Als der Kirchenrechtsprofessor Adam Weishaupt am 1. Mai 1776, vor 250 Jahren, mit einigen seiner Studenten den Bund gründete, der einige Jahre später als Illuminatenorden bekannt werden sollte, konnte er nicht ahnen, dass wenige Monate danach dreizehn englische Kolonien in Amerika ihre Unabhängigkeit ausrufen würden. Noch weniger konnte Weishaupt ahnen, dass Verschwörungstheoretiker im 19. und 20. Jahrhundert verbreiten würden, der Weißkopfadler auf der Rückseite der Dollarnote spiele auf seinen Namen an. Auf der Vorderseite sei er sogar selbst abgebildet, nicht George Washington, den er ermordet habe, um seinen Platz einzunehmen und die Weltherrschaft anzustreben. Mit der Pyramide und dem Dreieck mit sehendem Auge habe er, so die Legende, auf seine Machtansprüche und Überwachungstechnik hingewiesen. Heute ist man als Historiker manchmal müde, diese absurden Legenden immer wieder aufs Neue zu widerlegen, aber sie halten sich hartnäckig, nicht zuletzt befördert durch Sensationsromane wie den Thriller „Illuminati“ von Dan Brown.
Was in Ingolstadt 1776 tatsächlich beunruhigte, war der Umstand, dass drei Jahre zuvor der Jesuitenorden aufgehoben worden war. Niemand konnte an dieser Ex-Jesuitenuniversität nun mehr wissen, welche Zirkel sich womöglich bildeten, um dessen reaktionäre Agenda im Verborgenen weiterzuführen. Weishaupt war Ziehsohn des katholischen Aufklärers Johann Adam Ickstatt, und als solcher bemühte er sich, in seinem eigenen kleinen Geheimbund begabte Studenten vor den unterstellten Machenschaften der Gegner für die Aufklärung zu retten. Der Bund fiel bei etlichen Intellektuellen im katholischen Bayern auf fruchtbaren Boden, vor allem, als Weishaupts Schüler Franz Xaver von Zwack in München Karriere machte und dort eine Illuminatengruppe aufbaute, die Einfluss auf die Zensurbehörde und einige Ministerien gewinnen konnte. Allerdings waren die ersten Jahre keineswegs frei von inneren Konflikten und Richtungsstreitigkeiten.
Aufklärung von unten oder von oben?
Der Durchbruch gelang erst 1780, als Adolph Freiherr Knigge in den Orden aufgenommen wurde. Mit ihm, dem Niedersachsen, kam ein Stück protestantische Aufklärung in den Geheimbund. Knigge war ein begnadeter Organisator, erfahren in Freimaurerangelegenheiten, und formte die kleine bayerische Vereinigung innerhalb von kurzer Zeit zu einem deutschlandweit agierenden Netzwerk mit Hunderten von Mitgliedern. Weishaupt blieb der maßgebliche Kopf des Unternehmens, er steuerte die Ideen einer „geheimen Weisheitsschule“ bei, welche begabte und engagierte junge Leute anwerben, ausbilden und über sie eine Veränderung der Gesellschaft zum Besseren erwirken sollte. Aber Knigge ersann die Strategie, Freimaurerlogen zu unterwandern und gleichsam parasitär zu benutzen. Während Freimaurerlogen ihre Treffen geheim abhielten, waren sie doch etablierte und durchaus sichtbare Teile der Gesellschaft, ja vereinigten oftmals die aktiven Teile der Stadtbürgerschaft. Die Illuminaten hingegen operierten unter größter Verschwiegenheit, benutzten codierte Orts- und Zeitangaben sowie Decknamen, die die Identität der Mitglieder verschleierten.

Es gab eine Reihe von paradoxen Elementen, die von Anfang an in den Orden eingebaut waren und ihn auch belasteten. Inhaltlich wollte man Aufklärung und verortete sich im „liberalen“, ja radikalen Segment der ständischen Gesellschaft. Zugleich aber hatte man von den Jesuiten die strenge, von unten her intransparente Hierarchie übernommen und praktizierte eine genaue Überwachung der Mitglieder. Gerade Weishaupt gerierte sich als zuweilen cholerischer Anführer. Wie ging das zusammen?
