
Gemessen an den hohen Erwartungen, endete die Aufsichtsratssitzung bei Volkswagen mit einer Mitteilung zur Halbierung der Modellpalette eher unspektakulär. Kein Wort zu möglichen Werksschließungen und dem drohenden Abbau Zehntausender Arbeitsplätze. Mehr kann das Management von Europas größtem Autohersteller allein eben nicht entscheiden.
Alles Weitere lässt sich in der kompliziertesten Konzernstruktur der Republik nur mit allen „Stakeholdern“, von denen Arbeitnehmervertreter und das Land Niedersachsen eine besonders starke Stellung einnehmen, durchsetzen. Erwartungsgemäß fiel das Konzept von Vorstandschef Oliver Blume erst mal durch. Im September soll es weitergehen.
Dass Volkswagen trotz des Sparpakets, das vor nicht einmal zwei Jahren geschnürt worden war, noch immer ein Sanierungsfall ist, zeigen die Absatzzahlen. In China, wo die Wolfsburger einst Traumrenditen erzielten, ging es abermals bergab. Dass BMW und Mercedes genauso leiden, belegt die strukturelle Misere: Der Konsum im Reich der Mitte lahmt, und einheimische Hersteller haben im Elektrosegment auch dank umstrittener Förderpraktiken die Nase vorn. Zusammen mit der Zoll- und Handelspolitik von US-Präsident Donald Trump ergibt sich ein perfekter Sturm.
Vorsicht vor dem Wolfsburger Konsens-Dickicht
Volkswagen muss künftig kleinere Brötchen backen, sitzt deshalb auf Überkapazitäten – vor allem am Hochlohnstandort Deutschland. Es ist nachvollziehbar, dass Ministerpräsidenten und Betriebsräte um gut bezahlte Industriearbeitsplätze kämpfen. Eine Stelle als Facharbeiter bei VW mit Betriebsrente und Gewinnbeteiligung galt lange als Versprechen dafür, dass man es dank seiner Hände Arbeit zu etwas bringen kann.
Doch auf Dauer kann niemand Produktionskapazitäten für Autos vorhalten, die die Welt nicht mehr braucht. Die erforderliche Anpassung bedarf nun eines gemeinschaftlichen Kraftakts aller Beteiligten. Die größte Gefahr besteht darin, dass sich die Akteure dabei im Wolfsburger Konsens-Dickicht verheddern. Dann stünde noch mehr auf dem Spiel als das Schicksal einzelner Werke.
