Faust hoch, Mundwinkel hoch, Pose fürs Publikum. Viel verhaltener kann man nicht feiern. Alexander Zverev hält sich dieser Tage in Wimbledon sehr zurück mit Zeichen der Freude oder wenigstens der Befriedigung. Was nach seinen Angaben daran liegt, dass er sein Vorhaben noch nicht abgeschlossen hat.
„Ich bin glücklich, im Finale zu sein. Aber das Turnier geht weiter. Am Sonntag ist das nächste Match“, erklärt der French-Open-Sieger, warum selbst der Einzug ins Endspiel eines Turniers, bei dem er zuvor nie übers Achtelfinale hinausgekommen war und im vergangenen Jahr sogar in der ersten Runde gescheitert war, kaum eine Gefühlsregung entlockt. „Ich muss am Sonntag ein vernünftiges Tennismatch spielen, das ist die Hauptsache.“ Noch Fragen?
Geschäftsmäßig zieht Zverev seine Runden
Zverev tritt dieser Tage auf wie ein Investmentbanker einer Hamburger Privatbank, der neulich in Paris einen großen Deal abgeschlossen und nun in London einen weiteren eingefädelt hat. Geschäftsmäßig zieht der Neunundzwanzigjährige bei dem Rasenklassiker seine Runden, ein Mitbewerber nach dem anderen wird ausgestochen und abgehakt, zuletzt im Halbfinale in Arthur Fery ein Einheimischer. Ob Zverev nach einem Finalerfolg die Korken knallen ließe und beim Champion’s Dinner aus sich herauskäme? Schwer vorstellbar.
Die Konzentration auf das Wesentliche hat dem Deutschen geholfen, als er nach dem unerwarteten Zweitrundenaus von Jannik Sinner in Paris plötzlich als einsamer Turnierfavorit dastand und dieser Rolle gerecht wurde. Sein damals entwickeltes Mantra gilt bis heute: Darauf konzentrieren, was man kontrollieren kann, außerdem Mario-Kart spielen und die Hunde knuddeln.
Der Titelverteidiger und Weltranglistenerste wartet
An diesem Sonntag wird es schwer genug: Es wartet Jannik Sinner, der Titelverteidiger und Weltranglistenerste (17 Uhr/kostenlos auf Prime Video). Der Italiener hat sich fünf Runden lang eher so lala durchs Turnier geschlagen, aber am Freitag im Halbfinale wieder gewohnt respekteinflößend gespielt und den Grand-Slam-Rekord-Champion Novak Djokovic glatt bezwungen.
Zverev geht mit der Bürde ins Finale, gegen Sinner die zurückliegenden neun Matches verloren zu haben. Darunter auch das letzte Aufeinandertreffen bei einem Grand-Slam-Turnier, den Australian Open 2025. Damals ließ Zverev bei der Siegerehrung seinen Gefühlen freien Lauf, bezeichnete sich frustriert als zu schlecht, um Sinner etwas entgegenzusetzen. War natürlich übertrieben damals, wie heute alle wissen. „Es wird sehr schwer und ein völlig anderes Match als alle vorherigen“, sagte Sinner im Hinblick aufs Wimbledonfinale.
Dieser Meinung sind auch frühere Tennisprofis, die heute in Wimbledon als Experten für Prime Video im Einsatz sind. Zum Beispiel Andrea Petkovic. „Ich glaube, dass Sascha jetzt so weit ist, dass das Match fifty-fifty sein wird und dass es darauf ankommen wird, wer die bessere Tagesform hat, wem die Bedingungen besser liegen“, sagte die Darmstädterin in einer Medienrunde des Streamingdienstes: „In der Vergangenheit hatte man oft das Gefühl, dass er schon relativ schnell in den ersten 20 Minuten die Hoffnung verlor.“
Neues Selbstbewusstsein nach dem French-Open-Sieg
Besonders ist die 15. Begegnung der beiden vor allem aus zweierlei Gründen: Es ist die erste auf Rasen, und die erste, seit Zverev in Roland Garros triumphierte. Dass der Hamburger seither anders auftritt, ist ersichtlich und hat sich herumgesprochen. „Er spielt im Moment sehr aggressiv, schlägt stark auf, hat gutes Selbstvertrauen und wirkt entspannt auf dem Platz“, so Sinners Eindrücke. Auch den Vierundzwanzigjährigen trägt sein starkes Service durchs Turnier. Zudem hat er gegen Djokovic Präzision und das Tempo der Grundschläge angezogen.
Zverev selbst erklärt seinen Durchmarsch in Wimbledon mit seiner seit Monaten aggressiveren Spielweise, vor allem mit der Vorhand. Und zum anderen mit seinem neuen Selbstbewusstsein nach dem French-Open-Sieg. „Wenn du einmal ein Major gewonnen hast, dann trägst du das Gefühl in dir, es nochmal schaffen zu können“, sagte der erste Deutsche seit Boris Becker 1995, der im Einzelfinale der Herren steht. Sinner kennt das Gefühl. Er kann schon vier Grand-Slam-Tiel vorweisen.
Nicht jedem Champion ist es allerdings gegeben, weitere Titel folgen zu lassen. „One Slam Wonder“ gab es in der Tennisgeschichte genug. Aus Österreich zum Beispiel Dominic Thiem, der nach drei verlorenen Endspielen 2020 bei den US Open eines der bedeutendsten Turniere gewann – gegen Alexander Zverev nach 0:2-Satzrückstand.
„Er hat alles reingehängt, diesen Grand-Slam-Titel zu gewinnen“, sagte der Deutsche, als er vor dem Duell mit Sinner darauf angesprochen wurde: „Für ihn war es danach eine Erleichterung, die wohl zu groß war.“ Zverev ist anders gestrickt. „Ich bleibe hungrig. Ich will mehr.“
Bevor er sein Business in Wimbledon nicht abgeschlossen hat, wird nicht gejubelt. „Ich glaube, dass sich in dem Match vieles entscheiden wird für Sascha“, sagte Andrea Petkovic: „Wenn es ein enges Match wird, wird er – selbst wenn er verliert – ganz anders in den Rest des Jahres gehen.“