Es gab außerdem einen gewissen Widerspruch zwischen der offenen Diskussionskultur in den Ordensniederlassungen, wo man sich selbst geschriebene Aufsätze vorlas, und der immer weiter ausufernden Bürokratie einer schnell wachsenden Organisation. Protokolle wurden verfasst, die Mitglieder waren angehalten, alle vier Wochen einen Bericht über ihre Tätigkeit und Ansichten abzugeben, auf den sie wiederum Antwort von den „unbekannten Oberen“ bekamen. Das brachte Überforderung mit sich, Irritationen, Unsicherheiten. Schließlich ergab sich noch eine weitere Paradoxie, als durch Knigges Bestrebungen der Orden, der doch gegen die Herrschaft von Fürsten und „Pfaffen“ angehen wollte, auch Hochadelige und Fürsten in seine Reihen aufzunehmen begann. Was wollte man, Aufklärung von unten oder von oben?
Die bessere Alternative
Weishaupt und Knigge schrieben derweil „Grade“ für die Mitglieder: Texte, die gelesen wurden, wenn man in eine jeweils höhere Stufe des Bundes initiiert wurde. Diese Gradtexte waren das Mark des Ordens. In ihnen steckte eine Philosophie der Mündigkeit, ja eine Geschichtskonstruktion der unabwendbaren Vervollkommnung der Menschheit und sogar – im höchsten Grad – eine gewagte Erkenntnistheorie höherer Einsichten. Auch um diese Texte gab es, wie sollte es anders sein, Streit und Kontroversen innerhalb der Führungsspitze. Nach Weishaupts Geschmack hatte Knigge zu viel Theosophie und Hokuspokus in die mittleren Grade eingebaut. Den professoralen Mitgliedern aus Göttingen, die dem Empirismus nahestanden, waren hingegen die von Weishaupt formulierten höheren „Mysteriengrade“ zu viel Spekulation.

1782 machte der Orden nochmals einen Sprung nach vorn. Die deutsche Hochgradfreimaurerei war in die Krise geraten. Ihre selbst gestrickten Legenden, man leite sich von den Templern des Mittelalters her und diese wiederum vom biblischen Salomo, waren destruiert worden, Scharlatane hatte die „Strikte Observanz“ diskreditiert. Auf dem Konvent zu Wilhelmsbad gelang es, den Illuminatenorden als bessere Alternative zu präsentieren und viele Geheimbündler zu sich hinüberzuziehen.
Der neue starke Mann wurde jetzt Johann Joachim Christoph Bode, ein Übersetzer und Netzwerker, der in Weimar lebte und dem es schon bald gelang, Knigge aus dem Orden zu drängen. Bode gehörte zu denen, die eine Aufklärung von oben für legitim erachteten. So warb er nicht nur zahlreiche neue Mitglieder an, sondern baute auch den regierenden Herzog von Sachsen-Gotha-Altenburg, Ernst II., zum neuen „National-Oberen“ des Ordens auf, hinter dem er von Gotha aus die Fäden ziehen konnte.
Da kam plötzlich doch das Ende
Der Schwerpunkt des Geheimbundes hatte sich jetzt endgültig von Bayern ins protestantische Mitteldeutschland verlagert. Der Bund war nicht mehr auf den Gründer in Ingolstadt zugeschnitten, sondern wurde polyzentrisch, mit aktiven und relativ eigenständigen Illuminatengruppen fast in jeder größeren Stadt. In Heidelberg saß der Pastor Johann Friedrich Mieg mit seinen Leuten; in Wetzlar hatte Franz Dietrich von Ditfurth große Teile des Reichskammergerichts unter illuminatische Kontrolle gebracht; in Göttingen formten die Professoren Feder, Meiners, Spittler und Koppe einen inoffiziellen Zirkel; in Neuwied besaß Johann Martin Graf zu Stolberg-Roßla großen Einfluss. Hinzu kamen wichtige Niederlassungen unter anderem in Aachen, Bonn, Braunschweig, Bremen, Bruchsal, Brünn, Celle, Erfurt, Frankfurt, Freiburg, Freising, Hannover, Jena, Kassel, Landsberg, Mainz, Mannheim, Prag, Salzburg, Speyer und Wien. Das Übergewicht des Protestantischen verstärkte sich noch, als der Orden 1784/85 in Bayern verboten wurde. Weishaupt musste in die freie Reichsstadt Regensburg fliehen und kam von dort 1787 ins Gothaer Exil, wo er den Rest seines Lebens verbrachte. Er starb erst 1830.
Wegen der Verfolgung hob sich der Orden im April 1785 schließlich selbst auf. Viele Darstellungen seiner Geschichte enden deshalb hier. Doch die Suspendierung galt zunächst nur für die südlichen Teile, in Mitteldeutschland und im Norden hingegen erlebten die Illuminaten erst jetzt ihre größte Blüte und ihre weiteste Ausdehnung.
