
„Nur unser tiefer Glauben und der daraus blühende, fast uferlose Optimismus war es, der uns wieder leben ließ“: So begründete Hermann Zvi Guttmann den trotz aller Verfolgungen der Vergangenheit einsetzenden Wiederaufbau jüdischen Lebens. Mit der von ihm entworfenen, am 2. September 1956 eingeweihten Neuen Synagoge an der Offenbacher Kaiserstraße setzte der Architekt ein Zeichen für diesen Neubeginn: Guttmanns Bauwerk war die erste Synagoge, die in Hessen seit der Schoa errichtet wurde.
Der im Juli 1945 gegründeten Jüdischen Gemeinde Offenbach gehörten zum Zeitpunkt der Synagogeneinweihung weniger als 100 Mitglieder an. Die nach der Katastrophe radikal veränderte Lage der Juden in Deutschland spiegelte sich auch in Guttmanns Bau wider, der von der Straße zurückgesetzt stand und von Bäumen verdeckt war. „Wir bauen etwas Neues, aber wir sind ganz vorsichtig und ziehen uns möglichst zurück“: So charakterisiert Alfred Jacoby die Einstellung der Erbauer.
Gleichwohl, so der Architekt und Ehrenvorsitzende der Jüdischen Gemeinde Offenbach, habe sich Hermann Zvi Guttmann baulich auf die zerstörte Vorgängergemeinde bezogen. Bei der von ihm entworfenen, 1997 fertiggestellten Erweiterung des Gebäudekomplexes berücksichtigte Jacoby diesen Bezug: Wenn man in der Guttmann-Synagoge stehe und von dort aus auf die Kuppel der alten Synagoge an der Goethestraße schaue, dann merke der Betrachter, „dass es die Intention des Architekten Guttmann war, die beiden Thoraschreine in eine Linie zueinander zu positionieren – auch wenn einer von ihnen schon vor Baubeginn gar nicht mehr da war“.
Die Gemeinde ist durch Zuwanderung gewachsen
Die Erweiterung der Guttmann-Synagoge und den Bau eines Gemeindezentrums mit Kindergarten hatte Max Willner angeschoben. 1906 in Gelsenkirchen geboren, gehörte Willner zu den Begründern der Jüdischen Gemeinde Offenbach und stand ihr bis zu seinem Tod 1994 vor. In dieser Funktion sprach er auch bei der Synagogeneinweihung vor 70 Jahren. Durch Zuwanderung aus Rumänien, Polen, Israel und der Sowjetunion erreichte die Gemeinde zwischenzeitlich fast wieder ihre Vorkriegsgröße. „Offenbach war eine Stadt, die nichts dagegen hatte, wenn viele kamen“, sagt der 1950 geborene Alfred Jacoby. Die um 1991 einsetzende Einwanderung von Juden aus der zerfallenden Sowjetunion traf die Jüdische Gemeinde insofern nicht gänzlich unvorbereitet.
2025 zählte die Jüdische Gemeinde Offenbach 683 Mitglieder, davon sind fast die Hälfte über 60 Jahre alt. Den Mitgliederschwund findet Jacoby bedenklich. Als Vorstandsmitglied des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden in Hessen kennt er die landesweite Lage. Zur Überalterung komme in ländlicheren Regionen eine mangelhafte Infrastruktur hinzu. Zudem entfalte Hessens größte jüdische Gemeinde einen Sog: „Viele Juden schauen nach Frankfurt.“
„Jüdisches Leben attraktiver machen“
„Wir bemühen uns, jüdisches Leben zu ermöglichen und attraktiver zu machen“, beschreibt Jacoby die Rolle des Landesverbandes. Unlängst verlängerte die Landesregierung den Staatsvertrag mit dem Landesverband um fünf Jahre. Die Landesleistungen sollen bis 2031 schrittweise auf acht Millionen Euro verdoppelt werden. Zudem wurde der Vertrag über die Sicherheitsleistungen erneuert.
Offenbachs Oberbürgermeister Felix Schwenke (SPD) zeigt sich auf Anfrage „froh und dankbar, dass es in Offenbach eine starke und aktive jüdische Gemeinde gibt, mit der wir gerne zusammenarbeiten“. Für die Stadt gelte der Anspruch: „Jüdisches Leben muss in Offenbach nicht nur möglich sein, sondern selbstverständlich sein, sichtbar und sicher.“ Schwenke verweist unter anderem auf vielfältige kommunale Bemühungen im Kampf gegen Antisemitismus, Rassismus und Extremismus sowie auf den Einsatz für Erinnerung.
Das 70-jährige Bestehen der Synagoge an der Kaiserstraße erinnere „vor allem an den bemerkenswerten Neubeginn jüdischen Lebens in unserer Stadt“, sagt Felix Schwenke. Die Einstellung der Gründergeneration, der auch sein Vater, ebenfalls Architekt, angehörte, beschreibt Alfred Jacoby wie folgt: „Es gab einen Willen zum Bleiben und Sich-Etablieren.“
