben soll. Das bedeutet auch: Vollständige Gleichheit wird es wohl nie geben.
Mit dem Erbe gehen oft Erwartungen einher
Die Frage nach der Gerechtigkeit gräbt sich bis in die einzelnen Familien hinein und sorgt für neue Spannungen. Der Vorteil des vorgezogenen Erbes: Die Beteiligten leben noch, und man kann über alles reden. Der Nachteil ist: Man muss darüber reden. Manche Töchter und Söhne fragen sich, inwiefern es überhaupt in Ordnung ist, Mama und Papa um Geld zu bitten. Auf der Plattform Reddit, auf der sich viele junge Erwachsene austauschen, wird diese Frage leidenschaftlich diskutiert. Ob es legitim sei, beim Kauf einer Immobilie Geld von den Eltern zu erhalten, fragte ein Nutzer unlängst. Darunter häufen sich die Kommentare. Absolut, meint ein weiterer Nutzer. „Ich persönlich würde mir blöd vorkommen“, schreibt eine junge Frau.
Einer Auswertung der Deutschen Bank zufolge erwarten 86 Prozent der künftigen Erben, dass die Erblasser – also die Eltern – das Thema ansprechen. Aber auch die zögern manchmal, etwas von ihrem Vermögen abzugeben, selbst wenn sie genug haben. Sie erinnern sich an ihre eigene Jugend und wollen, dass ihr Nachwuchs einen Teil selbst erarbeitet und bereit ist, verantwortungsvoll mit dem Geld umzugehen.
Wer kein Erbe erwartet, tut solche Gedanken leicht als Luxusprobleme ab. Für die Beteiligten stellen sie aber ein echtes Dilemma dar, weiß Erbschaftsberater Claus Büttner. Er hat daher einen ganz konkreten Rat, um die Gespräche möglichst konfliktfrei zu führen: „lieber im kleinen Kreis starten und ihn dann vergrößern.“ Damit meint er: Gerade bei mehreren Geschwistern sollten Eltern zuerst das Gespräch mit den einzelnen Kindern suchen, ihnen ihre Ideen vorstellen und erst dann als Familie gemeinsam an einem Tisch darüber sprechen. So könne man vermeiden, dass sich der Einzelne überrumpelt fühle.
„Emotional etwas zurückbekommen“
Weiteres Konfliktpotential bergen auch die Erwartungen der Erblasser, sagt Büttner. Manche haben genaue Vorstellungen davon, wie der Nachwuchs das Geld verwenden soll. Der Gesetzgeber gibt dafür Möglichkeiten, sich abzusichern, etwa über Schenkungen mit Auflagen. Möglich ist auch der Nießbrauch, bei dem das selbstbewohnte Haus an die Kinder überschrieben wird, aber die Eltern noch weiter darin wohnen bleiben.
Noch komplizierter wird es, wenn die Erwartungen über den Verwendungszweck hinausgehen. „Viele Erblasser hoffen, dass sie emotional etwas zurückbekommen“, sagt Büttner. Gemeint ist, dass die Familie enger zusammenwächst, dass die Enkel öfter zum Spielen vorbeikommen oder dass die Kinder sich später mal um ihre Eltern kümmern, sollten diese körperlich geschwächt sein und Pflege benötigen.
Das vorgezogene Erbe dient dann nicht nur den Erben selbst. Sondern auch denjenigen, die sich das Vermögen aufgebaut haben.