Weishaupt spielte dabei eine immer geringere Rolle. Stattdessen regten sich in der Führungselite Bestrebungen, den Orden zu „demokratisieren“ und die Gradhefte zu „reinigen“. Das hatte mit dem Bemühen zu tun, eine im katholisch-konservativen Umfeld entstandene Dissidentenbewegung in eine großflächige, geradezu staatstragende Aufklärungsgesellschaft umzuformen, bei der die protestantischen Aufklärer keine Selbstwidersprüche mehr monieren mussten. Bode hatte alle Hände voll zu tun, Ernst II. und seine Gothaer Illuminaten betrieben vom abgelegenen Haus des Hofgärtners aus eine selbstbewusste Kulturpolitik für eine freiere Gesellschaft.
Dann kam plötzlich doch das Ende. Eine publizistische Auseinandersetzung um den Orden hatte begonnen, eine Schlacht zwischen Kräften der Beharrung und der Veränderung. 1787 bekämpfte die Bayerische Regierung das Geheimbundwesen, indem sie dessen Papiere beschlagnahmte und schonungslos publizierte. Dadurch wurden zunächst die „Originalschriften“ bekannt, die bei einer Hausdurchsuchung von Zwacks Anwesen in die Hände der Behörden gefallen waren, wenig später ergänzt durch den „Nachtrag von weitern Originalschriften“. Letzterer war desaströs besonders für Weishaupt selbst, denn er enthielt Briefe, in denen sich Weishaupt bei Kollegen informierte, wie ein Kind abzutreiben sei. Er hatte nach dem Tod seiner Frau deren Schwester geschwängert, ohne bereits einen päpstlichen Dispens für eine neue Ehe in Händen zu haben.
Zugleich wurde der Öffentlichkeit aus den Dokumenten erstmals klar, dass es Weishaupt war, der den Orden gegründet und als geheimer Führer geleitet hatte. Nun war das hohe idealistische und moralische Pathos zerstört, das Weishaupt so hochgehalten hatte. Selbst viele seiner Anhänger wandten sich von ihm ab.
Aufklärerische Verd
Ernst II. stellte in der Folge nicht nur Weishaupt in Gotha kalt, sondern hob auch den Orden als Ganzen auf. Der Herzog war ohnehin seit etlichen Monaten des Bundes mehr und mehr überdrüssig geworden, selbst wenn er zunächst die Möglichkeiten geschätzt hatte, in dessen Rahmen Politik viel weitreichender gestalten zu können als in seiner gewöhnlichen Rolle als Duodezfürst.
Auch damit war freilich nicht alles vorbei. In einigen Niederlassungen trafen sich die Mitglieder munter weiter, weil sie Gefallen an den internen Debatten gefunden hatten. Bode versuchte, mit einer Strategieänderung den Reformimpuls aufzufangen, den die Illuminaten repräsentierten. Er setzte jetzt wieder mehr auf „reine“ Freimaurerei und bemühte sich, einen „Bund deutscher Freimaurer“ auf die Beine zu stellen.
Als er 1794 starb, war zwar längt die Französische Revolution ausgebrochen, ja es gingen bereits Verschwörungstheorien um, die Illuminaten hätten mit ihren Frankreichkontakten diese Revolution ausgelöst. Doch in Deutschland gab es immer noch Versuche, das Erbe der Illuminaten zu retten. Karl Leonhard Reinhold verschmolz die Moralphilosophie Kants mit den Vollkommenheitsidealen des Ordens und führte Listen darüber, wer in einen „Moralischen Bund der Einverstandenen“ aufgenommen werden könnte. Noch immer hegte man die Vorstellung, eine Elite von 20 oder 30 ausgesuchten Intellektuellen könne Deutschland die Richtung weisen.
Das war sicherlich eine Illusion. Doch kommt in den Forschungen der vergangenen Jahre zunehmend in den Blick, wie sehr die Illuminaten in ihren durch Geheimhaltung geschützten Diskussionsräumen an Errungenschaften wie der Verbreitung des Kantianismus, der sozialen Strafgesetzgebung, der Etablierung der Menschenrechte oder einer neuen Reformpädagogik mitgewirkt haben. Das war zweifellos folgenreicher als ihr angebliches Streben nach Weltherrschaft.
Martin Mulsow war bis März 2026 Professor für Wissenskulturen der europäischen Neuzeit an der Universität Erfurt.
